Bankgeschäft

BBVA hält trotz Sturm in der Türkei am Kurs fest

Die erratische Wirtschaftspolitik der Türkei belastet die spanische Großbank BBVA, die gerade erst die Tochter Garanti vollständig übernommen hat. Gleichwohl ist der Bankkonzern solide aufgestellt, die Kriegskasse ist gefüllt.

BBVA hält trotz Sturm in der Türkei am Kurs fest

ths Madrid

Die Wirtschafts- und Währungskrise der Türkei belastet zunehmend auch die spanische Großbank BBVA: Vor allem die letzten Wochen des zurückliegenden Jahres haben Manager und Aktionäre der Bank reichlich Nerven gekostet. Am 15. November hatte das Institut überraschend angekündigt, die Anteile von 50,15% an der türkischen Tochter Garanti, die noch nicht in ihrem Besitz waren, aufzukaufen. Seitdem haben sich die schlechten Nachrichten überschlagen.

Zu Beginn des Dezembers trat erneut ein türkischer Finanzminister wegen Differenzen mit dem wirtschaftspolitischen Kurs von Präsident Recep Tayyip Erdogan zurück. Die Notenbank senkte die Zinsen ein ums andere Mal – zuletzt von 15 auf 14% – trotz einer weiterhin galoppierenden Inflation von mehr als 20%. Die türkische Lira ist im freien Fall. Bei jeder schlechten Nachricht sackte der Kurs von BBVA ab. Die Aktie hatte Anfang November mit knapp 6,28 Euro den Jahreshöchststand erreicht und ging am Dienstag mit 5,39 Euro aus dem Handel.

Die Vorstände von BBVA setzen bei dem Sturm am Bosporus auf das Prinzip Augen zu und durch. Der CEO der Bank, Onur Genç, kann dem wirtschaftlichen Chaos in seinem Heimatland sogar etwas Positives abgewinnen. „Der Kaufpreis (für Garanti) hat sich mit jedem Tag verbessert“, erklärte Genç Ende November. Statt der vorgesehenen 2,25 Mrd. Euro für die kompletten 50,15%, müsste man nach damaligem Stand nur noch 1,8 Mrd. Euro entrichten.

Doch kann man dem BBVA-Vorstand keine Augenwischerei vorwerfen bezüglich der Komplettübernahme der Tochter in der Türkei. „Wir waren uns der Risiken bewusst, aber diese sind auf vielfältige Weise gemanagt“, sagte der CEO. Die Probleme in der Türkei sind nichts Neues, und BBVA muss seit Jahren sein Engagement dort verteidigen. Der Vorstand um Genç und den Vorsitzenden Carlos Torres zeigt sich vom Potenzial des 84 Millionen Einwohner zählenden Landes überzeugt, und zwar wegen der jungen Bevölkerung, der strategischen Lage und der niedrigen Penetration der Banken.

Analysten wägen zwar die Risiken durch die erratische Wirtschaftspolitik Erdogans ab. Die meisten halten den Deal mit Garanti jedoch aus finanzieller Sicht für sinnvoll. Denn nach dem Verkauf des US-Geschäfts im Jahr 2020 saß BBVA auf überschüssigem Kapital von 8 Mrd. Euro. Davon fließen 3,5 Mrd. Euro in einen Aktienrückkauf. Auch nach dem Türkei-Geschäft bleibt die Kriegskasse also noch ordentlich gefüllt. Das weckt Spekulationen. Die Bank hat Übernahmen öffentlich erwogen, aber auch weitere Aktienrückkäufe oder ähnliche Operationen.

Zukäufe wolle man in den bestehenden Märkten vollziehen, sagte Genç. Da nach dem Ausstieg in den USA nun mehr als zwei Drittel des Geschäfts in Schwellenländern erzielt werden, vor allem in Mexiko und der Türkei, richten sich die Blicke auf eine Operation im spanischen Heimatmarkt. BBVA-Chef Torres hatte auf dem Investorentag im November eine Fusion mit dem heimischen Rivalen Sabadell nicht ausgeschlossen. Vor einem Jahr waren entsprechende Gespräche nach kurzer Zeit gescheitert.

Bei allen Problemen mit der Türkei gab es für BBVA zuletzt auch gute Nachricht. Die Ratingagentur Standard & Poor’s stufte BBVA von „A–“ auf „A“ herauf, unter anderem wegen der geografischen Diversifizierung und der robusten Kapitaldecke der Bank. Nach den Sparanstrengungen erwarten die Analysten in den kommenden zwei Jahren eine Eigenkapitalrendite von bis zu 10%. BBVA hat sich selbst zum Ziel gesetzt, die Aufwand-Ertrag-Quote von 44,7% bis 2024 auf 42% zu senken, ein Spitzenwert im europäischen Vergleich.

Doch kurzfristig wird man in Madrid weiter bangen Auges auf die Türkei schauen. Denn bis zu den Präsidentschaftswahlen 2023 dürften von Erdogan noch einige Überraschungen zu erwarten sein.