Matthias Wittkowski

„Sehr viel Luft nach oben“

Der Kampf um Einfluss bei der Schufa ist in vollem Gange. Im Interview der Börsen-Zeitung verspricht EQT-Partner Matthias Wittkowski Schufa-Aktionären im Fall einer Beteiligung hohe Investitionen und Wachstum.

„Sehr viel Luft nach oben“

Herr Wittkowski, EQT will die Schufa möglichst komplett übernehmen, wird aber, wenn Sparkassen und Genossen ihre Vorkaufsrechte nutzen, nicht einmal die 10 % bekommen, die SocGen Ihnen bereits versprochen hat. Wie geht es nun weiter?

Wir warten jetzt die relevanten statutorischen Prozesse ab und werden dann sehen, welche Anteilseigner sich in den kommenden Tagen oder Monaten entscheiden werden, uns ihre Anteile anzudienen, und welche anderen Aktionäre dann gegebenenfalls beschließen werden, die ihnen zustehenden Vorkaufsrechte wahrzunehmen. Wir werden weiterhin bei den Anteilseignern mit unserem umfassenden Reformkonzept, das ein klares Daten- und Verbraucherschutzprogramm enthält, werben.

Das heißt, Ihr Basisszenario sieht nicht unbedingt vor, dass Sparkassen und Genossen ihre Vorkaufsrechte nutzen werden?

Ich glaube, das ist zum jetzigen Zeitpunkt Spekulation. Das müssten Ihnen die Sparkassen und Genossen beantworten.

Die Genossen haben schon erklärt, dass sie der Schufa hohe strate­gische Bedeutung beimessen. Würden die Verbünde zugreifen, würden sie die Mehrheit halten. Wäre EQT bereit, sich mit der Rolle eines Minderheitsaktionärs zu begnügen?

EQT hat in den vergangenen zwei Jahren ein sehr umfangreiches Zukunftskonzept entwickelt, das den Verbraucherschutz stärkt und die Schufa nachhaltig als unabhängiger Datentreuhänder weiterentwickeln soll. Dieses Konzept haben wir mit der Politik, mit Datenschützern und mit Verbraucherverbänden diskutiert und durchweg positives Echo erhalten. Im Übrigen stimmt unser Konzept weitestgehend auch mit der Strategie überein, die uns vom Vorstand der Schufa im Rahmen der Due Diligence dargelegt worden ist. Es geht im Kern darum, das ungenutzte Innovations- und Wachstumspotenzial der Schufa zu aktivieren und mit zusätzlichem Kapital und Know-how zu beschleunigen. Deswegen würden wir sicherlich auch in einer solchen Situation weiter hierfür werben und uns auch als bedeutender Minderheitsaktionär engagieren. Uns liegt es am Herzen, hier partnerschaftlich an der Zukunft der Schufa zu­sammenzuarbeiten. Ein Festhalten am Status quo halten wir für falsch. Und das sehen, glaube ich, nicht nur wir so, sondern auch viele Stake­holder aus Verbraucherschutz und Politik.  

Nun ist Partnerschaft ja ein schillernder Begriff. Es gibt Minderheitsaktionäre, die ihren Lästigkeitswert maximieren, um die Auseinandersetzung um die Mehrheit auf diese Weise zu führen.  Wäre das eine Option?

Nein, wir sind bekannt als Partner der anderen Aktionäre, als nachhaltig orientierter, europäischer Investor. Diese Herangehensweise ist für uns der Fokus eines jedweden Engagements, bei einer Schufa, aber auch bei jeder anderen Investition, wie etwa einer Ottobock, wo wir derzeit auch als substanzieller Minderheitsaktionär aktiv sind und sehr kon­struktiv mit der Familie Näder das Unternehmen voranbringen.

Wie will EQT Aktionäre denn überzeugen, ihr Anteile anzudienen?

Wir haben sehr viel Zeit darauf verwandt, die Stärken und Schwächen des Geschäftsmodells der Schufa zu analysieren. Und hier ist für eine Vielzahl von Beteiligten, leider nicht für alle, evident, dass es bei Innovation, Wachstum und Verbraucherschutz sehr viel Luft nach oben gibt. Letztlich sollten alle ein Interesse daran haben, die Praxis bei der Schufa zu verbessern, sie zu modernisieren und den Reformstau aufzulösen. Und meine Überzeugung ist, dass wir als EQT eine sehr willkommene Katalysatorfunktion für eine Vielzahl von Aktionären übernehmen können für eine modernere, digitalere, eine transparente und vor allem auch verbraucherfreundliche Schufa.

Wo hat die Schufa nach Einschätzung von EQT vor allem Luft nach oben?

Aus unserer Sicht schöpft die Schufa ihr Innovationspotenzial bei weitem nicht aus. Dies legt auch ein Vergleich mit ähnlichen Unternehmen im Ausland nahe. Wir würden beispielsweise sehr darauf drängen, in ein kostenloses Daten-Cockpit mittels einer App zu investieren und diese den Verbrauchern anzubieten.

Wie soll bei einem kostenlosen Cockpit Umsatz hereinkommen?

Wettbewerber im Ausland sind in der Lage, mit zusätzlichen Dienstleistungen, die optional sind für Konsumenten, weit mehr Umsätze zu generieren. Auch im von der Schufa betriebenen E-Commerce-Geschäft besteht die Möglichkeit, deutlich stärker zu wachsen.

Geht es dabei um Bonitätsauskünfte über Konsumenten an Unternehmen, über Konsumenten an sich selbst? Oder wie muss man sich das vorstellen?

Beide Blöcke sind historische Kernbestandteile des Schufa-Geschäftsmodells. Das betrachten wir auch künftig so. Das ist aber noch nicht alles. Ich bin davon überzeugt, dass es neben dem Score weitere Geschäftsfelder gibt, zum Beispiel in der Bankenwelt.

Wo?

Beispiele wären Fraud-&-Identification-Dienstleistungen oder der KYC-, der Know-your-Client-Prozess. Dies ist ja ein compliancebasierter Prozess, bei dem Banken ein tiefgehendes Verständnis ihrer Gegenparteien, mit denen sie sich in eine Geschäftsbeziehung begeben, sicherstellen müssen. Dieser Prozess erfordert heute sehr viel manuelle Arbeit. Mit ihren Kundenbeziehungen und Geschäftsmodellen ist die Schufa sehr gut positioniert, sich mit Hilfe von Investitionen in den Vertrieb, in die Produkte und in die Beziehungen zur Bankenwelt beträchtliches Umsatzpotenzial zu erschließen.  Das erfordert von allen Eigentümern die Bereitschaft zu Investitionen.

In welchen Feldern sind die konkret nötig?

Neben vorgenannten Feldern ist ein Beispiel die IT-Plattform. Diese etwa bietet, obwohl sie von der Schufa aktuell modernisiert wird, weiterhin nicht genügend Kapazität und Geschwindigkeit, um den wachsenden Anforderungen des E-Commerce gerecht zu werden.   

Wie viel würde EQT in die Schufa investieren?

Wir sind bereit, sehr substanziell zu investieren. Zum einen würden wir uns einsetzen für eine Abkehr von der Dividendenpolitik. Stattdessen würde wir vielmehr die Gewinne im Unternehmen lassen, um orga­nisches und anorganisches Wachstum zu finanzieren. Und wir wären zum anderen als EQT sicherlich bereit, zusätzlich einen dreistelligen Millionenbetrag zur Verfügung zu stellen, um das Wachstum zu beschleunigen.

2020 hat die Schufa ihren Überschuss um rund 3 Mill. auf 40 Mill. Euro gesteigert. Welches Potenzial rechnen Sie sich aus?

Ich bin überzeugt, dass die Schufa mit verstärkten Investitionen deutlich oberhalb der historischen Rate wachsen kann. Mit den richtigen Entscheidungen, einer Beseitigung des Investitionsstaus und einem Fokus auf Verbraucher- und Datenschutz ließen sich durchaus zweistellige Wachstumsraten erreichen. Das muss auch die Ambition sein.

Dem Vernehmen ist die Schufa mit 2 Mrd. Euro bewertet worden. Stimmt das?

Ich möchte mich zu Details der Bewertung nicht äußern.

Vor einiger Zeit gab es um die Schufa Aufregung wegen Plänen, zur Bonitätsbeurteilung von Kunden auf deren Kontodaten zuzugreifen. Man kann sich vorstellen, dass auch Datenschutzbedenken aufkämen, sollte EQT die Mehrheit an der Schufa erwerben. Wie wollen Sie dem entgegenwirken?

Wir haben als Außenstehender sehr bewusst ein Daten- und Verbraucherschutzkonzept entwickelt, das wir beispielsweise mit Prof. Cristian Kastrop, der in der alten Bundesregierung als Staatssekretär für den Verbraucherschutz verantwortlich war, und auch mit dem hessischen Datenschutzbeauftragen Prof. Alexander Roßnagel diskutiert haben. Wir haben auch Input vom Institut für Finanzdienstleistungen ein­fließen lassen. Es ist ein Konzept, dem Prof. Kastrop eine qualitative Aufwertung gegenüber der bisherigen Praxis der Schufa bescheinigt. Wir wollen die Schufa verbraucher- und datenschutzfreundlicher ge­stalten.

Gibt es Pläne, was die Beschäftigtenzahl angeht?

Absolut. Wir werden Wachstum nur über Investitionen auch in die Beschäftigtenzahl generieren können. EQT ist sehr daran interessiert, ein ähnliches Wachstum der Beschäftigtenzahl wie im Falle des Ergebnisses zu generieren.

Als ein prozentual zweistelliges Wachstum, ausgehend von einer Basis von 900 Beschäftigten.

Ja.

Das Interview führte Bernd Neubacher.

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