Paris

Das Ende einer Ära

Covid hat auch für die französische Filmbranche die Vorzeichen verändert. Das Publikum von Autorenfilmen ist noch nicht in die Kinos zurückgekehrt.

Das Ende einer Ära

Alle Augen richten sich auf die Croisette. In Frankreich sorgt nicht nur die Zusammensetzung der neuen Regierung von Emmanuel Macron für Gesprächsstoff, sondern auch das Kinofestival von Cannes, das dieses Jahr seinen 75. Geburtstag feiert. Dort haben inzwischen Influencer die Sternchen abgelöst. Statt selbst vor den Kameras der Fotografen zu posieren, veröffentlichen sie auf sozialen Medien ihre eigenen Aufnahmen. Die 25-jährige Ana RVR aus Lyon gehört zu den Influencern, die dank ihrer großen Fangemeinde auf Instagram und Youtube als VIP-Gast eingeladen sind. Für ihre Unterkunft in einer luxuriösen Villa, für Kleidung und Schmuck, die sie während ihres Aufenthalts an der Croisette trägt, hat sie keinen Cent dazugezahlt.

Der Aufstieg der Influencer ist nicht der einzige Wandel, den die Filmbranche derzeit in Frankreich erlebt. Kinokunst ist aus der französischen Kulturszene nicht wegzudenken. Le septième art, die siebte Kunst, werden Filme hier genannt. Regelmäßig ins Kino zu gehen gehört in bestimmten Kreisen zum guten Ton. Doch Corona hat auch für die Filmbranche die Vorzeichen verändert. Die Zahl der Filme, die jeden Mittwoch in den Kinos anlaufen, hat sich seit Ausbruch der Pandemie mit im Schnitt 13 bis 16 kaum verändert. Dagegen lag die Zahl der Kinobesucher in den ersten vier Monaten des Jahres mit 50,7 Millionen nach Angaben des Centre national du cinéma et de l’image um 34,2% unter der desselben Zeitraums im Vorkrisenjahr 2019.

Lange Zeit undenkbar, wächst nun auch in Frankreich die Kluft zwischen Autorenfilmen und amerikanischen Blockbustern. Eine Tendenz, die Corona stark be­schleunigt hat. „Wenn ein Autorenfilm heute auf 100000 Besucher kommt, machen wir eine Flasche Champagner auf“, sagt Manuel Chiche vom Filmverleih The Jokers. Dagegen haben amerikanische Superproduktionen in den letzten Monaten für volle Kinosäle gesorgt. So kam der aktuelle „Spider-Man“ in Frankreich auf 7,3 Millionen Besucher und der jüngste „Batman“ auf mehr als 3 Millionen. Zu verdanken ist das offenbar vor allem jungen Kinobesuchern der Altersklasse, die Kinobetreiber vor Ausbruch der Pandemie an Netflix und Co verloren glaubten. Eine wichtige Rolle bei ihrer Rückeroberung hat der sogenannte Kulturpass gespielt. Die von der Regierung Macrons lancierte App galt 2019 zunächst nur in einigen Départements und wurde letztes Jahr auf das gesamte Land ausgeweitet. Sie präsentiert nicht nur Kulturveranstaltungen in der Nähe des Nutzers, sondern gewährt jedem Franzosen zum 18. Geburtstag ein Guthaben von 300 Euro, das zwei Jahre lang gültig ist.

Dagegen machen ältere Franzosen trotz der Lockerung der Corona-Auflagen noch immer einen Bogen um Kinos, was vor allem unabhängige Filmproduktionen zu spüren bekommen. Denn vor Corona war es vor allem die Altersklasse der 50-Jährigen oder Älteren, die neugierig auf Autorenfilme war. Sie bekommen auch zu spüren, dass seit der ersten Ausgangssperre im Frühjahr 2020 viele Kinobesucher ihre Abonnements nicht erneuert haben. Einige Vertreter der Filmbranche fürchten bereits, dass all das einen Teufelskreis für Autorenfilme auslösen könnte. Denn die Höhe der Filmförderung hängt auch von den Besucherzahlen ab. Die Coronakrise müsse aber auch innerhalb der Branche zu einem Umdenken führen, meinen andere. Denn die Zahl der Filmstarts habe vor der Pandemie ein Niveau erreicht, das nicht zu halten sei.

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Die Filmindustrie steht in Marseille vor dem Ende einer anderen Ära. In der zweitgrößten Stadt des Landes wurde seit 2004 die Fernsehserie „Plus belle la vie“ gedreht, das französische Pendant zur „Lindenstraße“. Die Serie, die montags bis freitags von dem öffentlich-rechtlichen Sender France 3 ausgestrahlt wird, gehört zu den erfolgreichsten der französischen Fernsehgeschichte. Doch am 5. Mai hat France Télévision angekündigt, dass die letzte Folge Mitte November zu sehen sein wird. Die Zuschauerzahlen sind innerhalb der letzten 15 Jahre von rund 7 Millionen auf zuletzt 2,7 Millionen eingebrochen. Schuld daran sind nicht nur Streamingplattformen, sondern auch neue Formate anderer Sender, zu denen die Zuschauer abgewandert sind.