IM BLICKFELD

Am Nerv der Bilanzierung

Von Sabine Wadewitz, Frankfurt Börsen-Zeitung, 25.8.2015 Der internationale Standardsetzer für Rechnungslegungsnormen IASB wird grundsätzlich. Die Nutzer der internationalen Bilanzierungsregeln IFRS dürfen sich noch bis 26. Oktober kritisch zu...

Am Nerv der Bilanzierung

Von Sabine Wadewitz, FrankfurtDer internationale Standardsetzer für Rechnungslegungsnormen IASB wird grundsätzlich. Die Nutzer der internationalen Bilanzierungsregeln IFRS dürfen sich noch bis 26. Oktober kritisch zu Themen äußern, die das Nervensystem des Konzepts betreffen. Es geht um so zentrale Fragen wie die Abgrenzung von Fremd- und Eigenkapital, was in die Gewinn-und-Verlust-Rechnung gehört und ob eine Cash-flow-Rechnung erhellend für die Beurteilung eines Unternehmens ist.Dabei dreht sich der International Accounting Standards Board zunächst mal um sich selbst, geht es doch vorrangig um Kriterien für seine eigene Arbeit. Doch das Resultat dürfte für alle Anwender der International Financial Reporting Standards relevant werden, denn es bildet das Fundament in der künftigen Entwicklung und Anpassung von Bilanzierungsregeln. Langer AtemEnde Mai hat der IASB einen ausführlichen Entwurf für die Überarbeitung und Ergänzung seines Rahmenkonzepts “Conceptual Framework for Financial Reporting” vorgestellt. Wie so oft hat das Londoner Gremium einen langen Atem bewiesen. Die Überarbeitung und Weiterentwicklung des seit 1989 bestehenden Rahmenkonzepts war vor mehr als zehn Jahren besiegelt worden. Damals war der US-Standardsetzer Financial Accounting Standards Board (FASB) noch mit im Boot. Doch das Projekt dümpelte vor sich hin, die Finanzkrise setzte andere Prioritäten und die Renovierung blieb Stückwerk. Im Jahr 2010 gab man nach vielen Diskussionen auf.Doch der Wunsch, sich mit grundlegenden konzeptionellen Themen zu befassen, wurde von verschiedenster Seite wieder an den IASB herangetragen, zumal einige zentrale neue Standards auf der Agenda waren. Ein einheitlicher Überbau würde dafür sorgen, das System insgesamt zu stabilisieren und Ungereimtheiten auszumerzen. So setzte der IASB das Projekt 2012 erneut auf die Agenda, diesmal in eigener Regie ohne Beteiligung der US-Kollegen vom FASB.Mit dem Rahmenkonzept verfolgt der IASB drei Ziele. Zunächst will der Board eine systematische Grundlage dafür schaffen, wie er Normen setzt. Zudem soll den Abschlusserstellern ein Hilfsmittel für die Entwicklung von Bilanzierungsmethoden an die Hand gegeben werden, wenn sie mit Lücken im IFRS-Regelwerk umgehen müssen. Darüber hinaus soll das Verständnis für das Standardsetting in der breiteren Öffentlichkeit gefördert werden. Über allem ist es ein System, um zu messen, ob der IASB seine Ziele erreicht.Ob der Entwurf für das Rahmenkonzept diese hehren Ansprüche erfüllt, daran scheiden sich die Geister. Auf einer Informationsveranstaltung des deutschen Bilanzgremiums Deutsches Rechnungslegungs Standards Committee (DRSC) wurde deutlich, dass es viel Diskussionsbedarf gibt. Die Anwender hätten gern mehr Eindeutigkeit in den Definitionen, während der IASB angetreten ist, mit dem Framework-Konzept die Standardisierung nicht zu stark zu beeinflussen. Es soll ein Rahmenwerk bleiben, gleichzeitig aber für eine konsistente Rechnungslegung sorgen – vermutlich versucht man sich hier an der Quadratur des Kreises.In den Begrifflichkeiten wünschen sich viele Beobachter mehr Klarheit. In einigen Ausführungen des IASB bleiben aus Sicht von Holger Obst, der im DRSC das Framework-Projekt betreut, die Folgen undurchsichtig. Zum Beispiel, wenn bei der Zielsetzung der Finanzberichterstattung nicht mehr die Abschätzung künftiger Cash-flows im Vordergrund steht, sondern nun die Rechenschaftspflicht gleichermaßen hervorgehoben wird. Beim Cash-flow blicke man nach vorn, im Rechenschaftsansatz zurück, und es stelle sich die Frage, ob beide Informationsebenen miteinander konkurrieren, meint Obst. Es sei zu erwarten, dass die Hervorhebung des Rechenschaftsgedankens in der Bilanzierung zu mehr Anhangangaben führt.Begriffsverwirrung stiften auch die “Klarstellungen” des IASB zu den qualitativen Anforderungen an Finanzinformationen. DRSC-Präsident Andreas Barckow warnt davor zu glauben, der IASB habe auf Druck einiger Länder das vom deutschen Handelsgesetzbuch HGB bekannte Vorsichtsprinzip ins Regelwerk eingefügt. Wenn der IFRS-Standardsetzer von “prudence” spreche, meine er eher Sorgfalt denn Vorsicht. Und die sorgfältige (oder vorsichtige) Ausübung von Ermessen bei Unsicherheit führt nach den Vorstellungen des IASB keineswegs zur Über- oder Unterbewertung von Vermögen, Schulden, Erträgen oder Aufwendungen, mahnt Barckow. Auch wenn sich mancher EU-Parlamentarier nach der Finanzkrise wünschte, dass nach IFRS bilanzierende Unternehmen und Banken künftig über Unterbewertungen Reserven schaffen dürfen. GesprächsbedarfGesprächsbedarf zeichnet sich auch in dem Punkt ab, aus welchen Bestandteilen sich der Jahresabschluss zusammensetzen soll. Gehört die – für Banken nicht relevante – Kapitalflussrechnung genauso dazu wie die Gewinn-und-Verlust-Rechnung? Auch die Abgrenzung von Schulden und Eigenkapital erhitzt die Gemüter. Barckow gibt zu bedenken, dass es in der heutigen Finanzierungswelt kaum noch reines Eigen- oder Fremdkapital mehr gibt, sondern meist Hybridkapital begeben wird. Daraus erwächst für ihn die Frage, ob man dafür eine eigene Kategorie auf der Passivseite einrichten sollte. Doch bis dahin fließt noch viel Wasser die Themse herunter.