Vasant Narasimhan

Novartis-Chef bemängelt Bürokratie

Die EU will den Bürgern mit der neuen Pharma-Strategie einen besseren Zugang zu bezahlbaren Medikamenten ermöglichen. Novartis-CEO Vasant Narasimhan sorgt sich jedoch vor zu viel Bürokratie in der für seinen Konzern besonders wichtigen Region. In Deutschland sei Novartis allerdings gut aufgehoben.

Novartis-Chef bemängelt Bürokratie

Wenige Monate vor der Abspaltung der Generika-Tochter Sandoz und am Beginn einer großen organisatorischen Neuausrichtung des Konzerns zeigt das Management des Schweizer Pharmamultis Novartis Nerven. Auf einer Telefonkonferenz mit Journalisten zu dem am Mittwoch vorgelegten Jahresabschluss kritisierte CEO Vasant Narasimhan die EU-Gesundheitspolitik in scharfen Worten. Europa wolle sich als guter Standort für innovative Medikamentenhersteller präsentieren, diesen aber die nötige Entschädigung verwehren. Er prangerte die „bürokratischen“ Methoden der EU-Kommission an und rief diese dazu auf, die Kritik „ernst zu nehmen“.

In der nachfolgenden Pressekonferenz am Hauptsitz in Basel sagte die für das Geschäft mit neuen, patentgeschützten Medikamenten zuständige Managerin Marie-France Tschudin, dass die Diskussion um eine Beschränkung der Gesundheitskosten in Europa zwar nicht neu sei, aber mit Blick in die Zukunft besorgniserregend. Novartis und die ganze Industrie seien besorgt über die Marschrichtung einiger Mitgliedsländer und der EU-Kommission. Das Hauptproblem sei, dass die Forschungsauslagen der Pharmafirmen in diesen Kreisen nur als Kosten und nicht als Investitionen gesehen würden. Die Industrie müsse das Problem künftig nicht mehr nur bei den europäischen Gesundheits-, sondern auch den Finanzministerien adressieren.

Die Kritik kommt vor dem Hintergrund, dass die EU-Kommission in diesem Frühjahr ihre neue „Pharma-Strategie“ präsentieren will. Die zuständige Kommissarin Stella Kyriakides hatte die geplante Reform im Parlament als „Game-Changer“ bezeichnet, die mit der Pandemie stark an Relevanz gewonnen habe. Mit neuen Regulierungsvorschlägen will die EU-Kommission den europäischen Bürgern einen besseren Zugang zu bezahlbaren Medikamenten ermöglichen. Die Pharmaindus­trie wittert einschneidende neue Regulierungen, striktere Regeln und Anforderungen für Investitionshilfen sowie neue Auflagen an die Transparenz zu Forschungskosten und Profitabilitätsmargen.

Für Novartis ist die Diskussion insofern von größter Relevanz, als der Konzern mehr als ein Drittel seiner Pharmaverkäufe in Europa tätigt und hier auch die Hälfte seiner über 100 000 Angestellten beschäftigt. Auch dürfte sich Novartis als ein besonders prominenter Anbieter von ultrateuren Hightech-Medikamenten speziell im Fokus der mitunter von staatlichen Budgetrestriktionen befeuerten Regulierungsvorhaben sehen.

Lobende Worte fand Narasimhan aber für Deutschland, einen der vier wichtigsten Märkte des Konzerns. Novartis verfüge hier über eine „herausragende Organisation“, die in einem positiveren gesundheitspolitischen Umfeld arbeite als im restlichen Europa. Auch der Schweiz zollte der Manager Lob für ihre vergleichsweise industriefreundliche Politik – auch in Bezug auf den (internationalen) Personalbedarf des Konzerns. Das gescheiterte institutionelle Rahmenabkommen zwischen der EU und der Schweiz erachtet Narasimhan zwar als ein gewisses Problem für Schweizer Universitäten, weil diese von der EU-Kommission nun von europäischen Forschungsprogrammen ausgeschlossen bleiben. Besondere Nachteile für Novartis nannte er aber nicht.

Novartis dürfte die Regulierungsdiskussion auch wegen der eigenen Wachstumsziele kritisch begleiten. Der Konzern will sich organisatorisch neu aufstellen, die Organisation stärker auf die Endmärkte und die Patienten ausrichten und die Forschung noch stärker auf gewinnträchtige Therapiegebiete fokussieren. Der Konzern will den Personalbestand zudem um rund 8 000 Stellen verringern, und im zweiten Semester ist nach wie vor die Abspaltung der Generika-Tochter Sandoz geplant. Von diesen Maßnahmen verspricht sich Narasimhan eine Steigerung der operativen Marge im Kerngeschäft mit innovativen Medikamenten von 36,9 % im laufenden Jahr auf 40 % und mehr ab 2024.

Im Berichtsjahr musste das Unternehmen jedoch einen Rückgang der Profitabilität hinnehmen, was deutlich höheren Restrukturierungskosten und Wertberichtigungen auf Anlagen und immaterielle Werte geschuldet war. Natürlich fehlte beim Reingewinn auch der letztjährige Beitrag von 14,6 Mrd. Dollar aus dem Verkauf der Roche-Beteiligung. Obschon Novartis auf wechselkursbereinigter Basis ein im Branchendurchschnitt liegendes Umsatzplus von 4 % sowie eine Zunahme des um Wertberichtigungen und Restrukturierungskosten bereinigten operativen Kerngewinns um 8 % ausweisen konnte und den Aktionären nebst einer höheren Dividende auch einen möglichen weiteren Aktienrückkauf in Aussicht stellte, gab der Aktienkurs um mehr als 2 % nach.

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