Aktionäre loben Umbau
Die Siemens-Aktionäre stärkten Vorstandsvorsitzenden Joe Kaeser für den anstehenden Konzernumbau den Rücken. Kritisch äußerten sie sich zum Healthineers-Börsengang, der Kapitalrendite und der Vorstandsvergütung. Die 5 600 Aktionäre billigten bei einer Präsenz von 59,6 % sämtliche Tagesordnungspunkte.mic München – Die Siemens-Aktionäre unterstützten auf der siebenstündigen Hauptversammlung den Konzernumbau. Vorstandsvorsitzender Joe Kaeser sagte, die Vorbereitungen lägen vor dem Zeitplan und würden sicher zum 31. März abgeschlossen sein. Im Umfeld der Halbjahreszahlenpräsentation am 8. Mai würden die Sparten-Verantwortlichen ihre Pläne auf einem Kapitalmarkttag präsentieren. Siemens will den Konzern mit der Vision “2020+” in drei operative und drei strategische Unternehmen aufteilen.Christoph Niesel, Fondsmanager bei Union Investment, bezeichnete es als richtig, den einzelnen Sparten mehr Freiheit und den Anlegern gezielte Investitionsmöglichkeiten in abgespaltene Sparten zu geben. Allerdings stehe der Beweis aus, dass dies den Gesamtwert der Firma erhöhe. Daniela Bergdolt von der Aktionärsvereinigung DSW forderte mehr Informationen. Als Gretchenfrage nannte sie: “Wird dieser Umbau den Gesamtwert von Siemens erhöhen?”Winfried Mathes von der Deka-Investment, die 1,2 % des Siemens-Kapitals bündelt, sagte, die Pläne seien den wirtschaftlichen Herausforderungen angemessen. Er warnte jedoch, wer zu stark an der DNA von Siemens rüttle, der könne zum Totengräber der Marke werden. Kaeser gestand ein: “Es ist eine fundamentale Veränderung der DNA.”Für Fondsmanager Marcus Poppe, dessen Arbeitgeber DWS nach eigenen Angaben Siemens-Investments in Höhe von 1,9 Mrd. Euro zählt, wertete die Verselbstständigung als “klare Vorboten für den logischen finalen Schritt”. Siemens werde sich mittelfristig auf Geschäftsfelder konzentrieren, die schneller wüchsen und hohe technologische Eintrittsbarrieren hätten: “Somit werden Geschäftsbereiche, die unter intensiven Wettbewerbsdruck stehen oder nachhaltig keine Wachstumsfelder sind, wahrscheinlich auch einen anderen Eigentümer haben.” Uneinigkeit über AktienkursEinhellige Kritik übten die Redner an den Resultaten des Börsengangs von Siemens Healthineers im vergangenen März. Deka-Investment-Sprecher Mathes kritisierte, ein positiver Effekt für den Siemens-Aktienkurs sei ausgeblieben: “Dabei erzählt uns doch die Lehrbuchmeinung der Investmentbanker, dass Börsengänge von Tochtergesellschaften in der Regel auch den Aktienkurs der Muttergesellschaft steigen lassen.” In die gleiche Kerbe hieb DWS-Portfoliomanager Poppe. Der Grund für das fehlende Kursplus aus seiner Sicht: Der Kapitalmarkt bewerte die Healthineers-Anteile des Konzerns mit einem deutlichen Abschlag, weil er davon ausgehe, dass Siemens sie auf absehbare Zeit nicht verkaufen werde: “Der auch vor dem Börsengang von Healthineers vorhandene Konglomeratsabschlag der Siemens-Aktie wurde somit lediglich durch einen Holdingabschlag ersetzt.”Kaeser machte klar, dass man eine – seiner Meinung nach bevorstehende – Wertsteigerung des Anteilpakets abwarten wolle. Man warte auf die den Erfolg der Markteinführung der Labordiagnostikplattform Atellica, dann sehe man weiter. Für die Beteiligung an der Windkraftfirma Siemens Gamesa gelte, dass eine Wertschaffung durch die Umsetzung der Konsolidierung abgewartet werde.Unzufrieden sind die Siemens-Aktionäre mit der Rendite auf das eingesetzte Kapital (siehe Grafik). Union-Investment-Sprecher Niesel wies darauf hin, dass sie seit dem Amtsantritt Kaesers deutlich gesunken sei.Unterschiedlich beurteilten die Aktionäre die Entwicklung des Aktienkurses. DWS-Vertreter Poppe stellte auf den Kursrückgang von 13,5 % inklusive Dividendenausschüttung im vergangenen Geschäftsjahr ab und zeigte sich damit zufrieden. Denn dies sei deutlich besser als der Dax. Union-Investment-Sprecher Niesel sprach dagegen von einem schwachen Abschneiden. Er stelle auf die Performance zwischen den Hauptversammlungen ab und errechnete mit einem Minus von 16 % eine um sechs Punkte schlechtere Kursentwicklung als im Branchenindex. Mit dem vergangenen Geschäftsjahr zeigte sich DSW-Sprecherin Bergdolt zufrieden: “Gute Arbeit, Herr Kaeser.” Kritik an Vergütungspolitik Sorgenvoll blicken die Aktionäre auf das Kraftwerksgeschäft. Mathes wollte wissen, wie die Kooperation mit der chinesischen SPIC vorankomme. Kaeser sagte, Siemens arbeite “sehr konzentriert” daran, die Grundsatzvereinbarung in einen Vertrag umzuwandeln. Das könne in ein oder zwei Monaten passieren.Die Aktionärsvertreter rügten mehrfach die Vergütungspolitik für den Vorstand. Die internen Ziele dürften nicht anders lauten als diejenigen für den Kapitalmarkt, hieß es. Zudem müsse der Aspekt Nachhaltigkeit Berücksichtigung finden. Auch dürfe die langfristige Vergütung nicht allein vom “Total Shareholder Return” abhängen.Union-Sprecher Niesel sagte, der Kapitalmarkt erwarte, dass Siemens bis zum Frühjahr 2020 einen Nachfolger für Kaeser bekannt gebe. Dieser erhielt mehrfach Zustimmung dafür, dass er in gesellschaftspolitische Debatten eingreift.Thomas bestätigte, dass in diesem Geschäftsjahr – in dem Kaeser gerne das Thema “inklusiver Kapitalismus” thematisiert – im Gegensatz zu den Vorjahren der Gratis-Aktienpool für die Mitarbeiter nicht dotiert wurde (vgl. BZ vom 29. November). “Wir haben noch nicht über die Höhe der Dotierung nachgedacht”, sagte er. Ob nach Vollzug des Umbaus im Mai eine Dotierung folgt, blieb offen.Alle Tagesordnungspunkte wurden abgesegnet. Allerdings wurden Vorstand und Aufsichtsrat nur mit rund 96 % entlastet. Im Vorjahr hatte der Vorstand mehr als 99,5 % erhalten. Nur vereinzelt wurde Kritik am Kapitalrahmen geäußert. Das neue genehmigte Kapital umfasst 20 % des Grundkapitals.