Gastbeitrag Artenvielfalt

Was deutsche Unternehmen für Biodiversität tun

Die Dringlichkeit für den Schutz der Artenvielfalt in der Natur haben deutsche Konzerne erkannt. Vor einem größeren Engagement stehen jedoch Hindernisse.

Was deutsche Unternehmen für Biodiversität tun

Gastbeitrag

Was deutsche Unternehmen für Biodiversität tun

Glaubt man den gängigen wissenschaftlichen Prognosen, so kann sich die dramatisch zurückgehende Biodiversität ähnlich kritisch auf die Zukunft der Menschheit auswirken wie der Klimawandel. Rund die Hälfte der weltweiten Wirtschaftsleistung, so das World Economic Forum (WEF), hängt direkt oder indirekt von einer intakten Natur ab. In der Landwirtschaft etwa ist die Bedeutung von Bestäubung und Bodenqualität besonders offensichtlich.

Während die Reduktion von Treibhausgasen zur Strategie vieler Unternehmen gehört, Nachhaltigkeitsberichte jährlich verfasst werden und die Kapitalmärkte Anstrengungen zur CO2-Neutralität honorieren, führt der Schutz der Artenvielfalt bislang weitgehend ein Schattendasein. Der Diskussionsstand hinkt im Vergleich zum Klimawandel weit hinterher.

Interviews mit 22 Konzernen

Für eine erste Bestandsaufnahme in Sachen Biodiversität hat die Strategieberatung Bain kürzlich mit dem WWF Deutschland Interviews mit den Sustainability-Verantwortlichen von 22 führenden deutschen Konzernen geführt, darunter die Deutsche Bank, Eon und Volkswagen. Ein Ergebnis: Das Bewusstsein für die Dringlichkeit des Schutzes der Artenvielfalt ist vorhanden, und alle befragten Unternehmen haben erste Maßnahmen gestartet. Es wird auch erkannt, dass Artenschutz mit zahlreichen Sustainable Development Goals der Vereinten Nationen, an denen sich Unternehmen hinsichtlich ihrer Nachhaltigkeitsstrategie häufig orientieren, in engem Zusammenhang steht. Biodiversität ist also auf dem Radar deutscher Unternehmen. Doch sie stehen meist noch am Anfang, wenn es darum geht, dieses Thema ganzheitlich in ihr Handeln einzubinden.

Der Wille, etwas Richtiges zu tun

Ein Blick auf die Motivation der befragten Unternehmen, sich für Biodiversität zu engagieren, offenbart ein Dilemma. Mit großem Abstand an der Spitze steht der Wille, etwas Richtiges zu tun. Auch potenzielle Risiken zu mindern, etwa für die Reputation des Unternehmens, ist ein Treiber. Externe Faktoren wie der Druck von Finanzmärkten und Wettbewerbsvorteile stehen eher am unteren Ende der Beweggründe, sich mit dem Artenschutz auseinanderzusetzen. Die intrinsische Motivation spricht für den Reifegrad der Unternehmen, „good citizens“ sein zu wollen. Aus der Praxis wissen wir jedoch, dass Themen besonders erfolgreich von Investoren und Märkten, also mithilfe äußeren Drucks, vorangetrieben werden.

Allerdings kann ein außergewöhnliches Engagement für Biodiversität mittel- bis langfristig durchaus ein differenzierender Faktor für Kunden und Finanzmärkte werden. Fakt ist, dass eine purposeorientierte Unternehmensführung auf den Talent- und Führungskräftemärkten ein entscheidender Pluspunkt sein kann. Diese Chancen werden wahrgenommen, bleiben bislang aber zu häufig ungenutzt.

Blick auf die Lieferketten

Ein weiteres Hemmnis, auf das die Studie „Preserving Biodiversity: A Call to Action for German Business” hinweist, ist die Tatsache, dass es weniger die Aktivitäten der Betriebe in Deutschland sind, die sich negativ auf die Biodiversität auswirken. Vielmehr sind es die Lieferketten der oft außenwirtschaftlich orientierten Unternehmen. Für diesen „langen Arm“ wurde in anderen Bereichen in langjähriger Vorarbeit das sogenannte Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz entwickelt. Eine vergleichbare legislative Initiative wäre auch für den Artenschutz notwendig.

Standards entstehen erst

Diese neuen Standards entstehen aber erst. Unsere Gesprächspartner sind sich einig, dass globale Verantwortung und umfassendes Engagement des Privatsektors für Biodiversität auch außerhalb Deutschlands unerlässlich sind. Sonst blieben die Anstrengungen Stückwerk.

Noch nicht Teil der Strategie

Bislang fehlt in den Unternehmen weitgehend ein vollumfänglicher Ansatz, um dem Schutz der Biodiversität gerecht zu werden. Das Thema ist noch nicht Teil eines strategischen Vorgehens, das wiederum eingebettet sein müsste in eine Nachhaltigkeits- und Unternehmensstrategie. Um diese nächsten Schritte zu gehen, gilt es, unter anderem Key Performance Indicators zur Messung und Bewertung zu entwickeln. Bis dahin sind es in erster Linie einzelne Maßnahmen, mit denen die Firmen ihr Engagement für den Artenschutz zum Ausdruck bringen.

Ein Beispiel pars pro toto: Ein Bau- und Immobilienunternehmen, das an unseren Interviews teilgenommen hat, bietet seinen Kunden einen „Blue Building Standard“ an, bei dem neben anderen Nachhaltigkeitsaspekten Biodiversität eine Rolle spielt. So können Dächer und Fassaden der neuen Gebäude begrünt sowie Gartenlandschaften, die Vögeln und Insekten als Habitat dienen, angelegt werden. Solche Beispiele sind kleine, in der Summe allerdings wirksame Maßnahmen. Sie besitzen Vorbildfunktion.

Erprobte Methoden

Um die Anstrengungen in Unternehmen zu systematisieren, können erprobte Methoden helfen, die in der Planung, Umsetzung und Skalierung effektiver Maßnahmen im Bereich Biodiversität unterstützen. Es gibt praxisnahe Handlungsanleitungen, um eine effektive Biodiversitätsstrategie zu entwickeln. Diese umfassen die Analyse der gesamten Wertschöpfungskette und reichen von der Einbettung der Maßnahmen in die Firmenstrategie und in Betriebsprozesse bis zum Dialog mit wichtigen Stakeholdern, um sich für die Transformation über Branchen und Lieferketten hinweg einzusetzen.

Walter Sinn, Deutschlandchef von Bain & Company
Karl Strempel, Partner und Nachhaltigkeitsexperte von Bain & Company
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