NOTIERT IN LONDON

Integration, selbstgebacken

Zu den größten Sorgen von Nadiya Jamir Hussain (30) gehörte bis vor kurzem, dass niemand glauben würde, dass sie backen kann, weil sie ein Kopftuch (Hijab) trägt. Schließlich gewann die Mutter von drei Kindern aus dem nordenglischen Leeds den...

Integration, selbstgebacken

Zu den größten Sorgen von Nadiya Jamir Hussain (30) gehörte bis vor kurzem, dass niemand glauben würde, dass sie backen kann, weil sie ein Kopftuch (Hijab) trägt. Schließlich gewann die Mutter von drei Kindern aus dem nordenglischen Leeds den TV-Backwettbewerb “The Great British Bake Off” (GBBO). Die Buchmacher hatten es bereits erwartet. Nicht einmal dass sich Premierminister David Cameron diese Woche als ihr Fan outete, konnte ihr noch schaden. Die befürchteten Proteste gegen den vermeintlichen Untergang des Abendlands blieben aus. Hussain wurde auch nicht als Kopftuchmädchen diffamiert. Stattdessen wurden in sozialen Medien Anlaufstellen für Fans eingerichtet wie etwa “The Many Faces of Nadiya” auf Tumblr, wo sich Hussain als Meisterin im Grimassenschneiden erweist. Ihre Anhänger nannten sich “Nadyators”. Nie zuvor hatte eine Muslimin die Herzen des britischen Fernsehpublikums im Sturm erobert. Jurymitglied Mary Berry war zu Tränen gerührt. Hussain ist der lebende Beweis dafür, dass man Integration backen kann.Allerdings wurde der BBC von der konservativen Kolumnistin Amanda Platell unterstellt, dass die Semi-Finalistin Flora Shedden der Political Correctness zuliebe durchgefallen sei. Der Sender wolle möglichst “inklusiv” und multikulturell erscheinen – zuletzt seien nur noch ein schwuler Doktor und ein “Neuer Mann” gegen Hussain angetreten. Flora sei dagegen ihr Mittelklassenhintergrund zum Verhängnis geworden. Vielleicht hätte sie statt eines Schokoladenkarussells besser eine Schokoladenmoschee produzieren sollen, schrieb die ehemalige Spindoktorin der britischen Konservativen in der “Daily Mail”.Nur weil sie nicht dem Klischee einer britischen Hausfrau entspreche, heiße das ja noch lange nicht, dass sie sich nicht für Tee und Kuchen begeistern könne, sagte Hussain. “Ich bin so britisch wie jeder andere, und ich hoffe, dass ich das bewiesen habe.” Hussain kam in Luton zur Welt, ihre Familie kam aus Bangladesch. Zehn Wochen lang musste sie sich mit den anderen GBBO-Teilnehmern allerlei Herausforderungen stellen. Von zwölf Kandidaten blieben nur drei bis zum Ende dabei. Seit fünf Jahren läuft der BBC-Backwettbewerb. Seitdem werden Backzutaten und -werkzeuge verstärkt nachgefragt. Hussain gewann übrigens nicht mit Hilfe eines geheimen Scharia-Rezepts, sie stellte auch keine Cupcakes mit Jihad-Motiven her, sondern Himbeer-Millefeuille, Schwarzwälder Kirsch und Charlotte Russe. Ihr Meisterstück nannte sie “My Big Fat British Wedding Cake” – die urbritische Hochzeitstorte, die sie selbst nie hatte, basierend auf einem Rührkuchen mit Zitronenguss. Von ihrer Familie wurde sie dabei ermutigt und unterstützt.Obwohl allerorten viel von Multikulturalität und Diversität die Rede ist, spielen Frauen mit Kopftuch auch in Großbritannien keine Rolle in den Medien. Es sei denn, es geht um Reportagen von der Überfremdungsfront, in denen sie als gesichtslose Masse auftreten. Eine der wenigen Ausnahmen ist die Fernsehreporterin Fatima Manji von Channel 4 News, die immer wieder Klischees aufbricht und denjenigen eine Stimme gibt, die sonst nicht zu Wort kommen. Dabei zeigt sich meist, wie sehr sich Lebensweise und Werte von Zuwanderern und Einheimischen ähneln. Wie der Sieg von Hussain bei GBBO tragen solche Berichte mehr zum gegenseitigen Verständnis bei als alle Anti-Diskriminierungsvorschriften, die sich in der Regel ohnehin umgehen lassen und schlimmstenfalls Ressentiments wecken.Multikulti-Berater geben britischen Firmen alle möglichen Ratschläge, wie sie ihrer Sensibilität für die Befindlichkeiten der Mitarbeiter Ausdruck verleihen können – getrennte Kühlschränke, Mikrowellen, Gebetsräume. Das ermöglicht vielleicht ein geordnetes Nebeneinander, entspricht aber im Ansatz eher dem Ethnopluralismus des südafrikanischen Apartheidregimes. Für ein Miteinander spielen Frauen wie Nadiya und Fatima eine weitaus größere Rolle. Sie sorgen einerseits dafür, Ängste vor den Fremden abzubauen, die vor allem aus der Wahrnehmung des Andersseins herrühren. Andererseits zeigen sie den Nachkommen der Zuwanderer einen anderen Weg als die Rückbesinnung auf die vermeintlichen Wurzeln – egal ob sie nun in der Nation oder Religion der Eltern ausgemacht werden.