ESG

Fondsbranche nachhaltig unter Beschuss

Wenn die Finanzwelt über Nachhaltigkeit spricht, wollen auch ihre Kritiker mitreden. Die Fondsbranche muss sich an Kritik an ihren ESG-Produkten gewöhnen.

Fondsbranche nachhaltig unter Beschuss

Es ist leicht, die Fondsbranche als unglaubwürdig abzustempeln. Man nehme ein paar ESG-Fonds, identifiziere umstrittene Unternehmen im Portfolio und erkläre, ein Fonds mit dieser Zusammensetzung könne unmöglich nachhaltig sein. Nach diesem Prinzip nahm der Verein Bürgerbewegung Finanzwende die Branche unter Beschuss und arbeitete sich beispielhaft an dem Deka-Fonds „Global Champions“ ab. Die grüne Variante sei ähnlich bestückt wie das herkömmliche Produkt, was ein typisches Phänomen der Branche sei, monierte der Verein. Auch der Branchenriese Black­Rock, bekannt durch die Mahnbriefe von Konzernchef Larry Fink an die Unternehmenswelt, sei angesichts einer Fülle an Kohle­konzernen im Portfolio nicht nachhaltig, wie die Organisation Urgewald argumentiert hat. Gemeinsam mit Facing Finance hat die Organisation zudem die Internetplattform „Faire Fonds“ aufgebaut, aus der hervorgeht, wie hoch der Anteil umstrittener Unternehmen in den Portfolios etlicher Fonds ist. Eine Mehrzahl der als nachhaltig deklarierten Vehikel hat demnach in solche Firmen investiert, wenn auch meist nur zu einem einstelligen Prozentanteil. In der Branche selbst hat Unternehmer Bert Flossbach vor einem Reputationsverlust gewarnt. Auf einem Kongress wunderte er sich bereits vor zwei Jahren über die hohe Gewichtung von Apple, Microsoft und Google in einen nachhaltigen ETF – gute Unternehmen, wie er sagte, aber thematisch unpassend.

Weil Branche, Aufsicht, Politik und Wirtschaftspresse über Nachhaltigkeit sprechen, finden auch Kritiker der Branche ein Publikum. Das Schmähwort „Greenwashing“, das überzogene ESG-Versprechen umschreibt, gewinnt darüber hinaus an Popularität (siehe Grafik). Für die Branche steht die Glaubwürdigkeit auf dem Spiel. An Fonds mit Umwelt-, Sozial- und Governance-Kriterien geht kein Weg vorbei, denn ab August müssen Finanzberater ihre privaten Kunden im Verkaufsgespräch fragen, welche Präferenzen sie zur nachhaltigen Kapitalanlage haben. Viele Menschen werden sich absehbar für ESG-Fonds entscheiden.

Die Fondsbranche betont, dass der bloße Ausschluss von Unternehmen nicht alles ist, was ein ESG-Fonds leisten kann oder sollte. „Nachhaltigkeit ist kein Zustand, sondern eine zukunftsgerichtete Entwicklung“, erklärt der Fondsverband BVI in Reaktion auf die Studie von Finanzwende. Um etwa einen Ausstieg aus der Kohle zu begünstigen, sollten verantwortungsbewusste Investoren die Unternehmen begleiten und nicht etwa aussteigen, sagt wiederum Michelle Scrimgeour, Chefin der Fondstochter des britischen Versicherers Legal & General. „Auch wenn wir Kohle aus unseren Portfolios abstoßen, wird sie deshalb nicht einfach aus der Wirtschaft verschwinden.“ Nicht allein an konkreten Titeln im Portfolio, sondern an den Anlageprozessen lasse sich ein nachhaltiger Fonds erkennen, betont Roland Kölsch, Geschäftsführer der Qualitätssicherungsgesellschaft Nachhaltiger Geldanlagen (QNG) und verantwortlich für das Fondssiegel des Forums Nachhaltige Geldanlagen (FNG).

Aus Branchensicht ist es naheliegend, einen großflächigen Ausschluss von Unternehmen über alle nachhaltigen Fonds hinweg abzulehnen. Denn die Anbieter müssen das Kunststück vollziehen, einerseits immer mehr Geld in als nachhaltig deklarierten Produkten entgegenzunehmen, während sie andererseits grüne Bewertungsblasen um­schiffen müssen. Je stärker sie den Anteil der investierbaren Aktien- und Anleihentitel beschneiden, desto weniger Spielraum lassen sie ihrem Fondsmanagement. In der Fachwelt wird diskutiert, inwiefern nachhaltige Aktientitel bereits mit einem Bewertungsaufschlag einhergehen.

Bewegt die Billionen

Von der Finanzbranche wird in der öffentlichen Debatte nicht nur erwartet, Kapital unter vertretbaren Risiken gewinnbringend für die Anleger zu verteilen, sondern auch im Sinne einer Transformation der Wirtschaft zu lenken – „Shifting the Trillions“, Bewegen der Billionen also, lautet zum Beispiel das Motto des Abschlussberichts des Sustainable-Finance-Beirats der alten Bundesregierung, der Empfehlungen für ein nachhaltiges Finanzwesen entwickelt hat. Auch die Bewegung Fridays for Future hat der Finanzbranche bereits eine zentrale Rolle zugeschrieben.

Tatsächlich können Fondsgesellschaften als Vertreter der Eigner Einfluss nehmen und Nachhaltigkeit einfordern. Allerdings ist zweifelhaft, ob sie umstrittenen Unternehmen in einem globalen Kapitalmarkt grundsätzlich die Finanzierung erschweren und Geld umlenken können – in diesem Punkt sind sich zuweilen auch Vertreter und Kritiker der Fondsbranche einig. So sieht BlackRock-Chef Fink die Verantwortung nicht allein beim Markt, sondern macht in der Klimapolitik eine „führende Rolle“ bei einer Regierung aus. „Sie muss Standards setzen, die richtigen Anreize schaffen, einen Preis für Kohlenstoff festlegen und in die für die Energiewende erforderliche Technologie und Infrastruktur investieren“, schreibt er in einen Brief an BlackRock-Aktionäre. „Der Klimawandel ist das größte Marktversagen in der Geschichte“, sagt indes der ehemalige BlackRock-Nachhaltigkeitsmanager Tariq Fancy in einem Interview der „Wirtschaftswoche“. „Und was ist unsere Antwort? Der Markt soll es lösen. Das kann nicht funktionieren.“

In der Fondsbranche macht sich derweil die Erkenntnis breit, dass Versprechen zur Nachhaltigkeit mit Bedacht formuliert werden sollten. Die Aussage der DWS etwa, Nachhaltigkeit zum „Kern all unseres Handelns“ aufwerten zu wollen, hat die Gesellschaft verwundbar für Kritik gemacht. Als Desiree Fixler, die ehemalige ESG-Verantwortliche des Unternehmens, der DWS vorwarf, sie stelle ihren Fortschritt in der nachhaltigen Kapitalanlage übertrieben gut dar, fand sie damit in der Wirtschaftspresse und der Aufsicht Gehör. Das Sparkassenhaus DekaBank wiederum stellt Anlegern in Aussicht, dass sie als „Sinnvestor“ Geld auch in „nachhaltig ausgerichtete Unternehmen“ investieren können – was die Erwartung schürt, dass umstrittene Firmen dort keinen Platz finden. Für Finanzwende war diese Formulierung eine Einladung für Kritik.

Doch nicht nur Fondsportfolios stehen im Visier: Zivilgesellschaftliche Gruppen sehen sich auch die Selbstverpflichtungen der Branche oder das Abstimmungsverhalten auf Hauptversammlungen genauer an – und geißeln die Ziele als unverbindlich und die Abstimmungspolitik als intransparent. An die kritische Grundstimmung muss sich die Branche gewöhnen: Wenn sie über Nachhaltigkeit spricht, wollen auch NGOs mitreden.

Von Jan Schrader, Frankfurt

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