Bankenaufsicht

EZB nimmt sich Prime Brokerage vor

Neun Monate nach dem Zusammenbruch des als Family Office getarnten Hedgefonds Archegos nimmt Europas Bankenaufsicht die Prime-Brokerage-Aktivitäten von Banken verstärkt ins Visier und kündigt Vor-Ort-Inspektionen an.

EZB nimmt sich Prime Brokerage vor

bn Frankfurt – Die europäische Bankenaufsicht richtet ihre Aufmerksamkeit verstärkt auf die vom Schattenbankensektor ausgehenden Gefahren. Die von der Europäischen Zentralbank (EZB) am Dienstag für die Jahre 2022 bis 2024 publizierten Aufsichtsprioritäten sehen in Abweichung vom vergangenen Jahr unter anderem ein verschärftes Augenmerk auf Prime-Brokerage-Aktivitäten der überwachten Institute vor. Für das ablaufende Jahr hatte sie noch die Steuerung von Kreditrisiken, die Kapitalstärke, die Nachhaltigkeit der Geschäftsmodelle sowie die Governance der Banken zu Prioritäten ernannt.

Der Vorstoß des bei der EZB angesiedelten Single Supervisory Mechanism (SSM) fand einen Tag nach einem Appell der Baseler Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) mit ähnlicher Stoßrichtung statt; so hatte im Quartalsbericht der BIZ deren General Manager Agustín Carstens eine makroprudenzielle Überwachung der Nichtbank-Finanzintermediation (NBFI) gefordert. Der Schattenbankensektor erregt seit Jahren den Argwohn der Aufseher.

Inzwischen entfällt auf ihn fast die Hälfte der weltweiten Finanzaktiva, nach Einschätzung des Europäischen Systemrisikorats haben seine Exponenten etwa zu den Marktverspannungen nach Ausbruch der Pandemie im März vergangenen Jahres beigetragen. Die Risiken für den regulierten Bankensektor traten im Frühjahr zutage, als der Zusammenbruch des Lieferkettenfinanzierers Greensill sowie die Havarie des als Family Office getarnten Hedgefonds Archegos der schweizerischen Großbank Credit Suisse milliardenschwere Belastungen bescherte.

Erhöhte Gegenparteirisiken

Neun Monate später hat die europäische Bankenaufsicht „Gegenpartei-Kreditrisiken insbesondere ge­genüber Nichtbanken-Finanzinstituten“ zu einer wichtigen Schwachstelle im Bankensektor auserkoren. Überwachte Institute sollten über eine Governance und eine Risikosteuerung verfügen, die mit erhöhten Gegenpartei-Risiken aus entsprechenden Kapitalmarktdienstleistungen umgehen können, teilt die EZB mit und kündigt zugleich einschlägige Überprüfungen sowie Vor-Ort-Inspektionen an. Offenbar wollen die Aufseher mehr über die Praxis des Prime Brokerage in jenen Banken erfahren, die in diesem Feld stark engagiert sind.

Zinstief befeuert Renditejagd

Im Zuge von Umbauten haben Deutsche Bank und inzwischen auch Credit Suisse die Übertragung von Prime-Brokerage-Geschäft an BNP Paribas vereinbart. Zudem will die EZB bereits begonnene Überprüfungen von Prime-Brokerage-Aktivitäten durch Banken abschließen, um ihre Erwartungen an das Management von NBFI-Engagements klarzustellen. Das Zinstief habe die Suche nach Rendite befeuert und Banken einen Anreiz gegeben, ihre entsprechenden Dienstleistungen für riskantere und weniger transparente Gegenparteien zu erhöhen, heißt es. Die Zusammenbrüche solcher Gegenparteien und deren Effekte auf Banken hätten die aus schwacher Governance und inadäquatem Risikomanagement resultierenden Risiken in den Fokus gerückt.

Strapazierte Bewertungen

Intensiver bearbeiten will die EZB darüber hinaus das Feld der Leveraged Loans von Banken und der damit verbundenen Risiken, auf welche sie schon seit längerem ein Auge geworfen hat. Nötigenfalls wollen die Aufseher auf eine Verbesserung der Risikosteuerung dringen, je nach Ergebnis der Gespräche kann dies in eine Erhöhung ihrer individuellen Kapitalempfehlung für einzelne Banken münden. Entsprechende Vor-Ort-Inspektionen dürften sich indes auf einige wenige Fälle konzentrieren und nicht flächendeckend stattfinden.

„Kreditrisiken bleiben oben auf unserer Agenda, während wir die Pandemie hinter uns lassen“, erklären SSM-Chef Andrea Enria und Mario Quagliariello, Director of Supervisory Strategy and Risk, in einem Blog. Ungeachtet erster Anzeichen einer Verschlechterung der Asset-Qualität hätten einige Institute bereits mit der Auflösung von Risikovorsorge begonnen, geben sie zu bedenken. Die Suche nach Rendite habe zudem strapazierte Bewertungen in verschiedenen Märkten und zuweilen auch eine Ablösung von ökonomischen Fundamentaldaten nach sich gezogen. Dies habe zum Aufbau von Risiken in den Märkten für Leveraged Loans und Aktienderivaten beigetragen.

Als wichtige Stelle der Verwundbarkeit sieht die EZB auch den Gewerbeimmobilienmarkt an. Dort lautet das strategische Ziel, das Augenmerk für infolge der Pandemie anfällige Sektoren zu schärfen. Eine Reduktion der Stützungsmaßnahmen mache hoch verschuldete Gesellschaften besonders verletzbar, heißt es. Daher seien entsprechende Exposures von Banken angemessen zu überwachen. Ihre Steuerung werde von der EZB einem Benchmarking unterzogen und in Frage gestellt, einschließlich der Bewertung von Sicherheiten, wird angekündigt. Wie unterdessen bei Vorständen von Immobilienfinanzierern zu hören ist, stehen solche Forderungen schon seit Beginn der Pandemie in starkem Fokus der Aufsicht.

Neben IT- und Cyber- zählt die EZB auch ESG- zu den aufstrebenden Risiken, die verstärkt Beachtung verdienen. Im November hatte die EZB in einem Bericht dargelegt, dass noch keine einzige Bank ihre Steuerung von Klima- und Umweltrisiken in vollem Ausmaß den Erwartungen der Aufseher angepasst habe (siehe Grafik). Im kommenden Jahr nun wollen die Aufseher die Risikosteuerung aller von ihr direkt überwachten Banken einer thematischen Überprüfung unterziehen. 2022 hat die EZB  überdies einen Klima-Stresstest anberaumt.

Mehr Orientierung am Risiko

Nicht zuletzt haben die Aufseher am Dienstag eine Abkehr von wiederkehrenden Prozeduren zugunsten einer risikoorientierteren Aufsichtspraxis angekündigt. Intern seien entsprechende Prozesse etabliert worden, hieß es. Die Erfahrung der Pandemie habe die Aufsicht gelehrt, dass sie in ihrer Kommunikation mit Banken effektiver sein könne, wenn sie ihre Arbeit „auf weniger, klarere Prioritäten“ konzentriere, schreiben Enria und Quagliariello in ihrem Blog-Eintrag auf der Website des SSM.

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