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Geld oder Brief
Von Martin Fritz, Tokio

Japans größtes Einzelunternehmen Toyota steht mit dem Rücken zur Wand: Zwei Rückrufe wegen klemmender Gaspedale binnen zwei Monaten haben das über zwei Jahrzehnte erworbene Image von hoher Qualität zerschrammt und weltweit Angst und Unsicherheit bei der Kundschaft geschürt. Bremsprobleme beim Hybridmodell Prius, dem Flaggschiff des Autokonzerns, gefährden die neue Firmenstrategie, sich durch den Fokus auf umweltfreundliche Autos mit kombiniertem Benzin- und Elektromotor vom Wettbewerb abzusetzen. Mit dem möglichen Rückruf des Prius in Japan erreichte die Krise zudem den Heimatmarkt. Dort stand das Fahrzeug für acht Monate an der Spitze der Verkaufsliste. Die Börse hat ihr Urteil bereits gefällt: Seit dem ersten Rückruf am 21. Januar ist die Aktie um 22,5 % auf 3 280 Yen eingebrochen. Der Konzern verlor damit umgerechnet 27 Mrd. Euro an Börsenwert.

Hohe Rückrufkosten

Scheinbar unbeeindruckt von dieser Dramatik hob Toyota die - allerdings als sehr konservativ geltende - Prognose für das laufende Geschäftsjahr (bis 31. März) kräftig an. Statt 200 Mrd. Yen Verlust will der weltgrößte Autobauer bei einem Umsatz von 18,5 Bill. Yen (Vorjahr: 20,5 Bill. Yen) jetzt einen Nettogewinn von 80 Mrd. Yen, umgerechnet 635 Mill. Euro, erzielen. Der operative Verlust soll von bisher erwarteten 350 Mrd. Yen auf 20 Mrd. Yen, umgerechnet 159 Mill. Euro, schrumpfen. Begründet wurde die Anhebung zum einen mit der Absatzsteigerung etwa durch staatliche Kaufanreize. Zum anderen wurden 70 Mrd. Yen Kapital- und 40 Mrd. Yen Forschungsausgaben zusätzlich eingespart.

Die Rückrufkosten sind in der Prognose bereits berücksichtigt: Die gesamte Belastung schätzt Toyota auf bis zu 180 Mrd. Yen (1,4 Mrd. Euro): 100 Mrd. Yen direkte Rückrufkosten sowie 70 bis 80 Mrd. Yen Minus bei einem Absatzverlust von 100 000 Autos. Nur ein Prius-Rückruf sei in den Zahlen nicht berücksichtigt, beteuerte Toyota-Direktor Takahiko Ijichi in Tokio. Das Problem bei den Bremsen sei aber schon erkannt und seit Januar in der Produktion behoben, berichtete ein Toyota-Manager.

Die Kalkulation wird in der Branche skeptisch beurteilt. Bei insgesamt mehr als 8 Millionen betroffenen Autos entsprächen die veranschlagten Rückrufkosten nur knapp 100 Euro je Fahrzeug. Im Gesamtjahr will die Toyota-Gruppe (inklusive Hino und Daihatsu) jetzt 7,18 Millionen Stück verkaufen nach bisher 7,03 Millionen. Dafür müsste der Konzern zwischen Januar und März 1,99 Millionen Autos absetzen. In Nordamerika sollen es 503 000 werden. Doch im Januar fiel der Absatz des Mutterkonzerns in den USA auf ein Zehnjahrestief von 99 000. "Die Wahrscheinlichkeit, dass Toyota diese Prognose nicht erfüllt, ist riesengroß", meint der erfahrene Autoanalyst Koji Endo von Advanced Research.

Das Vertrauen der US-Kunden in die Marke ist erschüttert, denn die Rückrufe betrafen acht Modelle. Politiker in Kongress und Regierung stellen Toyota an den Pranger, um Punkte für die eigenen Hersteller zu sammeln. US-Verkehrsminister Ray LaHood forderte Toyota-Fahrer auf, ihr Fahrzeug stehen zu lassen, zog die Bemerkung allerdings später wieder zurück. Die US-Wettbewerber werben zudem Toyota-Kunden gezielt mit Rabatten von 1 000 Dollar und mehr ab. Toyota wird daher stärker als bisher mit dem Preis werben müssen.

Risiko durch Sammelklagen

Goldman Sachs kürzte das Kursziel für Toyota-Aktien von 4 400 auf 4 100 Yen; Marktanteile und Aktienpreis könnten drei bis sechs Monate stagnieren. "Am besten hält man jetzt keine Toyota-Aktien", meint dagegen Kazutaka Oshima, Chef der Anlageberatung Rakuten. Es gebe einfach zu viele Unsicherheiten. So wurden in Nordamerika erste Sammelklagen auf Schadenersatz eingereicht, für die Toyota Rückstellungen bilden muss. Im Leasing droht mittelfristig ein Minus bei der bislang ertragreichen US-Finanztochter, falls die Wiederverkaufswerte von Gebraucht-Toyotas wegen des beschädigten Images unter die garantierten Rücknahmepreise sinken. Auch eine bessere Qualitätssicherung wird Geld kosten: Wenn Toyota stärker auf japanische Zulieferer setzt, dürfte das die Auslandsproduktion verteuern.

Schließlich sollte es im Sinne von Toyota in den nächsten Monaten keinen weiteren Unfall geben, der auf ein fehlerhaftes Gaspedal zurückzuführen ist. Am zweiten Weihnachtstag waren vier Menschen ums Leben gekommen, als ein Toyota Avalon mit Vollgas in einen Teich raste, offenbar ohne dass die Bremse benutzt wurde. Seit 2002 versuchen die US-Verkehrssicherheitsbehörde und Toyota die Ursache solcher Vorfälle zu klären. Hartnäckig hält sich dabei die Vermutung, dass nicht das Gaspedal, sondern elektronische Störungen die Drosselklappe zu weit öffnen. Der japanische Konzern beharrt auf einem mechanischen Grund für das Phänomen - doch sollten auch reparierte Toyotas demnächst von selbst Gas geben, wäre diese Behauptung kaum noch zu halten. Das würde weitere Glaubwürdigkeit und damit Kunden kosten.

Ungeschickt in der Krise

Andererseits sollten Anleger nicht voreilig handeln. Ein Grund für die große Aufregung ist die schlechte PR-Arbeit von Toyota - vom Rückruf bis zum Verkaufsstopp vergingen fünf Tage, Firmenchef Akio Toyoda tauchte nach einer kurzen Entschuldigung ab. Toyota war zudem nie ein Qualitätsengel - so wurde der Autobauer 2006 von Japans Regierung zu Verbesserungen bei einer blockierenden Lenkung gezwungen.

Seit seinem Amtsantritt vor acht Monaten predigt Toyoda eine Rückbesinnung des Konzerns auf seine Kunden. Man sei im Zuge der globalen Expansion zu überheblich geworden und habe Risiken verneint. Daher drohe jetzt die Irrelevanz oder der Tod, warnte der Enkel des Konzerngründers im Herbst und löste damals Verwunderung aus. Doch die widersprüchliche und ungeschickte Reaktion des Konzerns auf die Sicherheitsprobleme bestätigt seine Analyse im Nachhinein.

Börsen-Zeitung, 05.02.2010, Autor Martin Fritz, Tokio, Nummer 24, Seite 17, 830 Wörter

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