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Redaktion

UNTERM STRICH

Nirgendwo wird so viel gelogen wie in Grabreden. Das gilt auch für Beerdigungen von Zeitungen. Da heuchelt der schärfste Konkurrent, der seinem Wettbewerber zuvor regelmäßig den Tod an den Hals gewünscht hat ("In Deutschland ist kein Platz für zwei Wirtschaftszeitungen") und dessen Leser er vor den letzten Zuckungen des lachsrosa Blattes mit einem Kostenlosangebot zu sich locken wollte, "Anteilnahme mit den Hunderten ehrbarer und so leidenschaftlich kämpfender Kollegen in Hamburg und anderswo". Ähnliche Krokodilstränen vergoss wenige Tage vorher die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" anlässlich der Insolvenz der Frankfurter Rundschau.

Vom Charme der Zuspitzung

Mit dem Ausscheiden der "Financial Times Deutschland" (FTD) werden weder die publizistische Vielfalt in Deutschland noch der Zeitungsmarkt Schaden nehmen. Die FTD kam zu einer Zeit auf den deutschen Markt, als die Auflagen der wirtschaftsrelevanten Tageszeitungen stiegen, die Wirtschaftsteile ausgebaut wurden und im Magazinbereich eine Flut neuer Titel erschien, um am damals boomenden Anzeigengeschäft teilzuhaben. Wenig später platzte die Blase der New Economy, Aktien- und Anzeigenmarkt rauschten in den Keller, Magazin-Start-ups verschwanden - nur die FTD entzog sich mit einem immer wieder auf der Zeitachse nach hinten geschobenem Break-even dem wirtschaftlichen Urteil des Marktes. Ursprünglich hieß das Ziel, nach vier bis fünf Jahren mit rund 120 000 täglich verkauften Exemplaren die Gewinnschwelle zu erreichen. Doch weder Auflagenziel noch Gewinnschwelle wurden jemals erreicht, das Geschäftsmodell funktionierte nicht. Die addierten Verluste seit dem Aufbau der Redaktion 1999 und in den fast 13 Jahren des Erscheinens mussten erst geschätzte 300 Mill. Euro erreichen, bis die Reißleine gezogen wurde.

Die Langmut der Eigentümer mit dem Experiment FTD, mit dem man sehenden Auges in einen bestens besetzten Markt eintrat, lag nicht zuletzt am Anspruch, den Wirtschaftsjournalismus neu zu erfinden. "Wir werden nicht alles, aber vieles besser machen", gab Chefredakteur Andrew Gowers die Losung aus, ehe das Blatt dann ab dem 21. Februar 2000 den täglichen Beweis antreten musste. Und Bernd Kundrun, damals Zeitungsvorstand bei Gruner + Jahr, nannte die FTD "das ambitionierteste Zeitungsprojekt seit der Lizenzierung deutscher Tageszeitungen vor 50 Jahren".

Doch schon der erste Aufschlag ging grandios ins Aus und ist vielen heute noch in Erinnerung. Es spricht für die Abgeklärtheit oder den Galgenhumor der heutigen FTD-Kollegen, daran im eigenen Blatt just an jenem Tag selbst zu erinnern, an dem die Einstellung der Zeitung zum 7. Dezember offiziell mitgeteilt wurde. Die Titelgeschichte der ersten Ausgabe der FTD verkündete: "Siemens plant radikalen Umbau mit Konzentration auf zwei Sparten" und schlug in der deutschen Wirtschaft ein wie eine Bombe. Das war auch so gewollt. Weniger gewollt war, dass man sich damit die Chance auf ein Image als seriöse Wirtschaftszeitung zerschoss.

Denn, so liest man es aktuell in der FTD, die Siemens-Geschichte war vom Redakteur zwar richtig recherchiert, wurde dann aber "so gedreht und zugespitzt", "dass sie Teile ihres Wahrheitskerns einbüßte". Und weiter: "Eine Kinderkrankheit, deren Charme sich die FTD bis zuletzt nicht gänzlich entziehen konnte." Man könnte es auch weniger diplomatisch formulieren. Das Problem der FTD: Der Fall Siemens blieb kein Ausrutscher, sondern wiederholte sich. Die Zuspitzung, mit der man sich häufig vom Sachverhalt löste und zumindest in den Schlagzeilen dem Leser einen falschen Eindruck vermittelte, wurde zum Geschäftsprinzip. Es galt, als Neuling im Markt Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Wer heute das Ende der FTD als herben Verlust für den Qualitätsjournalismus in Deutschland betrauert, hat ein kurzes Gedächtnis oder den "Charme" dieser Zeitung nie erfahren.

Bei jenen, die Inhalte von Zeitungen professionell wägen und prüfen, nämlich den PR-Profis, hat die FTD deshalb nie punkten können. In der diesjährigen Umfrage des Branchenmagazins "Wirtschaftsjournalist" unter deutschen Pressesprechern landete die FTD bei der Frage "Wer arbeitet fair?" weit abgeschlagen auf Rang 42.

Die Online-Legende

Zur bereits einsetzenden Legendenbildung gehört, dass die FTD kein Konzept für eine Online-Zeitung gehabt habe und ein Opfer der neuen digitalen Medienwelt sei. Eher das Gegenteil ist richtig: Da die FTD von Beginn an auch im Internet erschien und nahezu alle Inhalte kostenlos zur Verfügung stellte, hat sie - wie andere Verlage auch - ihre wirtschaftliche Existenz selbst untergraben. Die heute beklagte Kostenlosmentalität im Internet hat mit der FTD unter den Zeitungen einen ihrer stärksten Treiber gehabt. Anders als "Wall Street Journal" oder ihr englisches Mutterblatt hat die FTD nie ein wirksames Bezahlsystem etabliert.

Die FTD hat dem Wirtschaftsjournalismus in Deutschland gutgetan, zumindest am Anfang. Die Aktualität mit einem Redaktionsschluss nach 22 Uhr, der direkte, schnell auf den Punkt kommende Stil und die klaren, mitunter provokativen Kommentare haben nicht nur treue Leser gefunden, sondern die Wettbewerber auf Trab gebracht. Am stärksten den direkten Konkurrenten, das "Handelsblatt". Am Ende so sehr, dass man sich dort zu gravierenden Veränderungen gezwungen sah, wie Tabloid-Format und Tages-Magazin statt Tageszeitung. Der Ausgang dieses Experiments ist offen.

Mit zwei Worten beschrieb der schon 2001 zur FT zurückgekehrte Gowers einst das journalistische Konzept: Auswahl und Urteil. "Wir werden als Navigator durch die Informationsflut dienen, selektiv sein, über das Wesentliche intensiv berichten und klare Standpunkte dazu einnehmen." Diese Profilbeschreibung ist zwar nicht originell und gilt so seit langem auch für die Börsen-Zeitung, ist aber unverändert aktuell. Sie bringt auf den Punkt, was guter Finanzjournalismus leisten soll.

- c.doering@boersen-zeitung.de

Von Claus Döring ---

Die "Financial Times Deutschland" hat dem Wirtschaftsjournalismus in Deutschland gutgetan, zumindest am Anfang.


Börsen-Zeitung, 24.11.2012, Autor Claus Döring, Nummer 228, Seite 8, 849 Wörter

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