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Redaktion

Genossenschaften können eine breite Öffentlichkeit mitnehmen und das Spannungsverhältnis zwischen Neuerungen und etablierten Konzepten ausgleichen

Baden-Württemberg ist seit vielen Jahren innerhalb der EU die Region mit der größten Innovationskraft. Dieses innovationsfreudige Klima insbesondere auch für mittelständische Unternehmen zu sichern, gehört zu den wichtigsten und entscheidendsten Aufgaben für die Zukunft - gerade wenn Innovation in ihrem eigentlichen Wortsinn verstanden wird: Erneuerung. Denn angesichts des rasanten digitalen Transformationsprozesses wird sich kein Unternehmen, unabhängig von der Branche oder Größe, der Digitalisierung entziehen können.

Darin liegt eine der größten Herausforderungen der Digitalisierung: Sie muss in der breiten Fläche mit einer tiefen Durchdringung gelingen. Sie betrifft alle Branchen von Industrie über ITK, Handel, Handwerk, Dienstleistung, Versicherungen und Banken bis zur Landwirtschaft. Außerdem ist es notwendig, eine hohe Akzeptanz für Veränderungen bei allen beteiligten Stakeholdern zu schaffen: Unternehmensleitung, Mitarbeiter, Kunden, Lieferanten und Öffentlichkeit müssen gleichermaßen die Digitalisierung mittragen und die damit verbundenen Herausforderungen begrenzen sowie vor allem die Chancen erkennen und nutzen lernen.

Daher ist die im Frühjahr 2017 gestartete "Initiative Wirtschaft 4.0 Baden-Württemberg" des baden-württembergischen Ministeriums für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau zu begrüßen, die für eine starke Allianz mehr als 25 Organisationen zur Mitarbeit und zum Austausch ins Boot geholt hat. Mit der Initiative sollen die Unternehmen und ihre Beschäftigten beim Einstieg in die Digitalisierung und bei der Umsetzung unterstützt werden. Zu den wesentlichen Ansätzen gehört, den digitalen Wissenstransfer zu stärken und die Zusammenarbeit zwischen bestehenden Unternehmen, Start-ups und Forschungseinrichtungen zu unter-stützen. Dabei sollen auch vorhandene Initiativen, wie etwa die Fachkräfteallianz, integriert werden.

Doch wie können solche Kooperationen konkret aussehen? Wie können Transferprojekte möglichst unbürokratisch in Form gegossen werden? Und wie kann eine möglichst hohe Akzeptanz für den notwendigen Digitalisierungsprozess erzielt und darüber gewährleistet werden, dass die sich bietenden Chancen der Digitalisierung im Mittelpunkt stehen und nicht diffuse Ängste?

Genossenschaften mit ihrer einzigartigen Erfahrung bei der Ausgestaltung und Umsetzung von Kooperationen können eine Vielzahl dieser skizzierten Herausforderungen meistern. Unter dem Dach des Baden-Württembergischen Genossenschaftsverbands (BWGV) gründen sich seit Jahren immer mehr Unternehmen insbesondere aus jungen und zukunftsorientierten Branchen, die sehr pragmatisch die Herausforderungen unserer Zeit angehen: Start-ups von Freiberuflern aus der IT-Branche gehören ebenso dazu wie der Zusammenschluss von Medizinern zu Ärztegenossenschaften, Energiegenossenschaften oder Genossenschaften, die die Sicherheit sensibler Daten gewährleisten und Dienstleistungen für Selbständige und Unternehmen in Handel, Handwerk und vielen weiteren Branchen anbieten.

850 Mitgliedsunternehmen aus mehr als 50 Branchen zählt mittlerweile der BWGV. Diese genossenschaftliche Vielfalt bringt breite Einsichten und Verankerungen mit sich, die bei zahlreichen Herausforderungen und Projekten, wie etwa der Initiative Wirtschaft 4.0 oder der Fachkräfteallianz des Wirtschaftsministeriums, wertvoll und hilfreich sein können. Darüber hinaus machen rund 3,9 Millionen Genossenschaftsmitglieder in Baden-Württemberg den BWGV zur mitgliederstärksten Wirtschaftsorganisation im Südwesten.

Warum können die Aspekte Branchenvielfalt und Mitgliederstärke wichtig für eine erfolgreiche Umsetzung der Digitalisierung sein? Der digitale Transformationsprozess und die damit einhergehende Weiterentwicklung von bestehenden Geschäftsmodellen erfordern von allen Unternehmen Offenheit und Kooperationsbereitschaft gegenüber anderen und auch neuen Branchen. Und die enorme Mitgliederstärke schafft eine hohe Legitimation und Akzeptanz für notwendige und sinnvolle Veränderungen. Als gutes Beispiel sind die digitalen Angebote der Volksbanken und Raiffeisenbanken zu nennen, die nicht nur die Antwort auf die sich verändernden Bedürfnisse der Kunden sind, sondern digitale Prozesse und Anwendungsmöglichkeiten auch für eine ungemein hohe Anzahl an Mitgliedern und Kunden erlebbar machen, etwa im Bereich des Mobile Banking mit Hilfe moderner Applikationen.

Alle Beteiligten profitieren

Ein weiterer sehr wichtiger Vorteil ist: Die Rechts- und Unternehmensform der eingetragenen Genossenschaft (eG) bietet sich ideal an, wenn Wirtschaftsakteure ihre Kräfte bündeln und die Vorteile von Kooperationen nutzen möchten, ohne dabei ihre Eigenständigkeit aufzugeben. Was einer allein nicht schafft, das schaffen viele: Dieses genossenschaftliche Ur-Prinzip drückt deutlich aus, dass es bei Genossenschaften darum geht, zweckgebundene Kooperationen zu schließen, von denen alle Beteiligten profitieren. Gerade kleinere und mittlere Unternehmen können Nachteile der mittelständischen Struktur durch Verbundvorteile ausgleichen und von den Größenvorteilen genossenschaftlicher Kooperationen profitieren.

Insbesondere beim Aufbau neuer digitaler Prozesse ist es wichtig, Synergien nutzen, sich mit weiteren brancheninternen und branchenfremden Akteuren austauschen und an den Erfahrungen anderer partizipieren zu können. So geht es beim aktuellen Innovationsschub der Digitalisierung vor allem auch um Vernetzung - Vernetzung von Produktionsabläufen, von Partnerunternehmen und von Endabnehmern mit Händlern und Produzenten. Dabei ist eine geschäftliche Kooperation unabdingbar, die die Partner gleichberechtigt sieht und die demokratisch und nutzbringend für alle Beteiligten zu steuern ist. Die eingetragene Genossenschaft deckt diese Anforderungen ideal ab.

Ein hervorragendes Beispiel, wie Unternehmen mit einer genossenschaftlichen Kooperation die Digitalisierung vorantreiben können, ist die OSADL eG aus Heidelberg: Open Source Automation Development Lab lautet der ausgeschriebene Name der Genossenschaft, zu der sich im Jahr 2005 elf Unternehmen zusammengeschlossen haben. Das Ziel war und ist: gemeinsame Softwarekomponenten für die Automatisierungsindustrie zu entwickeln. Zwei Aufgaben galt es mit der Gründung zu lösen: Wie kann ein Unternehmen die hohen Kosten für Grundlagenforschung und Entwicklung aufbringen? Und wie werden einzelne Entwicklungstätigkeiten ausgewählt, wenn die finanziellen Möglichkeiten nicht für alle wünschenswerten Entwicklungen ausreichen?

Die Antwort war ein Open-Innovation-Projekt für gemeinsame Forschung und Entwicklung von Unternehmen, die im Markt durchaus als Konkurrenten auftreten können. Und da Open Source die gesetzliche Voraussetzung bietet, dass jeder den Quelltext der Software kostenlos nutzen und weiterentwickeln kann, waren auch lizenzrechtliche Einschränkungen vom Tisch. Dort, wo zusammengearbeitet werden kann, wird zusammengearbeitet. Und dann geht jedes Unternehmen in die entsprechende Individualisierung.

Aktuell hat OSADL mehr als 60 Mitglieder. Alle Beteiligten haben verstanden, dass eine Parallelentwicklung der Software, die sie alle brauchen, ein ökonomisches Desaster wäre und dass sie dank des Wissenstransfers und der verfügbaren gemeinsamen Daten schneller zum Ziel kommen und erfolgreicher sein können als im Alleingang. Die Genossenschaft beweist eindrucksvoll, wie sich in einer Kooperation Unternehmen aus unterschiedlichsten Branchen, mit unterschiedlichster Erfahrung und unterschiedlichster Größe gegenseitig fördern können.

Zu den Mitgliedern von OSADL zählen amerikanische und japanische Weltfirmen wie Intel und Hitachi ebenso wie in Baden-Württemberg beheimatete Weltmarktführer wie Homag und Trumpf (beide gehören zu den Gründungsmitgliedern) sowie kleine Ingenieurbüros mit nur wenigen Mitarbeitern. Darüber hinaus nimmt die Genossenschaft auch akademische Mitglieder auf, die Dienstleistungen nutzen und an Projekten teilnehmen können. Auf diese Weise wird die Brücke zwischen Unternehmen und Universitäten geschlagen.

Ganz nach dem demokratischen Prinzip einer Genossenschaft entscheiden die Mitglieder darüber, was sie an Open-Source-Weiterentwicklungen brauchen. Auf diese Weise wird das vorherrschende Ziel einer jeden Genossenschaft, die Mitgliederförderung, bestens erfüllt und gelebt.

Es wäre noch eine Vielzahl an genossenschaftlichen Unternehmen und Projekten zu nennen, die Digitalisierung aktiv gestalten. In der Landwirtschaft etwa sorgen GPS-gesteuerte Navigation und Vermessungsverfahren in Verbindung mit selbstlenkenden Traktoren für eine ungeheure Genauigkeit beim Umgang mit Feldspritzen und Düngerstreuern und ermöglichen einen ressourcen- und umweltschonenden Einsatz von Wasser und Düngemitteln. Oder: Einzelhandelsfachkräfte können sich in Zusammenarbeit mit der BWGV-Akademie zu Online-Händlern weiterbilden lassen, um so den wichtigen stationären Einzelhandel über einen Omnikanalansatz und zusätzliche Online-Möglichkeiten wettbewerbsfähig zu halten.

CyberForum als eG?

Aktuell gab es bereits erste Überlegungen, ob für das als Verein strukturierte CyberForum in Karlsruhe die genossenschaftliche Rechts- und Unternehmensform geeignet wäre. Mit mehr als 1 000 Mitgliedern ist das CyberForum das größte regional aktive IT-Netzwerk in Europa. Darüber vernetzen sich Unternehmer, Gründer, Kreative, Mitarbeiter aus Forschungseinrichtungen und Institutionen, Studierende, Business Angels und Auszubildende.

Zusammenfassend kann festgehalten werden: Die größte Herausforderung bei der Digitalisierung ist nicht die technische Umsetzung, sondern die Weiterentwicklung der jeweiligen bestehenden Unternehmenskultur und die Bereitschaft zu Innovation und digitalem Denken. Genossenschaften mit ihrer einzigartigen Erfahrung hinsichtlich Kooperationen können im Hinblick auf eine erfolgreiche Digitalisierung einen wichtigen Beitrag leisten. Aufgrund ihrer praxisorientierten Ausrichtung im Sinne der Mitgliederförderung gelingt es ihnen, eine breite Öffentlichkeit auf dem Digitalisierungsweg mitzunehmen und das Spannungsverhältnis zwischen raschen Neuerungen und etablierten Konzepten auszugleichen.

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Roman Glaser, Präsident des Baden-Württembergischen Genossenschaftsverbandes (BWGV)

Börsen-Zeitung, 11.11.2017, Autor Roman Glaser, Präsident des Baden-Württembergischen Genossenschaftsverbandes (BWGV), Nummer 217, Seite B 5, 1220 Wörter

URL zum Artikel:
https://www.boersen-zeitung.de/index.php?li=1&artid=2017217806&titel=Kooperationen-forcieren-die-Digitalisierung
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