Redaktion

rendite - Anlagemagazin Ausgabe Dezember 2019
ROHSTOFFE
Interview
Thorsten Polleit,

Chefvolkswirt Degussa Goldhandel

Herr Polleit, viele Analysten waren für den Goldpreis optimistisch. Dennoch ist die Notierung jetzt wieder unter 1 500 Dollar je Unze zurückgefallen. Was sind die Gründe dafür?

Die Stimmung war überdreht, überzogen, die Wahrscheinlichkeit für den Eintritt von Negativszenarien - wie beispielsweise eine Weltwirtschaftskrise - zu hoch angesetzt. Nun haben aber die Korrekturkräfte eingesetzt. Wenn man ein "optimistisches Szenario" der Weltwirtschaft und des Weltfinanzsystems zugrunde legt, ist bei ungefähr 1 500 Dollar je Unze ein angemessenes Preisniveau für Gold. Zudem muss man berücksichtigen, dass im abgelaufenen Jahr der Preisanstieg sehr stark war.

Fungiert der Goldpreis derzeit als eine Art universeller Krisenindikator oder sind es eher andere Faktoren, die den Preis antreiben?

Die Bewegungen des Goldpreises sind komplexer, als viele Marktbeobachter denken. Der Goldpreis hängt nämlich von einer Vielzahl von Faktoren ab, und die Bedeutung dieser Faktoren ändert sich im Zeitablauf. In der kurzen bis mittleren Frist - damit meine ich ein bis drei Jahre - sind verlässliche Beziehungen zwischen dem Goldpreis und fundamentalen Faktoren - wie die weltweite Geldmenge, der Zins und die Kreditmarktprämien - recht lose. Längerfristig zeigt sich jedoch, dass die weltweite Ausweitung der ungedeckten Geldmenge die Richtung des Goldpreises gut vorzeichnet. Die weltweite Geldmengenausweitung spricht schon heute für einen deutlich höheren Goldpreis - und der Preis des gelben Metalls wird mächtig anziehen, sobald Anleger erkennen, dass es keine Rückkehr mehr zu normalen Zinsen gibt.

Eine Reihe von Notenbanken kauft derzeit in größerem Umfang Gold. Warum tun sie das und wie groß ist dieser Einfluss auf den Goldmarkt?

Die Goldnachfrage der Zentralbanken ist seit Jahresanfang um 12 % - das waren 547,5 Tonnen - gegenüber dem Vorjahr angestiegen. Die türkische, russische und die chinesische Zentralbank waren die Hauptkäufer. Sie wollen vermutlich ihre Reserven diversifizieren, wollen nicht nur Dollar, Euro und Co, sondern zusehends auch die "Währung Gold" halten. Interessanterweise gibt es keine augen­fällige und verlässliche Verbindung zwischen den Goldkäufen der Zentralbanken und dem Goldpreis - obwohl die Zentralbanken bedeutsame Mitspieler im Goldmarkt sind. Die Veränderungen des US-Zinses und der Goldbestände der ETFs sind da viel aufschlussreicher!

Wie wird sich der Goldpreis entwickeln?

Kurzfristig - und damit meine ich sechs und zwölf Monate - lässt sich der Goldpreis nicht wirklich verlässlich prognostizieren. Ich denke jedoch, dass in der Tendenz der Goldpreis weiter steigen wird. Denn zum einen ist der aktuelle Preis von 1 450 Dollar je Unze leicht unter dem angemessenen, dem fairen Preis. Zum anderen wächst die Krisenwahrscheinlichkeit für das internationale Wirtschafts- und Finanzsystem mit jedem Tag weiter an - und damit entsprechend auch die Entwertungsgefahr für Dollar, Euro und Co. Ich wäre nicht überrascht, wenn der Goldpreis Ende 2020 bei mindestens 1 700 Dollar je Unze notiert - und noch höher steigt, wenn Investoren erkennen, wohin die Politik der Zentralbanken, die von vielen so bejubelt wird, tatsächlich führt.

Das Interview führte Dieter Kuckelkorn.

Börsen-Zeitung, 03.12.2019, Autor Dieter Kuckelkorn, Nummer 75, Seite B 38, 463 Wörter

URL zum Artikel:
https://www.boersen-zeitung.de/index.php?li=1&artid=2019232838&titel=Gold-wird-maechtig-anziehen
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