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Redaktion

Finanz- und Bankenwelt sind im Umbruch - Starre Muster werden aufgebrochen

Es sind vor allem Digitalisierungs- und Automatisierungsvorhaben, die die Bankenwelt aktuell prägen. Es ist sogar immer wieder von einer rein digitalen Bank der Zukunft die Rede, die ganz ohne Banker auskommen soll. Doch hier ist Vorsicht geboten: Die Digitalisierung weiter voranzutreiben ist nötig, doch gerade deshalb dürfen der Faktor Mensch und der Wert der eigenen Belegschaft nicht unterschätzt werden. Das Zusammenspiel von Digitalisierung und einem breit aufgestellten menschlichen Know-how ist erforderlich, um kommenden Herausforderungen begegnen zu können.

Fit für morgen machen

Ohne ein breites Skillset, verschiedene Meinungen, Perspektiven und Arbeitsweisen wird es Unternehmen kaum gelingen, sich langfristig zukunftsfähig aufzustellen. Dies gilt sowohl für den Finanzsektor wie auch für andere Branchen. Das Schlagwort im Recruiting und in der Aus- und Weiterbildung heißt daher Diversity. Hierbei geht es um weitaus mehr als einen bestimmten prozentualen Anteil an Frauen in der Belegschaft.

Zunächst einmal sei jedoch die Frage gestellt, warum immer noch über Diversität gesprochen werden muss. Zum einen, weil sie in unserer modernen Arbeitswelt noch keine Selbstverständlichkeit ist, und zum anderen, weil Menschen unbewusst von Vorurteilen getrieben werden. Und diese können auch heute noch bei einer Führungskraft unter 30 Jahren oder einer Frau in einer Führungsposition anfangen.

Hier ist eine offenere und neutralere Haltung dringend nötig. Die Realität sieht jedoch häufig anders aus. Dies gilt es zu erkennen und mögliche Vorurteile bereits im Recruitingprozess zu eliminieren. In der Finanzbranche ist, wie in anderen Branchen auch, diesbezüglich noch Arbeit zu leisten - obwohl sich aktuell viel bewegt. Ein Beispiel dafür ist die amerikanische Notenbank Fed. Sie galt lange als "too white, too male". Doch jetzt haben weiße Männer erstmalig in der 107-jährigen Geschichte weniger als die Hälfte der Sitze in den zwölf regionalen Außenstellen der Notenbank inne. Es gibt ihn also, den Bewusstseinswandel.

Diversität sollte kein Selbstzweck oder Aushängeschild sein, mit dem sich ein Unternehmen schmückt. Vielmehr ist sie notwendig, um den veränderten Kundenanforderungen, der zunehmenden Globalisierung und dem wachsenden Konkurrenzdruck zu begegnen.

Die Zeiten, in denen eine Bank vor allem unter branchennahen Absolventen nach neuen Mitarbeitern gesucht hat, sind vorbei. Aus zu engen fachspezifischen Sichtweisen können Innovationen und neue Produkte nur schwerlich entstehen. Konkret heißt das, dass ein Produkt, das die Generation Z in einem Schwellenland erreichen soll, ein interdisziplinäres und diverses Entwicklungsteam erfordert, welches eng mit der Generation Z und ihren Bedürfnissen verbunden ist. Diversity funktioniert hier wie ein Booster und ist eine strategische Entscheidung, die bis hoch in die Ebene des Managements verankert sein sollte.

Vielfalt ist ein Prozess

In einem ersten Schritt ist es daher nur richtig, die Diversität der eigenen Belegschaft mit derjenigen der Kunden abzugleichen. Nur so kann Einseitigkeit im Einstellungsmuster, in der Produktentwicklung oder sogar in der Unternehmenssteuerung erkannt werden. Diese gilt es langfristig auszubalancieren - um Kunden gerecht zu werden und neue Zielgruppen und Märkte zu erschließen. Kunden wollen eine immer persönlichere Betreuung sowie auf die eigenen Bedürfnisse hin maßgeschneiderte Produkte. Diverse Teams sind hier ein wichtiger Schlüssel zum Erfolg.

Um Diversity in der Belegschaft abzubilden, wäre es jedoch falsch, beispielsweise nur noch Frauen einzustellen. Abgesehen davon, dass die wenigsten Menschen einen Job aufgrund einer Quote bekommen möchten, wäre es auf diese Weise zudem schwierig, eine kompetente Person für eine vakante Stelle zu finden. Diversität ist eben auch ein Prozess, der gelebt werden will. Somit heißt es, die eigene Einstellungspolitik und sich selbst zu hinterfragen. Hier müssen langfristige Ziele gesetzt und verfolgt werden - diese sind in Etappen zu evaluieren und gegebenenfalls anzupassen.

Auch die Digitalisierung macht mehr Diversität in der Belegschaft notwendig - vor allem, weil die Finanzbranche heute vor der großen Herausforderung steht, digital Wertschöpfung generieren zu müssen. Und die funktioniert nun einmal nach anderen Regeln als in der analogen Welt.

Hier hilft ein Blick auf Facebook, Google & Co.: Hauptdienstleistungen sind für die Nutzer meist kostenlos, etwa der Internetbrowser oder die Suchmaschine. Wertschöpfung wird erst mit den gewonnenen Daten der User generiert. Auch die Finanzindustrie muss mittelfristig in diese Richtung denken - auf der einen Seite, weil mit den klassischen Bank- und Finanzprodukten kaum noch Gewinne erwirtschaftet werden können. Auf der anderen Seite, weil es die fortschreitende Digitalisierung und die damit einhergehenden immer individueller werdenden Kundenwünsche einfordern.

Genau hierfür müssen die Teams in Banken und Finanzinstituten breiter aufgestellt sein. Auch die Finanzbranche braucht Data Analysts und Scientists, Experten auf dem Gebiet des maschinellen Lernens, aber auch Wirtschaftswissenschaftler und Juristen, die sich mit Plattformökonomie, Blockchain, Token und Smart Contracts auskennen.

Schon jetzt erlebt die Branche, wie sich jene Unternehmen Marktanteile innerhalb der Finanzwelt sichern wollen, die die digitalen Geschäftsmodelle beherrschen - sprich, die großen Internetunternehmen, bei denen Diversity Teil der Unternehmens-DNA ist, aber auch kleine agile Start-ups, die von Grund auf interdisziplinär und divers arbeiten.

Die Finanzbranche steht jedoch nicht allein vor der Herausforderung, nachziehen und Boden wieder gutmachen zu müssen. Im Gegenteil, schon heute können sich IT-Experten ihre Jobs und Arbeitgeber aussuchen. Und die Situation am Arbeitsmarkt wird sich sicherlich noch verschärfen. Auch daher ist es so wichtig, kurz- als auch langfristig auf Vielfalt zu setzen. Diese Mission beginnt bereits in der Ausbildung. Und zwar damit, die Talente, die am besten zu den Herausforderungen von morgen passen, mit einem breiten Know-how auszustatten und bestmöglich zu fördern.

Durch diesen Aspekt bekommt auch die Weiterbildung noch einmal eine größere Bedeutung. Schon vor dem Hintergrund des demografischen Wandels ist klar, dass sich nicht alle Fähigkeiten und jede Expertise dauerhaft extern rekrutieren lassen. Was nötig ist, ist eine Kultur des Empowerments, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dazu ermutigt, außerhalb bestehender Denkmuster neue Wege zu gehen, neue Fähigkeiten auf- und bestehende weiter auszubauen. Beweglicher sind hier natürlich auch die Unternehmen, die bereits heute über Teams verfügen, die unterschiedliche Meinungen, Denkweisen und Arbeitsstile gewohnt sind.

Die Frage, ob Banking künftig auch ohne Banker möglich ist, lässt sich mit einem klaren Nein beantworten. Es ist jedoch ebenso klar, dass Banker zukünftig nicht mehr ausschließlich mit den traditionellen Fähigkeiten erfolgreich sein können.

An Attraktivität gewinnen

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Bankenwelt in Bewegung ist und sich vielerorts schon moderne, agile und dynamische Ansätze finden lassen, die Gestaltungsspielraum bieten. Diese müssen jedoch konsequent strategisch ausgebaut und erweitert werden. Nicht zuletzt weil die Branche so an Attraktivität für junge Menschen gewinnt, die heute oder morgen in die Berufswelt starten. Trotz und auch wegen der voranschreitenden Digitalisierung sind diese Talente mit ihren verschiedenen Ansätzen und Positionen für die Zukunft der Finanzbranche ein unerlässliches Kapital.

Belgin Rudack, Vorstandsvorsitzende der Creditplus Bank AG

Börsen-Zeitung, 09.05.2020, Autor Belgin Rudack, Vorstandsvorsitzende der Creditplus Bank AG, Nummer 89, Seite B 3, 1046 Wörter

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https://www.boersen-zeitung.de/index.php?li=1&artid=2020089804&titel=Auf-Vielfalt-setzen
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