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Redaktion

Nicht nur Gebäude, sondern die gesamten Bauprozesse müssen nachhaltigen Kriterien gerecht werden

Wer in Deutschland baut, begibt sich nicht selten in ein Abenteuer. Mehr als 3000 Normen sind hierzulande für den Planungs- und Bauprozess relevant, ob für Baustoffe, Dämmung, technische Anlagen oder Energiesysteme. Auch wenn die meisten Vorschriften dem Schutz der Umwelt, der Schonung der natürlichen Ressourcen sowie der Sicherheit der Gebäudenutzer dienen, so steht außer Frage, dass die Regulierungswut das Bauen verteuert und in die Länge zieht.

Mit dem neuen Gebäudeenergiegesetz (GEG), das am 1. November 2020 in Kraft tritt, sollen zwar die energierechtlichen Bestimmungen für Gebäude vereinfacht werden. Dennoch werden Bauherren auch in Zukunft ohne professionelle Hilfe wohl kaum den Vorschriftendschungel durchdringen.

Angesichts der Bestrebungen für immer strengere Umweltvorgaben ist es erstaunlich, dass die bestehenden Ineffizienzen im eigentlichen Planungs- und Bauprozess in der Öffentlichkeit und auch bei den politischen Entscheidungsträgern bisher eine eher untergeordnete Rolle spielen. Dabei gehört die AEC-Branche - die drei Buchstaben stehen für Architecture, Engineering und Con-struction - zu den ressourcenintensivsten Industrien überhaupt. Gebäude und Bauwerke stehen für rund 36 % des globalen jährlichen Energieverbrauchs und für knapp 40 % der gesamten CO2-Emissionen.

Perspektive erweitern

Der Großteil des Energieverbrauchs entsteht beim Betrieb der Bauwerke, aber auch der Planungs- und Bauprozess hinterlässt einen erheblichen ökologischen Fußabdruck. Es ist also notwendig, die Per-spektive auszuweiten, wenn es um das Thema Nachhaltigkeit und Bauen geht. Bei der Diskussion um mehr Umweltverträglichkeit in der Bauindustrie sollte es nicht nur um nachhaltige Gebäude, sondern auch um nachhaltiges Planen und Bauen gehen. Je effizienter und exakter ein Gebäude geplant und realisiert wird, desto geringer ist der Verbrauch an natürlichen Ressourcen, an Kosten und an Zeit.

Das renommierte US-Fachmagazin Engineering-News Record berichtete, dass etwa 10 % aller Materialien, die am Bau eingesetzt werden, nicht nötig sind und damit verschwendet werden. Rund 30 % aller Konstruktionsarbeiten sind demnach Umbauten, die auf Planungsfehlern beruhen. Und etwa neun von zehn Projekten werden zu spät fertiggestellt. Diese und andere strukturelle Defizite kosten Geld, Zeit und zusätzliche Energie. Dabei geht es bei weitem nicht nur um öffentlichkeitswirksame Großpro-jekte, die aus dem Ruder laufen. Fast jeder private Bauherr kennt die Herausforderung, im vorgegebenen Kosten- und Zeitrahmen zu bleiben.

Die AEC-Branche, verwöhnt durch eine lange Boomphase, leistet sich Produktivitätsdefizite, die in anderen Schlüsselindustrien wie etwa der Automobilproduktion oder dem Maschinenbau undenkbar wären. Der Rückstand hängt in hohem Maße mit dem vergleichsweise niedrigen Digitalisierungsgrad zusammen.

Noch wenig Digitalisierung

Die Nachteile analogen Arbeitens machen sich besonders in der Kollaboration der am Bauprozess Beteiligten bemerkbar. Der Schlüssel für die digitale Vernetzung - die Arbeitsmethode "BIM" (Building Information Modeling) - ist zwar bereits seit Jahren etabliert und seit diesem Jahr bei öffentlichen Infrastrukturprojekten in Deutschland sogar vorgeschrieben. Dennoch, so ergab eine Analyse von PricewaterhouseCoopers, hatten 2019 erst 18 % der befragten deutschen Branchenunternehmen eine fertige BIM-Strategie in der Schublade, und 39 % gaben an, zumindest an einer solchen zu arbeiten. Das Ausland ist hier zum Teil wesentlich weiter: So ist der Einsatz der Methodik in den USA sowie in den skandinavischen Ländern, in den Niederlanden oder in Großbritannien bereits deutlich stärker verbreitet.

Die Vorteile von BIM sind offenkundig. Gebäude und Bauwerke werden erst digital und dann real gebaut, alle relevanten Gebäudedaten werden digital erfasst und vernetzt. Bereits in der Planungsphase arbeiten alle Projektbeteiligten am gleichen Modell. Von vornherein geht es dabei um die Betrachtung der gesamten "Lebensphase" eines Bauwerks, von der Planung über den Bau und das Gebäudemanagement bis hin zum möglichen Rückbau.

Kostspielige Überraschungen

Denn nicht selten kommt es vor, dass Häuser nach Jahrzehnten um- oder sogar zurückgebaut werden. Dann warten auf Planer und Gewerke allerlei - oft kostspielige - Überraschungen, weil niemand exakt erfasst hatte, welche Materialien wo verbaut und welche kurzfristigen Planungsänderungen vorgenommen wurden. Die exakte Erfassung, Dokumentation und Archivierung aller gebäuderelevanten Daten macht derlei Modernisierungsvorhaben wesentlich einfacher kalkulier- und planbar. Zum Teil kann der Rückbau sogar zur Rohstoffgewinnung eingesetzt werden.

Voraussetzung für eine reibungslose Zusammenarbeit von Architekten, Ingenieuren, ausführenden Gewerken und Gebäudemanagern sind leistungsfähige Softwarelösungen, die passgenau die jeweiligen Stufen und Aufgabenbereiche des Planungs- und Bauprozesses abdecken. Das beginnt bei modernen 3D-Visualisierungen für Architekten und reicht über die Baukostenplanung, Auftragseinholung und -vergabe bei den Zulieferern, die Baustellenlogistik bis hin zur Baustellendokumentation. Oft unterschätzt wird, dass der Großteil der Kosten für eine Immobilie, wenn man deren gesamten Lebenszyklus zu Grunde legt, erst bei der Nutzung anfällt, so dass auch Lösungen für ein effizientes Gebäudemanagement essenziell sind. Die Anforderungen, die an einen möglichst ressourceneffizienten, also nachhaltigen Betrieb gestellt werden, müssen aber bereits im Planungsstadium berücksichtigt werden.

Offene Schnittstellen wichtig

Wichtig ist, dass die Kollaboration zwischen den Prozessbeteiligten durch offene Software-Schnittstellen, wie sie die Nemetschek Group seit jeher befürwortet, gefördert wird: Effizienz- und Produktivitätsverbesserungen sollten nicht daran scheitern, dass die Lösungen verschiedener Anbieter inkompatibel sind.

Moderne BIM-Prozesse beziehen mindestens fünf Dimensionen ein, das heißt neben dem durchgängigen Arbeiten in dreidimensionalen Modellen auch die Faktoren Kosten und Zeit. Dass dieser Ansatz gerade bei Großprojekten segensreich ist, zeigt der 2016 fertiggestellte Gotthard-Basistunnel in der Schweiz, mit 57 Kilometern der längste Eisenbahntunnel der Welt. Das Jahrhundertprojekt, mit dem bereits im Jahr 1999 begonnen wurde, war von der Planung über den Bau bis zur Wartung nach der Inbetriebnahme in hohem Maße digitalisiert, was gerade für den laufenden Betrieb erhebliche Kosten- und Transparenzvorteile bringt. Dass dieses extrem anspruchsvolle Bauwerk sogar ein Jahr früher als geplant fertiggestellt werden konnte, spricht für eine effiziente Projektsteuerung, was ohne digitalisierte Prozesse wiederum nicht möglich gewesen wäre.

Digitale Lösungen zahlen direkt auf den Faktor Nachhaltigkeit ein. Beim Gotthard-Basistunnel wurden durch die exakte Planung der Tunnelauskleidung rund 90 000 Kubikmeter Beton gespart. Auch handschriftliche Zettel, Planzeichnungen und Bautagebücher sollten auf einer Baustelle der Vergangenheit angehören. Das US-Unternehmen Bluebeam, das zu den Marken der Nemetschek Group gehört, hat errechnet, dass im Jahr 2019 rund 32 Millionen Blätter Papier durch den Einsatz ihrer digitalen Lösungen eingespart wurden, das entspricht 64 000 Packungen Druckerpapier zu je 500 Blatt. Und auch im fertigen Bauwerk gibt es eine Vielzahl von Stellschrau-ben, die durch intelligente digitale Steuerungen den Ressourcenverbrauch für Heizung, Lüftung und Licht optimieren.

BIM wird weltweiter Standard

Klar ist, dass die AEC-Branche noch einen erheblichen Nachholbedarf bei der Beseitigung ihrer Produktivitätsdefizite hat. Klar ist auch, dass BIM früher oder später weltweit zum Standard für modernes Bauen werden wird. Anders lassen sich die Vorgaben für Kosten, Ausstattung und nicht zuletzt für die Nachhaltigkeit von modernen Bauwerken gar nicht mehr erfüllen. Wer sich diesem Trend verweigert, riskiert seine Wettbewerbs- und Zukunftsfähigkeit. Denn die digitale Transformation der Branche geht längst weiter: Künstliche Intelligenz bei der Organisation von Baustellen, der Einsatz von Drohnen zur Überwachung von Bauausführungen oder die Nutzung von 3D-Druckern für Gebäudeteile sind teilweise bereits Realität.

Axel Kaufmann, Vorstandssprecher und Chief Financial & Operations Officer (CFOO) der Nemetschek SE

Börsen-Zeitung, 01.10.2020, Autor Axel Kaufmann, Vorstandssprecher und Chief Financial & Operations Officer (CFOO) der Nemetschek SE, Nummer 189, Seite B 7, 1089 Wörter

URL zum Artikel:
https://www.boersen-zeitung.de/index.php?li=1&artid=2020189810&titel=Nachhaltige-Bauwerke-brauchen-digitale-Loesungen
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