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Redaktion

In der Krise kommt es darauf an, wichtige Änderungen zu beschleunigen und flexibel zu sein, aber auch die Menschen mitzunehmen

Baden-Württemberg 2020 - ein Bundesland, das sich vielen enormen Herausforderungen gleichzeitig gegenübergestellt sieht. Da ist natürlich das Coronavirus, das zunächst zu Angebotsdisruptionen für die baden-württembergische Industrie geführt hat. Dann kam es durch den Lockdown zu dramatischen Nachfrageausfällen und jetzt durch eine hohe Unsicherheit zu einer Kauf- und Investitionszurückhaltung, die das Wachstum deutlich drückt.

Da ist zum anderen der Strukturwandel in der Automobilindustrie, dem industriellen Herzen Baden-Württembergs. Zudem gibt es selbstverständlich auch noch die Themen Digitalisierung und Automatisierung, die massiv industrielle Fertigungen, aber zunehmend auch Verwaltungen rationalisieren. Und zu allem Überfluss ist der Exportgigant Baden-Württemberg mit der America-First-Politik in den USA, dem Made-in-China-2025-Plan in China und dem Brexit besonders gefordert. Alles zusammen eine veritable Krise.

"Krise ist ein produktiver Zustand - man muss ihm nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen." Damit bringt es Max Frisch auf den Punkt. Gerade in Krisensituationen gilt: ein "Weiter so" ist nicht mehr möglich - und nicht mehr sinnvoll. Krisen decken Schwächen erbarmungslos auf, legen aber auch Stärken frei. Dies gilt für ein Staatswesen genauso wie für Unternehmen, aber auch für uns alle individuell. Gerade Baden-Württemberg hat es in der Geschichte oft bewiesen, dass es "Krise kann". Ein klarer Beleg dafür stammt aus dem 19. Jahrhundert: das Konjunktur- und Zukunftsprogramm mit "Wumms" von Königin Katharina von Württemberg. Angesichts der Corona-Pandemie ist die Parallele aktueller denn je.

Das Jahr 1816, das als "Jahr ohne Sommer" in die Geschichte eingegangen war, brachte auch in Württemberg große Ernteausfälle und damit verbunden einen strengen Hungerwinter 1816/17 mit sich. Württemberg sah sich einer extremen Krise gegenübergestellt. Katharina, die entschlossene, entscheidungsfreudige und gut ausgebildete junge Königin begriff, dass das Königreich rasch Maßnahmen zur Verbesserung der allgemeinen sozialen Notlage im Land ergreifen musste. Zur Bekämpfung des Hungerwinters setzte sie ein Verbot für die Ausfuhr von Nahrungsmitteln durch, ließ Getreidelieferungen aus Russland - ihrem Heimatland - kommen und führte Festpreise für bestimmte Lebensmittel ein. Auch die Einrichtung öffentlicher Suppenküchen zählte dazu. Diese Maßnahmen würden sich heute unter dem Begriff Soforthilfen subsumieren.

Das Herunterfahren des öffentlichen Lebens, um das Gesundheitssystem nicht kollabieren zu lassen, die Aufrechterhaltung der Versorgung, aber auch die Ausweitung des Kurzarbeitergeldes waren Maßnahmen, die die Politik sehr rasch und konsequent beschlossen und umgesetzt hat. Aber auch die zentral organisierte Bestellung von Schutzmasken, Beatmungsgeräten etc. zeigt Parallelen zur Krisenbewältigung in der damaligen Zeit auf. Doch Obacht: Sofortmaßnahmen sind immer zeitlich begrenzt, sie dürfen nicht zum Dauerzustand werden, da es ansonsten zu unerwünschten Strukturverzerrungen kommen wird.

Soziale Sicherung

Katharina erkannte, dass Soforthilfen allein nicht ausreichen würden. Ihr Ziel war es, eine langfristige Lösung zur Verhinderung des sozialen Elends in der Bevölkerung zu finden. Analog zu damals muss auch heute die (Selbst-)Versorgung im Gesundheitsbereich auf der Agenda stehen. Arbeitsteilung, komparative Vorteile, Globalisierung haben letzt-endlich eine Abhängigkeit bei der Grundversorgung mit Medizin entstehen lassen, die in Krisenzeiten schnell die Verwundbarkeit aufzeigt. Daher muss diese Abhängigkeit reduziert und ähnlich wie beim Öl eine strategische Reserve angelegt werden.

Eine völlige Autarkie der europäischen Pharmabranche kann nicht das Ziel sein, eine stärkere Unabhängigkeit jedoch schon. In der Analyse zukünftiger Gesellschaftsentwicklungen, insbesondere vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung in Europa, ist es aus meiner Sicht sinnvoll, den Fokus wieder stärker auf Medizin und Medizintechnik zu legen - insbesondere in Baden-Württemberg. Dazu müssen aber noch einige Voraussetzungen erfüllt sein, vor allem im Bereich Forschung und Entwicklung. Gerade die aktuelle Suche nach einem Impfstoff gegen Covid-19 zeigt, was gut ist und was dringend verbessert werden muss. Wenn wir daraus lernen, sehe ich viel Potenzial für den Standort Baden-Württemberg.

Thema Nachhaltigkeit

Zurück ins Jahr 1817: Königin Katharina wollte auch eine langfristige Lösung zur Verhinderung der Armut in der Gesellschaft durch Lebensmittelknappheit. So entstand bereits im August 1817 die "Centralstelle des landwirtschaftlichen Vereins", welche die Förderung nachhaltiger Landwirtschaft zum Ziel hatte. Sie mündete in die landwirtschaftliche Unterrichts-, Versuchs- und Musteranstalt, die durch König Wilhelm I. von Württemberg am 20. November 1818 gegründet wurde und auf die die heutige Universität Hohenheim zurückgeht. Dies zeigt, dass es gerade in Notzeiten darauf ankommt, wesentliche, zukunftsorientierte Strukturen aufzusetzen und entsprechende Innovationen, basierend auf Bildung und Forschung, zu ermöglichen. Nur dadurch ergeben sich neue Chancen und Perspektiven für eine Region.

Dabei den Nachhaltigkeitsaspekt nicht aus den Augen zu verlieren, darf uns nicht erst seit Greta Thunberg klar sein. Gerade in der Landwirtschaft zeigt sich, wie wichtig nachhaltiges Wirtschaften ist. Klima, Boden und Wasser sind die Grundlagen dieses Sektors und die Grundlagen unseres Lebens. Diese Grundlagen, die ökonomisch bislang nur unzureichend in die Produkte eingepreist wurden, müssen stärker im Preisbildungsprozess berücksichtigt werden. Hier gilt es, kluge, ökonomische Anreize zu setzen, um den gewünschten, ökonomisch und ökologisch sinnvollen Wandel zu meistern. Daraus können - wenn man es richtig macht - viele positive Effekte entstehen. Macht man es falsch, können alte Strukturen länger als sinnvoll bestehen bleiben und den Wandel behindern oder gar verhindern.

Diese Gratwanderung ist aus meiner Sicht die derzeit schwierigste Abwägung, die die Politik in Bund und Land zu treffen hat - was sich in der politischen Diskussion über die Ausgestaltung des Konjunktur- und Zukunftsprogramms klar gezeigt hat. Der Kompromiss zwischen Konjunkturhilfen und Zukunftsthemen war meines Erachtens gut, basiert aber auf einem herausragend großen Gesamtvolumen. Die intensiven Diskussionen bei zukünftig eher knapperen Budgets werden vermutlich nicht so einfach - und trotzdem sollten die Schwerpunkte klar auf die Zukunftsthemen gerichtet sein. Dies ist allerdings keine rein budgetäre Angelegenheit, sondern bedarf einer entsprechenden Flankierung durch die Beschleunigung von Prozessen und Hebung von Effizienzen durch Entbürokratisierung und ein Mehr an Flexibilisierung. Wenn ökonomische Situationen, Entwicklungen und Märkte sehr unsicher sind, muss man als Unternehmen maximal flexibel sein, um entsprechend agieren und reagieren zu können.

Finanzierung der Zukunft

Nochmals ein Rückblick in das Jahr 1817. Ein weiteres Anliegen Königin Katharinas war es, den Sparwillen der Bevölkerung zu fördern. Dadurch sollten auch Einzelpersonen in der Lage sein, eine individuelle Vorsorge für Notzeiten zu schaffen. Am 27. Februar 1818 erteilte der König die Genehmigung zur Gründung der Württembergischen Sparkasse - und legte damit den Grundstein zur heutigen Landesbank Baden-Württemberg.

Sparen und Investieren sind zwei Seiten einer Medaille. Mit negativen Einlagenzinsen, die die Europäische Zentralbank seit Juni 2014 und damit schon seit mehr als sechs Jahren erhebt, ist hier ein entscheidender Baustein für die Vorsorge aus den Fugen geraten und muss dringend korrigiert werden. Es ist unbestrittener denn je: Vorsorge tut not - und der Zinseszinseffekt hilft, diese auch für alle Bürgerinnen und Bürger zu ermöglichen. Die Lücke, die sich hierbei seit Jahren durch den negativen Nominalzins auftut, wird langfristig schwerwiegende Folgen haben. Hinzu kommt, dass die Realzinsen tief negativ sind - und vermutlich noch sehr lange negativ bleiben werden.

Das stellt die Frage nach Anlagealternativen. Hier ist meines Erachtens eine Möglichkeit, staatliche Sparförderung sinnvoll anzubieten und den Zinsvorteil, den der Staat durch negative Nominalzinsen hat, den Sparern über zielgerichtetes und langfristiges Sparen, angeboten über Sparkassen, Genossenschaftsbanken, Privatbanken, mit einer Zinsprämie attraktiv zu machen und das Geld zum Beispiel für die Erreichung der Klimaschutzziele zweckgebunden einzusetzen. Davon hätten am Ende alle etwas. Die Franzosen machen uns das bereits seit Jahren erfolgreich vor.

Krisen sind nichts Neues: Es hat sie immer gegeben - und es wird sie immer wieder geben, aller Regulierung zum Trotz. Und Krisen sind wichtig, denn sie haben reinigenden Charakter. Man muss sich in der Krise auf das Wesentliche konzentrieren, wichtige Änderungen beschleunigen, flexibel sein, aber - und das ist ganz wichtig - die Menschen mitnehmen, ihnen Chancen geben, ihnen Teilhabe ermöglichen. Das Krisen-konzept Königin Katharinas vor nunmehr 200 Jahren zeigt den Weg auch für heute auf.

Starke Unternehmensbasis

Baden-Württemberg hat eine starke, innovative Unternehmensbasis. Diese Basis gilt es zu stärken und von unnötigem Ballast zu befreien. Es gilt aber auch, im wahrsten Sinne Platz bereitzustellen für Neues, denn Strukturwandel entsteht immer neben dem Bisherigen. Ohne konkreten Platz für Neuansiedlungen für neue Branchen, neue Forschung, zusätzliche Entwicklung, neue Produktion, insbesondere in der Region Stuttgart, wird ein Strukturwandel nur sehr schwer gelingen. Hier gilt es, alle Reserven zu mobilisieren und jetzt den Strukturwandel zu ermöglichen. Strukturwandel braucht Platz - auch im Kopf.

Uwe Burkert, Chefvolkswirt und Leiter des Konzernbereichs Research der LBBW

Börsen-Zeitung, 17.10.2020, Autor Uwe Burkert, Chefvolkswirt und Leiter des Konzernbereichs Research der LBBW, Nummer 200, Seite B 1, 1317 Wörter

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