EZB neigt zu Zinssenkung bis Jahresende
EZB neigt zu Zinssenkung bis Jahresende
Sitzungsprotokoll für Juli zeigt Uneinigkeit beim Inflationsausblick – Zinspause im September wahrscheinlich
Im jüngsten Sitzungsprotokoll der EZB lässt sich eine Tendenz der Notenbank für eine weitere Lockerung der Geldpolitik erkennen. Im September dürfte es noch nicht so weit sein. Die Ratsmitglieder fühlen sich derzeit mit ihrem Ansatz einer abwartenden Haltung wegen der unsicheren Effekte der Zölle wohl.
mpi Frankfurt
Der EZB-Rat zeigt sich mit der jüngsten Entwicklung der Inflation zufrieden, was eine Zinssenkung der Notenbank bei der nächsten geldpolitischen Sitzung am 11. September unwahrscheinlich macht. Die bislang aktuellsten Projektionen der EZB für Inflation und Wirtschaftswachstum seien durch die wirtschaftliche Entwicklung „weitgehend bestätigt worden“, heißt es im Protokoll der Juli-Sitzung, welches die EZB am Donnerstag veröffentlicht hat.
An mehreren Stellen im Protokoll befinden sich jedoch Hinweise, dass die EZB derzeit dazu neigt, die Leitzinsen bis Dezember noch ein letztes Mal in diesem Zyklus zu lockern. So war bereits im Juli eine weitere Zinssenkung eine Option, über die debattiert worden war. Zudem haben „einige“ Ratsmitglieder die Abwärtsrisiken für die Inflation betont, die etwa durch die Zölle entstehen. Dagegen hatten nur „wenige“ die Aufwärtsrisiken in den Fokus gerückt, die beispielsweise durch wieder höhere Energiepreise entstehen könnten.
Am 11. September stehen neue Projektionen der EZB an, die für den Kurs der Geldpolitik eine wichtige Rolle spielen. Derzeit erwartet die Notenbank ein vorübergehendes Unterschreiten des Inflationsziels, sieht sich jedoch mittelfristig auf gutem Weg. Diese Einschätzung dürfte sich erstmal nicht ändern, weswegen eine Verlängerung der Zinspause anstehen dürfte. Die Ratsmitglieder halten im Protokoll jedoch fest, dass es wichtig sei zu bedenken, dass die Marktzinskurve, auf der die Vorhersagen basieren, eine Zinssenkung bis Jahresende impliziert.
Abwartende Haltung
Sollte der EZB-Rat diese weitere Lockerung der Geldpolitik um 25 Basispunkte nicht beschließen, würde dies zur Folge haben, dass die Inflationsprognose dadurch niedriger ausfällt. Da sich ohnehin derzeit mehr Notenbanker um eine mittelfristig zu niedrige als eine zu hohe Inflation sorgen, ist dies ein Indiz für eine Lockerung bis Jahresende. Gleichwohl betonten die Währungshüter die nach wie vor wegen des Handelskonflikts mit den USA ungewöhnlich hohe Unsicherheit beim Ausblick. Dies könne es rechtfertigen, die Leitzinsen erstmal unverändert zu lassen.
„Insgesamt zeigt das Sitzungsprotokoll eine abwartende Haltung der EZB mit einer leichten Tendenz zu einer weiteren Lockerung in diesem Jahr“, sagt Carsten Brzeski, Chefökonom der ING. „Die vielleicht interessanteste Information aus dem Protokoll ist die Tatsache, dass mindestens ein EZB-Mitglied offenbar für eine Zinssenkung im Juli war.“
Geldpolitik stimuliert Kreditvergabe
Derweil schieben die Zinssenkungen seit Juli 2024 die Kreditvergabe im Euroraum an. Banken reichten im Juli 2,8% mehr Darlehen an Unternehmen aus als im Vorjahresmonat. Das geht aus neuen Daten der EZB hervor. Der Anstieg im Juli ist der stärkste seit über zwei Jahren. Auch die Kreditvergabe an private Haushalte legte stärker zu als vor zwölf Monaten.

Während die lockere Geldpolitik die Kreditvergabe stimuliert, bremst die gedämpfte konjunkturelle Erholung im Euroraum diese. Auch die nach wie vor bestehende Verunsicherung bei Firmen und Verbrauchern durch die US-Handelspolitik bremsen die Kreditvergabe.
Die Geldmenge M1, die aus Bargeldumlauf und täglich fälligen Einlagen besteht, wuchs im Juli um 5,0%, nach zuvor 4,7%. Sie gilt Ökonomen als Konjunkturindikator, da M1 die vorhandene Liquidität widerspiegelt. Die breiter gefasste Geldmenge M3 legte mit 3,4% etwas schwächer zu als erwartet. Sie besteht aus Bargeld, Einlagen auf Girokonten sowie Geldmarktpapiere und Schuldverschreibungen. Unter Volkswirten gibt es eine Debatte, ob M3 ein guter Frühindikator für die Entwicklung der Inflation ist oder nicht.