Deutsche Konjunktur

Ifo-Rückgang schürt Konjunktursorgen

Die Stimmung der deutschen Wirtschaft hat sich zur Mitte des zweiten Quartals deutlich eingetrübt – nach dem Einkaufsmanagerindex und den ZEW-Konjunkturerwartungen ist nun auch das Ifo-Geschäftsklima stärker als erwartet abgerutscht. Eine Rezession wird wieder wahrscheinlicher.

Ifo-Rückgang schürt Konjunktursorgen

Ifo-Rückgang schürt Konjunktursorgen

Erwartungen deutlich geringer – Stimmung trübt sich vor allem in Handel und Industrie ein – Bauklima am schwächsten

ba Frankfurt

Der erste Stimmungsdämpfer für die deutsche Wirtschaft seit einem halben Jahr ist ein weiteres Indiz, dass sich die Konjunkturaussichten spürbar eintrüben. Die übliche Frühjahrsbelebung droht auszufallen, wie der überraschend deutliche Rückgang des Ifo-Geschäftsklimaindex um 1,7 auf 91,7 Punkte signalisiert. Ökonomen hatten mit einem Wert von 93,0 Zählern gerechnet. Damit reiht sich das wichtigste Frühbarometer für die hiesige Wirtschaft nahtlos ein in die Riege zuletzt schwächer als erwartet ausgefallener Indikatoren.

„Die deutsche Wirtschaft blickt skeptisch auf den Sommer“, kommentierte Ifo-Präsident Clemens Fuest das Ergebnis der monatlichen Umfrage unter 9.000 Managern. Insbesondere die Erwartungen sind pessimistischer ausgefallen, aber auch die aktuelle Lage wurde etwas schwächer als zuvor beurteilt. Die Wirtschaft trete auf der Stelle und „im zweiten Quartal dürfte es in Richtung einer Stagnation gehen“, ergänzte Ifo-Experte Klaus Wohlrabe im Reuters-Interview. Die Bundesbank hingegen ist in ihrem Monatsbericht Mai etwas optimistischer – ein leichter Anstieg der Wirtschaftsleistung sei möglich. Ökonomen halten es mittlerweile für möglich, dass das Bruttoinlandsprodukt (BIP) entgegen der Schnellschätzung des Statistischen Bundesamts (Destatis) im ersten Quartal doch nicht stagnierte, sondern geschrumpft ist. Damit käme es definitionsgemäß zu einer technischen Rezession, also zwei Quartalen mit rückläufigem BIP. Denn Ende 2022 war das BIP um 0,5% im Quartalsvergleich gesunken. Am Donnerstag liefert Destatis ein Update zur BIP-Entwicklung im ersten Quartal.

Bremsklotz Zinserhöhung

Die Reaktion von Bankökonomen auf das Ifo-Minus fiel negativ aus. „Das sieht weiterhin nach Rezession aus“, nachdem schon die Konjunkturdaten im März besorgniserregend waren, sagte Jens-Oliver Niklasch von der LBBW. Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer mahnte mit einem Blick auf die vergangenen 50 Jahre, „dass Leitzinserhöhungen stets in Rezessionen mündeten, wobei von der ersten Zinserhöhung bis zum Beginn der Rezession im Durchschnitt fünf Quartale vergehen“. Seit vergangenen Sommer stemmt sich die Europäische Zentralbank (EZB) mit einem beispiellosen Straffungskurs gegen die hohe Inflation. Die Zinserhöhungen der EZB von mittlerweile 375 Basispunkten, aber auch die Zinsschritte der anderen Notenbanken, werden von Ökonomen denn auch als bedeutendste Bremsfaktoren für die Wirtschaft gesehen.

„Die Zinserhöhungen scheinen die Nachfrage zu dämpfen“, sagte Wohlrabe mit Blick auf die gestiegenen Zinskosten. So seien etwa die Exporterwartungen in der Industrie gesunken. „Sie hat wohl deutlich weniger Neuaufträge erhalten“, sagte der Ifo-Experte. „Die Nachfrage wird zum Problem.“ Insbesondere der Absturz der Erwartungskomponente hat zum merklich schlechteren Geschäftsklima in der Industrie geführt. Einen stärkeren Erwartungsrückgang hatte es zuletzt im März 2022 nach Beginn des Ukraine-Krieges gegeben. Ein ähnliches Bild hatte der am Dienstag veröffentlichte Einkaufsmanagerindex für die Industrie gezeichnet. Die Industrieproduktion wurde laut S&P Global nach einem Mini-Wachstum in den vergangenen drei Monaten wegen verstärkter Auftragsverluste wieder zurückgefahren, und zwar so kräftig wie zuletzt im November 2022. Der Dienstleistungssektor hingegen expandierte weiter kräftig. Das Ifo-Geschäftsklima der Dienstleister ist im Mai nahezu unverändert geblieben. Insofern deckt sich die Quintessenz des Einkaufsmanagerindex mit der Ifo-Umfrage, wie Christian Lips von der Nord/LB schreibt: „Dienstleister hui, Industrie pfui.“

Die Nachfrageschwäche trifft laut Wohlrabe aber noch stärker die Baubranche, wo wegen der gestiegenen Material- und Zinskosten viele Projekte storniert würden. Hier hat die schlechtere Einschätzung der aktuellen Lage die Stimmung gedämpft. Die Erwartungen waren „nahezu unverändert pessimistisch“.

Wohlrabe macht aber auch Lichtblicke aus. So hätten die Materialengpässe erneut abgenommen – ebenso der Anteil der Unternehmen, die ihre Preise erhöhen wollen. „Bis hier die Entspannung bei den Endverbrauchern ankommt, dürfte es aber noch ein bisschen dauern“, sagte Wohlrabe mit Blick auf die Inflationsentwicklung. Derzeit hielten sich die Verbraucher noch beim Konsum zurück. Im Handel ist das Geschäftsklimabarometer deutlich gefallen – insbesondere aber im Großhandel. Nach fünf Monaten fiel der Indikator zur aktuellen Lage im Handel wieder in den negativen Bereich. Zudem nahmen die skeptischen Stimmen bei den Erwartungen merklich zu.

Die Stimmung der deutschen Wirtschaft hat sich zur Mitte des zweiten Quartals deutlich eingetrübt – nach dem Einkaufs­managerindex und den ZEW- Konjunkturerwartungen ist nun auch das Ifo-Geschäftsklima stärker als erwartet abgerutscht. Eine Rezession wird wieder wahrscheinlicher.

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