BlickfeldOECD-Studie

Deutschland ist Spitzenreiter in der Finanzbildung

Auch wenn viele Menschen hierzulande einfache Geldfragen nicht beantworten können, führt die Bundesrepublik im internationalen Vergleich, wie eine neue Studie der OECD zeigt.

Deutschland ist Spitzenreiter in der Finanzbildung

Deutschland ist Spitzenreiter in der Finanzbildung

Auch wenn hierzulande viele Menschen einfache Geldfragen nicht beantworten können, führt die Bundesrepublik im internationalen Vergleich der OECD.

Von Jan Schrader, Frankfurt

Nirgendwo auf der Welt können erwachsene Menschen so gut mit Finanzen umgehen wie in Deutschland: Sowohl das reine Finanzwissen zu grundsätzlichen Fragen als auch das angegebene Finanzverhalten und die Einstellung zum Geld sind hierzulande vergleichsweise gut ausgeprägt, berichtet die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in einer Studie zur grundlegenden Finanzkompetenz (Financial Literacy) in 39 Ländern.

Zwar wissen Menschen in der chinesischen Sonderverwaltungszone Hongkong im Durchschnitt etwas mehr als Bundesbürger, wenn sie sieben einfache Fragen rund um Zins, Inflation und Risikostreuung beantworten müssen. Das Finanzverhalten wiederum, also der verantwortliche Umgang mit Geld, ist in Saudi-Arabien gemäß den Angaben der Befragten etwas besser ausgeprägt als in der Bundesrepublik, die hier etwa gleichauf mit Irland steht. Wird der Anteil derjenigen erfasst, die das geforderte Mindestniveau erreichen, liegt Deutschland in beiden Kategorien auf Rang 2.

In der Gesamtwertung liegt Deutschland aber mit Abstand an der Spitze. Von 100 möglichen Punkten erreichen die Befragten 76 Punkte. Thailand folgt mit 71 Punkten auf dem zweiten Platz, gefolgt von Hongkong und Irland mit jeweils 70 Punkten.

Frohe Botschaft nach Pisa-Schock

Gut eine Woche nachdem die OECD mit dem Pisa-Test den deutschen Schülern ein mäßiges Zeugnis im Lesen, in der Mathematik und in den Naturwissenschaften ausstellte, attestiert die Organisation den meisten Erwachsenen hierzulande eine vergleichsweise solide Finanzkompetenz. Hinter dem Bericht steht das International Network on Financial Education (INFE), das bei der OECD angesiedelt ist. In der vorherigen Studie aus dem Jahr 2020 erreichte die Bundesrepublik den vierten Platz, und zwar hinter dem damaligen Spitzenreiter Hongkong, aber auch hinter Österreich und Slowenien, die diesmal in der Studie fehlen.

Für Finanzprofis wirken die Fragen der OECD in der Kategorie "Finanzwissen" überraschend einfach. Viele Menschen sind damit aber über alle Länder hinweg überfordert. In Deutschland beantworten 85% der Befragten mindestens fünf der sieben Fragen korrekt, über alle Länder hinweg schaffen das aber lediglich 50% der Befragten. Die Politik müsse das Basisfinanzwissen weiterhin stärken, hält die OECD fest.

Hierzulande weiß heute fast jeder, dass Inflation mit steigenden Lebenshaltungskosten einhergeht. Auch wissen die allermeisten, dass eine Geldanlage mit hoher Rendite wahrscheinlich sehr risikoreich ist. Und annähernd drei Viertel verstehen in einem Rechenbeispiel für ein Geldkonto den Effekt des Zinseszinses. Die Deutschen zeigen sich hier etwas sicherer als drei Jahre zuvor.

BaFin sieht "Luft nach oben"

Die deutsche Finanzaufsicht BaFin befragte für die Studie im Auftrag der OECD bereits im September und Oktober 2022 mehr als 1.000 Menschen am Telefon. Einige Ergebnisse hat die Aufsicht im April veröffentlicht. "Beim Finanzwissen in Deutschland gibt es Luft nach oben", urteilte die Finanzaufsicht damals. In anderen Ländern sind die Lücken aber größer, wie sich nun zeigt.

Auch das "Finanzverhalten" ist in Deutschland aus Sicht der OECD besser als in vielen anderen Ländern. Hier zählt etwa, ob die befragten Personen ihre Finanzangelegenheiten selbst in die Hand nehmen oder aber anderen überlassen, ob sie in den vergangenen zwölf Monaten aktiv gespart haben, ob sie ihre Ausgaben zuletzt durch die Einnahmen decken konnten, ob sie sich Rat für die Auswahl von Finanzprodukten einholen und ob sie ihre Finanzen langfristig planen.

Und auch die "Einstellungen" zum Geld bewertet die OECD hierzulande eher positiv. Auf einer Skala von eins bis fünf sollten die Befragten hier beantworten, ob sie zufrieden sind, wenn sie Geld ausgeben, statt es langfristig zu sparen, und ob sie im Hier und Heute leben, anstatt für das Morgen vorzusorgen. Die Bundesbürger stimmen diesen Aussagen eher selten zu – aus Sicht der OECD-Experten eine gesunde Einstellung. In der Gesamtwertung hat diese Frage etwas weniger Gewicht als das Wissen und das Verhalten.

Kluft zwischen Ländern ...

Insgesamt sind in der Spitzengruppe europäische wie asiatische Länder zu finden. Neben Deutschland (76) und Irland (70) landen auch Luxemburg (68), Malta (68), Estland (67), Schweden (66) und Finnland (65) weiter vorne, während aus Asien neben Thailand (71) und Hongkong (70) auch Korea (67) gut abschneidet. Zum Vergleich: Im Durchschnitt erreichen alle Länder 60 Punkte.

Schlusslicht ist das Bürgerkriegsland Jemen (42). In Asien liegt Kambodscha (49) hinten, in Lateinamerika schneiden Paraguay (50) und Panama (55) schwach ab, auch andere Länder in Süd- und Mittelamerika erreichen allenfalls Mittelmaß. Die USA und Kanada fehlen in der Studie.

In Europa fallen Italien (53) und Rumänien (54) mit niedrigen Werten auf. Etliche europäische Länder liegen knapp über dem Durchschnitt der Untersuchung, darunter Griechenland (61), Frankreich und Polen (jeweils 62), Spanien und die Niederlande (jeweils 64).

... und innerhalb der Gesellschaft

Auch wenn Deutschland insgesamt gut abschneidet, fallen viele Menschen auch hierzulande zurück. Die BaFin, die das Ergebnis speziell für Deutschland ausgewertet hat, warnt vor einer Kompetenzkluft: Groß ist der Unterschied vor allem dann, wenn zwischen Bildungsstand unterschieden wird, wie die Finanzaufsicht aufschlüsselt.

Anders als die OECD zieht die BaFin allerdings zehn und nicht sieben Fragen für die Bewertung heran: Durchschnittlich 8,5 korrekte Antworten erreichen hier Menschen mit Abitur, Meisterprüfung, Fachschulabschluss oder Hochschulstudium, während Befragte ohne Schulabschluss, mit Haupt- oder Realschulabschluss oder einer Lehre 7,1 korrekte Antworten geben. Zudem spielt das Einkommen eine Rolle: Je mehr Geld im Monat hereinkommt, desto besser schneiden die Befragten ab. Auch international zeigen Bildungsstand und Einkommen einen hohen Effekt, berichtet wiederum die OECD.

Darüber hinaus geben Menschen in Deutschland jenseits von 60 Jahren weniger korrekte Antworten als jüngere Menschen. Im länderübergreifenden Vergleich der OECD fällt das Alter allerdings kaum ins Gewicht.

Auch zeigt die Studie einen Unterschied zwischen den Geschlechtern: Von zehn ausgewählten Fragen der BaFin beantworten Männer im Durchschnitt 8,4 Fragen richtig, während Frauen 7,6 korrekte Antworten geben. Ob die Lücke statistisch tatsächlich an das Geschlecht gekoppelt ist oder ob das Alter und der Bildungsstand der Frauen hier ausschlaggebend sind, schlüsselt die BaFin dabei nicht auf. Die OECD stellt über alle Kategorien der Finanzkompetenz hinweg ebenfalls eine Lücke zwischen den Geschlechtern fest, doch sei diese mit weniger als 2 von 100 Punkten gering.

Auch anderswo führt Deutschland

Die Bundesrepublik liegt nicht nur im Gesamtindex weit vorne, sondern auch in weiteren Kategorien, die separat erfasst wurden: So fragte die OECD die finanzielle Lage (Financial Well-Being) ab, die über die reine Kompetenz hinausgeht. Dazu zählt etwa, ob vorhandene Geldreserven mindestens drei Monate reichen, ob am Ende des Monats Geld übrigbleibt, ob etwaige Schulden als zu hoch empfunden werden oder ob die Befragten auf wesentliche Dinge verzichten müssen.

Deutschland steht dabei mit 73 von 100 Punkten auf Rang 1. Auch Hongkong und Irland, die ebenfalls mit der Finanzkompetenz weit vorne liegen, erreichen hier mit 61 und 58 Punkten hohe Werte und folgen auf Rang 2 und 3. Ärmere Länder fallen hingegen zurück. Auch hier liegt Jemen hinten, und zwar mit 15 Punkten.

Ähnlich sieht das Bild in der digitalen Kompetenz aus: Der Anteil der Menschen, die das geforderte Mindestmaß der OECD erreichen, liegt in Deutschland mit etwas mehr als der Hälfte höher als in den meisten anderen Ländern. Die Experten wollten zum Beispiel wissen, wie vorsichtig die Befragten mit Passwörtern und persönlichen Informationen umgehen und wie umsichtig sie in öffentlich zugänglichen WLAN-Netzwerken sind. Hongkong und Irland liegen etwas vor Deutschland. Befragt wurden dort jeweils nur Personen mit Internetanschluss. Auch Estland, Frankreich, Brasilien und Finnland schnitten in dieser Kategorie gut ab, während Indonesien, Albanien und Korea hinten liegen.

Dazu passt, dass die Deutschen vergleichsweise selten angeben, Opfer von Finanzbetrug geworden zu sein: Während über alle Länder hinweg annähernd 15% der Menschen davon berichten, liegt der Wert in der Bundesrepublik nur etwa halb so hoch. Besonders viele Betrugsopfer gibt es laut der Umfrage auf den Philippinen, in Costa Rica, Brasilien, Peru und Panama. In Europa weist Estland eine hohe Betrugsquote aus. In Saudi-Arabien, Ungarn und Kroatien gibt es demnach wenig Finanzbetrug.

Auch streift die Studie die nachhaltige Geldanlage. So geben annähernd 15% der Deutschen zu Protokoll, ein nachhaltiges Finanzprodukt zu besitzen, während der internationale Durchschnitt bei weniger als 3% liegt. Darüber hinaus wissen die meisten Menschen hierzulande, dass es derartige Finanzprodukte gibt.

Finanzbildung rückt auf Agenda

Derweil nimmt in Deutschland die Diskussion über einen Mangel an Finanzbildung an Fahrt auf. So schreiben sich die Bundesministerien für Finanzen und Bildung das Thema auf die Fahnen. Im März kündigen Finanzminister Christian Lindner und Bildungsministerin Bettina Stark-Watzinger (beide FDP) eine Initiative an, die Angebote bündeln und vernetzen und die Forschung zu dem Thema stärken soll.

Taiga Brahm, Professorin für Ökonomische Bildung und Wirtschaftsdidaktik in Tübingen, warnte vor wenigen Tagen im Interview der Börsen-Zeitung vor einem geringen Stellenwert von finanzieller Bildung in deutschen Lehrplänen. "Eine mangelnde Kompetenz kann zu Altersarmut oder einer höheren Verschuldung führen", sagte sie.

Die OECD-Studie verschweigt die Wissenslücken auch in Deutschland nicht. Das Problem ist aber fast überall auf der Welt größer als hierzulande.

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