Im BlickfeldIndustriepolitik

Spaniens neuer Drang zum Interventionismus

Nach dem Einstieg bei Telefónica mischt Madrid auch bei Übernahmen von Naturgy und Talgo kräftig mit, unterstützt von der Stiftung La Caixa.

Spaniens neuer Drang zum Interventionismus

Spaniens neuer Drang zum Interventionismus

Nach dem Einstieg bei Telefónica mischt die Regierung auch bei Übernahmen von Naturgy und Talgo kräftig mit, unterstützt von der Stiftung La Caixa.

Von Thilo Schäfer, Madrid

Telefónica feierte vor Tagen das 100-jährige Firmenbestehen mit einem Festakt in der Madrider Börse. Spaniens führender Telekommunikationskonzern erfreut sich im Jubiläumsjahr großer Beliebtheit bei Investoren, obwohl diese nicht unbedingt rein finanzielle Interessen verfolgen. Die staatliche Saudi Telecom Group (STC) hat mit dem Kauf von 9,9% der Anteile die spanische Regierung auf den Plan gerufen. Die betrachtet Telefónica als strategisch wichtiges Unternehmen, das vor dem Einfluss der Saudis geschützt werden muss. Die staatliche Industrieholding Sepi erklärte am Freitag, dass man 6% der von der Linksregierung angestrebten 10% des Kapitals von Telefónica bereits erworben habe.

Zudem hat der langjährige Aktionär Criteria Caixa – der Investitionsarm der Stiftung La Caixa, Hauptaktionär von Caixabank mit 32% – seinen Anteil jüngst auf 5% verdoppelt. Der Vorsitzende der Stiftung Isidro Fainé ist stellvertretender Chef des Aufsichtsrats von Telefónica, dem er bereits seit 30 Jahren angehört. Im Konzern will man die Bewegungen in der Aktionärsstruktur nicht kommentieren. Doch verweist man bei Telefónica darauf, dass keiner der neuen und alten Aktionäre – STC, Sepi und Criteria – das Management um den Vorsitzenden José María Álvarez-Pallete und die Strategie von Telefónica infrage stellt.

Strategische Interessen

„Wir sind nicht blauäugig und müssen unsere strategischen Interessen wahren“, erklärte Spaniens Wirtschaftsminister Carlos Cuerpo. Damit bezog er sich nicht nur auf Telefónica. Die Regierung mischt derzeit auch bei Operationen zur Übernahme des Energieversorgers Naturgy und des Eisenbahnbauers Talgo kräftig mit. Viele Analysten sehen den neu entfachten Interventionismus der Koalition der Sozialisten von Ministerpräsident Pedro Sánchez und dem Linksbündnis Sumar kritisch. In Madrid verweist man darauf, dass auch Deutschland, Frankreich und Italien staatliche Beteiligungen an ihren Telekomkonzernen haben. Im Zuge der Pandemie verschärften viele Länder in Europa ihre Kontrollmechanismen gegen ungewünschte Käufer.

„Zur Verteidigung dieser Interessen bedarf es nicht immer des Einstiegs des Staates“, unterstrich Wirtschaftsminister Cuerpo. Man könne auch spanisches Privatkapital mobilisieren. Dafür hat die Regierung keinen besseren Partner als Criteria Caixa. Schon bevor die Stiftung im Zuge der Bankenkrise die frühere Sparkasse La Caixa an die Börse und ihren Kontrollanteil abgeben musste, war die Holding der wichtigste Strippenzieher in Spaniens Wirtschaft.

So hält sie neben einer ganzen Reihe von Aktien an Großkonzernen eine langjährige Beteiligung an Naturgy von aktuell 27%. Die beiden Finanzinvestoren CVC und GIP wollen ihre Aktienpakete von jeweils 20% beim Versorger loswerden. Als Käufer ist nun Taqa, ein Energiekonzern aus Dubai, auf den Plan getreten. Allerdings erfordert das spanische Recht, dass ein Käufer ab 30% ein Angebot für alle Aktien abgeben muss. Criteria Caixa arbeitet jetzt gemeinsam mit den Arabern an einer entsprechenden Operation und könnte den eigenen Anteil an Naturgy dabei leicht aufstocken.

Anders als bei den Saudis von STC ist die Regierung über den möglichen Einstieg von Taqa bei Naturgy weniger besorgt, sofern mit Criteria Caixa ein starker spanischer Aktionär dabei ist. Ministerpräsident Sánchez war kürzlich zu Besuch in den Vereinigten Arabischen Emiraten und beschloss ein Abkommen zur „gegenseitigen Förderung und Schutz von Investitionen“. STC kann dagegen kaum damit rechnen, dass die Regierung in Madrid grünes Licht für den Erwerb der angepeilten 9,9% von Telefónica geben wird. Derzeit halten die Saudis 4,9% an Aktien und weitere 5% über Derivate.

Auch der Verkauf von Talgo stößt bei der Regierung auf Ablehnung. Dabei handelt es sich mit dem ungarischen Eisenbahnbauer Magyar Vagon, anders als bei den Arabern, um einen Interessenten aus einem Mitgliedsland der Europäischen Union. Die Operation ist mit einem Volumen von 620 Mill. Euro überschaubar, doch handelt es sich bei Talgo um ein Traditionsunternehmen. Für ältere Menschen in Spanien ist der Name Synonym für moderne Schnellzüge.

Auch hier wollen die Besitzer, angeführt vom US-Finanzinvestor Trilantic, aussteigen. Die Regierung stören jedoch die Kontakte von Magyar Vagon zum ungarischen Regierungschef Viktor Orbán und man vermutet sogar russische Interessen hinter der Offerte. Die Madrider Börsenaufsicht prüft das Kaufangebot gerade, doch die Regierung hat wie bei Telefónica das letzte Wort. „Wir verfolgen die Operation mit größter Vorsicht und warten darauf, dass andere Akteure, Investoren und Fabrikanten ins Spiel kommen“, sagte der Transportminister Óscar Puentes. Und einmal mehr könnte Criteria Caixa zur Seite springen.

Die Holding ist Medienberichten zufolge aufgeschlossen für ein Gegenangebot für Talgo. Voraussetzung ist jedoch, dass ein industrieller Partner mit von der Partie ist. In Madrid schaut man auf die heimische CAF, die französische Alstom und Stadler aus der Schweiz. Doch diese Fabrikanten haben bisher kein Interesse bekundet. Auch eine Beteiligung der Sepi an Talgo steht im Raum.

Viele Analysten halten das Engagement des Staates in der Privatwirtschaft für problematisch, vor allem falls die Regierung aktiv in die Entscheidungen einsteigen sollte. Cuerpo kündigte an, dass die Sepi einen Platz im Aufsichtsrat von Telefónica beanspruchen werde. Bei Caixabank, wo der staatliche Bankenrettungsfonds Frob mit 17,3% hinter Criteria Caixa zweitgrößter Aktionär ist, beteuert man, dass der Regierungsvertreter im Aufsichtsrat das Management frei handeln lasse.

In der Koalitionsregierung gibt es Stimmen, die gern im größeren Stil wichtige Unternehmen unter Staatskontrolle bringen möchten, vor allem bei den Linken von Sumar. Doch die Wirtschaftspolitiker wissen um das Dilemma, dass zu viel Interventionismus Anleger aus dem Ausland abschrecken könnte. Man freue sich über das große Interesse der Investoren. „Unser Limit für Investitionen aus dem Ausland ist der Schutz unserer legitimen nationalen Interessen“, so Sánchez.

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