Notleidende Kredite

Anteil notleidender Kredite bei EU-Banken bleibt niedrig

Der niedrige Anteil notleidender Kredite in den Bankbilanzen steht im Widerspruch zur wirtschaftlichen und geopolitischen Lage. Experten rechnen damit, dass die NPL-Quote 2023 wieder anziehen wird.

Anteil notleidender Kredite bei EU-Banken bleibt niedrig

wbr Frankfurt

Die Europäische Zentralbank hat in ihrer jüngsten Bankenstatistik per Ende März berichtet, dass sich der Anteil der notleidenden Kredite oder Non-Performing Loans (NPL) in der Eurozone auf 1,95% verringert hat, verglichen mit 2,06% im Vorquartal. Auf Länderebene gibt es bei NPLs erhebliche Unterschiede. Die Spanne reicht von 0,72% in Litauen bis zu 6,75% in Griechenland. In Deutschland be­trägt der Anteil 0,95%. Als NPLs zählen Kredite, die seit mindestens 90 Tagen fällig sind oder bei denen es unwahrscheinlich ist, dass sie zu­rückgezahlt werden. Demgegenüber ist der Anteil von Krediten mit einem signifikanten Anstieg des Risikos (Stufe 2) laut EZB gestiegen und lag im ersten Quartal bei 9,28%.

Der niedrige Anteil notleidender Kredite in den Bankbilanzen steht nach Einschätzungen von Beobachtern im Widerspruch zur aktuellen wirtschaftlichen und geopolitischen Lage. Angesichts von Zinsanstieg, Inflation und Lieferproblemen würde man annehmen, dass sehr viel mehr Kredite ausfallen, meint Christoph Schalast, der an der Frankfurt School M&A und Europarecht lehrt. „Die aktuelle Situation erinnert an den Beginn der Coronakrise im ersten Quartal 2020. Damals sind alle Marktteilnehmer davon ausgegangen, dass der Anteil der NPL-Kredite steigen wird. Das ist jedoch wegen der staatlichen Unterstützung nicht passiert.“ In Anbetracht dessen ist man nun mit Prognosen vorsichtig.

Die Frankfurt School und die Bundesvereinigung Kreditankauf und Servicing (BKS) veröffentlichen ein NPL-Barometer, das die ersten negativen Trends ab September zeigt. Die befragten Risikomanager erwarten 2023 einen signifikanten Zuwachs bei NPLs. „Am ehesten sieht man einen Anstieg bei gewerblichen Immobilienkrediten. Erwarten würde man dies auch bei Verbraucherkrediten. Allerdings ist die Arbeitslosigkeit noch nicht gestiegen, und dieser Faktor spielt bei Verbraucherkrediten eine besonders große Rolle“, sagt Schalast.

Die zurückhaltende Einschätzung der Lage wird von Ratingagenturen geteilt. „Die Daten aus dem ersten Quartal dieses Jahres könnten angesichts der aktuellen Situation nicht aussagekräftig sein“, sagt Alain Laurin von Moody’s Investors Services. Die Situation sei auch aus seiner Sicht schwieriger einzuschätzen als 2020. Als Covid aufkam, habe man besonders betroffene Sektoren ausmachen können wie Verkehr, Hotels und Freizeit. Jetzt träfen die Probleme letztlich alle Branchen. Laut Laurin stehen die Banken derzeit vor der Entscheidung, ob sie ihre Modelle für erwartete Kreditverluste anpassen sollen. Bei den Stufe-2-Krediten erwartet Moody’s keine wesentliche Verschlechterung im laufenden Jahr. Auf wirklich aussagekräftige Daten müsse man möglicherweise bis 2023 warten, so der Analyst.

Die EU-Banken befinden sich insgesamt in einer relativ starken Position, um zukünftige Probleme zu bewältigen. Große Mengen an Altkrediten aus der Zeit nach der Finanzkrise 2008 wurden verbrieft oder verkauft. Allein 2021 waren es mehr als 100 Mrd. Euro. Daher sehen die Aufsichtsbehörden die Institute 2022 gut positioniert, um mit einer neuen Welle von NPLs zurechtzukommen. Nichtsdestotrotz glauben Beobachter, dass die EU-Aufsichtsbehörden den Druck auf das Bankmanagement aufrechterhalten werden und im weiteren Verlauf des Jahres möglicherweise mehr Maßnahmen in Bezug auf die Stufe-2-Bilanzierungskategorien fordern könnten.

Ungeachtet der Unsicherheit will die EU die Sekundärmärkte für notleidende Kredite stärken. Generell wird der NPL-Markt von großen Transaktionen geprägt und von spezialisierten Akteuren wie Intrum, Bain Capital und Cerberus beherrscht. Die EU wünscht sich aber einen breiteren Markt mit mehr Investoren. Die europäische Bankenaufsicht EBA hat in dieser Sache kürzlich eine Konsultation zum Entwurf von neuen technischen Durchführungsstandards eröffnet. Dabei geht es um Datenvorlagen für die Verkäufer von NPLs. Die neuen Regeln sollen aber erst ab Ende Dezember 2023 gelten.

Die Branche begrüßt zwar die größere Transparenz der vorgeschlagenen Standards, ist jedoch skeptisch, was die Details angeht, die NPL-Verkäufer künftig bereitstellen sollen. Geäußert werden auch Zweifel an der Fähigkeit von Investoren, die detaillierten Informationen zu analysieren.

BZ+
Jetzt weiterlesen mit BZ+
4 Wochen für nur 1 € testen
Zugang zu allen Premium-Artikeln
Flexible Laufzeit, monatlich kündbar.