Schweizer Immobilienmarkt

Der Hypotheken-Albtraum der Schweizer Banken

Hohe Schulden und stark gestiegene Immobilienpreise prägen den Schweizer Finanzplatz. Auch wenn das Land solide dasteht: Die Erinnerung an die Krise vor rund drei Jahrzehnten ist noch wach.

Der Hypotheken-Albtraum der Schweizer Banken

Von Daniel Zulauf, Zürich

Herausragende Geschäftszahlen sind zwar schon seit längerer Zeit kein Merkmal mehr, mit dem sich die Schweizer Banken auf der internationalen Bühne auszeichnen können. Doch die helvetische Kreditwirtschaft gedeiht auf dem Boden eines Landes, das in den vergangenen 20 Jahren eine erstaunliche Krisenresistenz unter Beweis gestellt hat. Innerhalb des inzwischen auf elf Länder geschrumpften Klubs von Staaten mit bester Bonität blickt die Schweiz auf die längste Periode von mehr als 30 Jahren ohne Änderung des Ratings als Top-Schuldnerin zurück.

Doch der Finanzplatz Schweiz ist keineswegs resistent gegen Krisen, wie die Geschichte lehrt. Die letzte Rating-Zäsur fällt mit der Immobilienkrise von 1990 zusammen, die der Schweiz und ihren Banken massiv zu schaffen machte und weltweit für großes Aufsehen sorgte. Dutzende von ausländischen TV-Anstalten waren 1991 in der kleinen Stadt Thun nahe der Hauptstadt Bern vor Ort, um die dramatischen Bilder eines Schaltersturms auf die kleine Spar- und Leihkasse Thun einzufangen. Die Bilder hatten offensichtlich Sensationscharakter, denn sie standen im Kontrast zum damaligen Image der Schweiz als absolut stabiler und diskreter Hort für die Vermögen der Reichsten dieser Welt.

Der Grund für die spektakuläre Bankenpleite war eine geplatzte Immobilienblase. Diese hätte noch eine ganze Reihe weiterer Pleiten nach sich ziehen können, wenn nicht das Kollektiv der Schweizer Kreditwirtschaft unter Führung der damals noch vier Großbanken die Zügel in die Hand genommen hätte. Die Großbanken stemmten zahlreiche Notrettungen von in Schieflage geratenen Regionalinstituten und sorgten so für eine Konsolidierung der Bankenlandschaft.

Viele Schulden pro Kopf

Inzwischen ist das Schweizer Hypothekarkreditvolumen wieder rasant angestiegen. Zurzeit beläuft es sich auf rund 1100 Mrd. sfr, das sind 140 % mehr als vor 25 Jahren. Das durchschnittliche Hypothekarkreditwachstum beläuft sich seit 1996 auf rund 3,6% pro Jahr. Das nominelle Bruttoinlandsprodukt hat über die gleiche Zeitspanne nur um knapp 3% pro Jahr zugenommen.

Im internationalen Vergleich sind die Schweizer zwar besonders vermögend­, zu­gleich aber auch   hoch verschuldet. So verfügen sie mit umgerechnet 346000 Euro pro Kopf durchschnittlich über etwa viermal so viel Geldvermögen wie die deutschen Nachbarn, zugleich ist der Schuldenstand mit 109000 Euro pro Person sogar etwas mehr als viermal so hoch wie in Deutschland, wie jüngst die Allianz in einem Vermögensbericht aufgeschlüsselt hatte. Die hohe Verschuldungsquote stellt ein Risiko dar, vor allem in den Szenarien eines schockartigen Zinsanstiegs oder eines scharfen Konjunktureinbruchs, die bei den Hypothekarschuldnern zu Problemen bei der Zinszahlung führen könnten.

In der Schweiz wird inzwischen viel über die Gefahr von Ungleichgewichten im Immobilienmarkt ge­sprochen. Nicht auszudenken, welchen Schaden eine Immobilienkrise im Ausmaß jener in den 1990er Jahren in der heimischen Bankenlandschaft anrichten könnte. Ein Ab­schreibungsbedarf auf das Kreditvolumen wie damals (8,5%) ergäbe Verluste von nahezu 100 Mrd. sfr. Die aggregierten Eigenmittel aller Banken in der Schweiz beliefen sich per Ende 2021 auf 200 Mrd. sfr.

Zugleich ist die Schweiz nicht auf Sand gebaut. Eine starke Zuwanderung vor allem aus dem EU-Raum war dem Schweizer Immobilienmarkt in den vergangenen 30 Jahren eine starke Stütze. Die Schweizer Bevölkerung ist seit Einführung der Personenfreizügigkeit mit der EU um 1,8 Millionen auf 8,7 Millionen Menschen angewachsen. Wer würde bei diesem Bevölkerungswachstum keinen Immobilienboom erwarten?

Die vom Arbeitsmarkt vollständig absorbierte Zuwanderung ist natürlich auch ein Beleg dafür, dass die Schweiz ein starker Wirtschaftsstandort ist. Die in dem Land tätigen Industriezweige haben sich in den vergangenen Jahrzehnten als auffallend resistent gegenüber konjunkturellen Zyklen erwiesen. Ein wichtiger Grund dafür dürfte die starke Spezialisierung sein, zu der die Schweizer Industrie aufgrund der stetigen Aufwertung des Franken seit Jahrzehnten – verstärkt aber seit Einführung der europäischen Gemeinschaftswährung – gezwungen wurde.

Dennoch sind die Anzeichen einer Überhitzung des Schweizer Immobilienmarktes seit etlichen Jahren nicht mehr zu übersehen. Die Immobilienpreise steigen schon seit 20 Jahren rascher an als die Konsumentenpreise, und seit der Corona-Pandemie habe sich die Tendenz sogar noch akzentuiert, konstatierte Finma-Direktor Urban Angehrn im April anlässlich der Jahrespressekonferenz seiner Finanzmarktaufsichtsbehörde. Die schiere Dimension des Schweizer Immobilienmarktes stelle für die ganze Schweizer Volkswirtschaft und insbesondere für die stark exponierten Banken „ein materielles Klumpenrisiko“ dar, sagte Angehrn.

Steuersystem setzt Anreiz

Das hohe Schweizer Hypothekarkreditvolumen hat allerdings auch eine Besonderheit im helvetischen Steuersystem zum Hintergrund. Im geltenden Schweizer Steuersystem müssen private Haushalte den Mietwert ihrer selbst bewohnten Liegenschaft als eine Art Naturaleinkommen versteuern. Davon dürften die Gestehungskosten dieses Einkommens, also primär die Schuldzinsen, abgezogen werden. Weil die Schweiz auf Privatvermögen auch keine Kapitalgewinnsteuer erhebt, hatten Liegenschaftsbesitzer in den vergangenen Jahren des großen Börsenbooms einen Anreiz, freie Gelder nicht für den Schuldendienst zu verwenden, sondern diese steuerfrei in andere Anlageformen zu platzieren.

Die im Zug der Finanzkrise von der Schweizer Regierung eingesetzte „Expertengruppe zur Weiterentwicklung der Finanzmarktstrategie“ hatte in ihren Empfehlungen an die Regierung schon vor 14 Jahren eine Änderung des Steuersystems empfohlen. Diese ist in den vergangenen zwei Jahren tatsächlich auch in Gang gekommen und hat im Parlament auch zu entsprechenden Vorschlägen für Gesetzesänderungen ge­führt. Ob der hypothekarische Schuldenberg der Schweiz doch noch auf die Füße fallen könnte, bleibt abzuwarten.

An mahnenden Stimmen fehlt es nicht, aber auch nicht an solchen, die vor Alarmismus sprechen. Mindestens in der jüngeren Vergangenheit seien die Preissteigerungen am Schweizer Immobilienmarkt durch das Angebot zu erklären gewesen. Die Angebotsdynamik verflache sich seit zwei Jahren deutlich stärker als die Nachfrage, was zu einer Verknappung geführt habe, stellen verschiedene Marktbeobachter fest. Dadurch würden die Preise auch künftig nach unten abgesichert.

Was bringt die Zinswende?

Doch für wie lange? Mit 0,5% ist der Leitzins in der Schweiz in diesem Jahr zwar in die positive Zone zurückgekehrt. Aber für eine langfristig wirkungsvolle Eindämmung der Preisdynamik am Immobilienmarkt dürfte das noch zu niedrig sein. Zwischen 1980 und 1990 kam es zu einer Verdoppelung der Immobilienpreise im Land. 1990 wusste das Noteninstitut keinen anderen Weg mehr, als die Teuerung mit einer Verdoppelung des Leitzinses auf 7 % aufzuhalten. Eine scharfe Rezession war die Folge. Viele große­ Hypothekarschuldner waren plötzlich nicht mehr zahlungsfähig. Nach einer Schätzung der Aufsicht mussten die Schweizer Banken zwischen 1991 und 1996 insgesamt 30 Mrd. sfr abschreiben. Eine neue Immobilienkrise wäre für Banken ein Albtraum.

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