Nachhaltige Finanzen

Kohlefirmen begleiten, nicht verkaufen!

Für verantwortungsvolle Investoren kann der Ausstieg aus einem Vermögenswert unbeabsichtigte Folgen haben. Die Zusammenarbeit mit Unternehmen wird unterschätzt, sagt Michelle Scrimgeour, CEO von Legal & General Investment Management.

Kohlefirmen begleiten, nicht verkaufen!

Viele Menschen sind enttäuscht, dass die kürzlich auf der Weltklimakonferenz COP26 erzielte Vereinbarung die geplante Verpflichtung zum Ausstieg aus der Kohlenutzung („phase-out“) aufweicht und stattdessen nur von einem Abbau der Nutzung („phase-down“) spricht.

Als Mitbegründerin der Net Zero Asset Managers Initiative – einer Gruppe internationaler Vermögensverwalter, die eine Netto-Null bis spätestens 2050 unterstützen – teile ich diese Enttäuschung. Ich denke aber, dass die Enttäuschung nicht die tatsächlichen Fortschritte überschatten sollte, die mit den neuen Vorschriften zur Begrenzung der Treibhausgasemissionen erzielt wurden. In der Tat ist dies der erste Pakt eines UN-Klimagipfels, der sich direkt auf Kohle und fossile Brennstoffe bezieht.

Strategie mit Nebenwirkung

Die COP26 hat den Abschied aus der Kohle bekräftigt. Die Konferenz macht damit aber Entscheidungen, die heute in der Praxis anstehen, nicht einfacher. Denn auch wenn wir Kohle aus unseren Portfolios abstoßen, wird sie deshalb nicht einfach aus der Wirtschaft verschwinden. Seitdem sich Anleger aus den Kohleunternehmen zurückziehen, werden die Bergwerke nicht etwa geschlossen, sondern stattdessen von anderen Betreibern aufgekauft, die sich stärker auf kurzfristige Gewinnmaximierung konzentrieren. Das ist eine unerwünschte und unbeabsichtigte Folge des Desinvestitionsansatzes.

Was folgt aus dieser Erkenntnis? Ein Beispiel: Wenn sich Anleger für ein Indexmandat entscheiden, das kohlebezogene Aktien enthalten darf, sollte sich der Vermögensverwalter bei den entsprechenden Unternehmen aktiv dafür einsetzen, neue Kraftwerke für die Kohleverstromung zu verhindern. Ein solches Engagement kann zudem abgestuft erfolgen. Anstatt Unternehmen mit Kohlebezug kategorisch auszuschließen, können wir so eine gerechte Energiewende auch in Ländern oder Regionen fördern, in denen eine erhebliche wirtschaftliche Abhängigkeit von der Kohleverstromung oder dem Kohlebergbau besteht.

In Kohlebergbaugebieten kann es politisch und gesellschaftlich kompliziert sein, Stromerzeugungskapazitäten zu schließen. Die Versorgung lokaler Kraftwerke mit Kohle sichert häufig Arbeitsplätze und kurbelt die lokale Wirtschaft an. Der Abbau von Kapazitäten kann auch die lokale Energiesicherheit beeinträchtigen, wenn nicht schnell genug Alternativen installiert werden können. Dies ist ein komplexes, politisches Thema.

Hilfe für den Ausstieg

Es gibt Fortschritte. Polen zum Beispiel hat erkannt, dass das Problem in erster Linie ein politisches ist, und setzt sich für seine Lösung ein. Anfang dieses Jahres veröffentlichte die polnische Regierung einen Plan zum Erwerb von Kohlekraftwerken und Braunkohlegruben von mehreren lokalen, börsennotierten Energieversorgern – ein Fortschritt in der Kohlefrage mit Auswirkungen auf die Aktienkurse einiger dieser Unternehmen. In Asien suchen Schwellenländer nach innovativen Wegen, um gemeinsam mit Finanzinstituten die vorzeitige Stilllegung von Wärmekraftwerken zu finanzieren.

Eine ähnliche Lösung könnte prinzipiell auch in Deutschland funktionieren. Investoren sollten Versorgungsunternehmen beim Ausstieg aus schwer zu schließenden Kohlekraftwerken unterstützen – allerdings unter der Bedingung, dass die Käufer sozial verantwortlich aufgestellt sind, über eine ausreichende Kapitaldecke verfügen und vom Staat unterstützt und eng überwacht werden. In unseren Gesprächen mit RWE etwa haben wir das Management aufgefordert, eine solche Übertragung zu prüfen. Wir freuen uns über die jüngste Ankündigung von RWE, in absehbarer Zeit durchschnittlich 5 Mrd. Euro pro Jahr in erneuerbare Energien zu investieren. Zu begrüßen sind auch die Ambitionen des Unternehmens, seine grüne Kapazität von derzeit 25 Gigawatt bis 2030 auf 50 Gigawatt auszubauen – das entspricht fast der gesamten aktuellen Onshore-Windkraftkapazität. Wir hoffen auf ähnlich positive Entwicklungen in RWEs Kohlesparte.

Wir denken, dass RWE und weitere Konzerne mit einem auf Kohle fußenden Geschäftsmodell durch solche Transfers wieder interessanter für Investoren werden könnten. Voraussetzung ist jedoch die beschriebene öffentlich-private Partnerschaft. Der Verkauf an einen Finanzinvestor hingegen, der die Anlagen abbaut, ist oft nicht umweltverträglich.

Hier stellt sich für alle Vermögensverwalter eine grundsätzliche Herausforderung. Stößt ein verantwortungsbewusster Anleger einen Wert ab, so kann das negative Folgen haben, weil sich die Aktionärsbasis des Unternehmens ändert. Wir ziehen es deshalb in der Regel vor, investiert zu bleiben und Einfluss zu nehmen. Bei vielen kontroversen Themen kann ein Anleger sich dafür entscheiden, die entsprechenden Papiere zu verkaufen. Die dem Thema zugrunde liegenden Probleme löst er auf diese Weise aber nicht. Er reicht sie damit vielmehr an kurzfristiger orientierte Investoren weiter.

Ruder in die Hand nehmen

Um es klar zu sagen, die Wahl besteht nicht zwischen Desinvestition und Duldung oder sogar Billigung, sondern zwischen Untätigkeit und Handeln – und Untätigkeit ist keine Option. Dem Mandat, verantwortungsvoll zu investieren, werden wir nicht gerecht, wenn wir Schwierigkeiten aus dem Weg gehen. Es ist vielmehr ein Aufruf, angesichts der Herausforderungen der Gegenwart das Ruder in die Hand zu nehmen.

Bei vielen drängenden Themen, vom Erhalt der Artenvielfalt bis hin zur Stärkung von Vielfalt in Aufsichtsräten, habe ich erlebt, dass Aktionäre zunehmend in der Lage sind, die Entscheidungsfindung von Unternehmen zu beeinflussen. Anfang dieses Jahres ist es uns zum Beispiel zusammen mit anderen Investoren gelungen, das mächtige Unternehmen ExxonMobil zu zwingen, drei neue Direktoren in seinen Vorstand aufzunehmen, weil wir mit der Klima- und Kapitalallokationsstrategie des Unternehmens unzufrieden waren.

Dies ist kein Einzelfall. Im Sommer haben wir gemeinsam mit anderen Gremien der Kampagne Access to Medical Oxygen angeschlossen, die angesichts der Pandemie den Zugang zu medizinischem Sauerstoff in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen verbessern will. Weniger als eine Woche, nachdem wir unsere klare Unterstützung für Unternehmen erklärt hatten, die Schritte zur Verbesserung der Versorgungslage unternehmen, erklärten sich mit Air Liquide und Linde zu unserer Freude zwei der weltweit größten Lieferanten bereit, mit der „Oxygen Emergency Taskforce“ zu­sam­men­zuarbeiten, um den Zugang zu medizinischem Sauerstoff in ärmeren Ländern zu verbessern.

In solchen Fragen – von Kohle und anderen Umweltthemen über soziale bis hin zu Governance-Risiken – sind die Interessen großer, breit aufgestellter Vermögensverwalter und ihrer Kunden deckungsgleich. Beide hängen in ihrem langfristigen Erfolg von der Gesundheit der Weltwirtschaft ab, nicht von der Verfassung einzelner Firmen. Wenn wir die Standards auf dem gesamten Markt anheben – gerade dort, wo es Überwindung kosten kann, Einfluss geltend zu machen – machen wir die gesamte Wirtschaft nachhaltiger und damit auch die Renditen. Das ist Kern des inklusiven Kapitalismus und der Suche nach kreativen Wegen, damit mehr Menschen vom Wirtschaftswachstum profitieren können.

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