Konjunktur

Auftragsbücher der Industrie sind voll wie nie

Die deutschen Industrieunternehmen kommen wegen Materialengpässen mit der Produktion nicht hinterher. Das bremst die wirtschaftliche Erholung.

Auftragsbücher der Industrie sind voll wie nie

ast Frankfurt

Die deutschen Industrieunternehmen haben auch zum Ende des zweiten Quartals weiter fleißig Aufträge eingesammelt. Wie das Statistische Bundesamt (Destatis) am Mittwoch meldete, verbuchte das verarbeitende Gewerbe im Juni ein Auftragsplus von 2,8%. Die offenen Aufträge aus dem Inland nahmen mit einem Plus von 4,0% noch stärker zu als die aus dem Ausland mit 2,2%. Bei den Herstellern von Vorleistungsgütern stieg der Auftragsbestand im Juni um 0,9%, bei den Produzenten von Investitionsgütern wie Fahrzeugen und Maschinen um 3,2% und in der Konsumgüterbranche um 4,2%.

Seit Juni 2020 wächst der Auftragsbestand kontinuierlich und erreicht nun „seinen höchsten Stand seit Einführung der Statistik im Januar 2015“, heißt es dazu von Destatis. Im Vergleich zum Februar 2020 – dem letzten Monat vor Beginn der coronabedingten wirtschaftlichen Einschränkungen – liegt der Bestand saison- und kalenderbereinigt um 17,0% höher.

Um den Berg an Aufträgen abzuarbeiten, würden die Unternehmen inzwischen sieben Monate benötigen. Die Auftragsreichweite bei Investitionsgütern beträgt Destatis zufolge sogar 9,7 Monate. Grund für das Auftragsplus ist vor allem die Auslandsnachfrage. Mit China und den USA stehen die weltweit größten Volkswirtschaften vor einer deutlichen Erholung in diesem Jahr. Die Nachfrage aus diesen Ländern steigt.

Aufschwung beeinträchtigt

Dass die Auftragsbücher der Industrie so prall gefüllt sind, hat jedoch auch einen weniger erfreulichen Grund: Die Lieferkettenengpässe verursachen einen Produktionsstau. „Kurzfristig zeigt das dicke Auftragspolster, dass die Industrie wegen fehlender Halbleiter und anderer Probleme in den Lieferketten weniger produzieren kann, als sie es gerne würde“, sagte der Chefvolkswirt der Berenberg Bank, Holger Schmieding. „Sie kann viele Aufträge noch nicht abarbeiten. Das dämpft das Tempo des Aufschwungs.“ Sobald die fehlenden Zulieferungen verfügbar seien, dürfte die Industrieproduktion jedoch ebenfalls schnell anziehen, so Schmieding. „Die Autos und Maschinen, die Kunden schon bestellt haben, werden halt später produziert und geliefert.“

Trotz des rekordhohen Auftragsbestands fällt die Industrie daher bislang als Motor der wirtschaftlichen Erholung nach der Coronakrise aus. Im Juni drosselten die Industrieunternehmen die Produktion den dritten Monat in Folge, da sich die Materialknappheiten nicht so schnell auflösten wie zunächst erhofft. Angesichts der rasanten Ausbreitung der Delta-Variante in vielen europäischen Ländern und bei großen Handelspartnern mehren sich zudem die Sorgen vor erneuten Beschränkungen. Einer Umfrage des Münchner Ifo-Instituts zufolge klagten zuletzt fast zwei von drei Unternehmen über Materialengpässe bei wichtigen Vorprodukten. Das gilt inzwischen für unterschiedliche Industriezweige von Automobil über Bau bis Verpackungsindustrie.