ETFs

Der unaufhaltsame Aufstieg

ETFs gibt es in Deutschland erst seit April 2000. Nach anfänglichen Zweifeln gibt es heute fast drei Millionen ETF-Sparpläne, und das Wachstum der Produktkategorie scheint keine Grenzen zu kennen.

Der unaufhaltsame Aufstieg

Von Wolf Brandes, Frankfurt

Mitte der neunziger Jahre hat sich die Stiftung Warentest erstmals ausführlicher mit Indexfonds beschäftigt. Hintergrund der seinerzeitigen Analyse war die Erkenntnis, dass viele aktive Fondsmanager die Benchmark nicht schlagen. Schon damals waren in den USA Indexfonds verbreitet, doch in Deutschland musste man die Produkte mit der Lupe suchen. Von Exchange Traded Funds (ETFs), also an den Börsen gehandelte Indexfonds, war noch nicht die Rede – ETFs gibt es in Deutschland seit April 2000. Die großen Gesellschaften hatten seinerzeit große Zweifel. Für Christian Strenger, damals Chef der DWS, seien Indexfonds einfach keine Herausforderung. Der passive Ansatz stelle den Nutzen von aktiv gemanagten Fonds in Frage, und die Schlussfolgerung lautete: „Indexfonds sind für Privatanleger nicht geeignet.“ Ein gewaltiger Irrtum. Heute gibt es fast 3 Millionen ETF-Sparpläne, und das Wachstum der Produktkategorie scheint keine Grenzen zu kennen.

Viele Jahre waren ETFs die Domäne von institutionellen Investoren. Für die Profis bieten die Produkte zahlreiche neue Möglichkeiten im Portfoliomanagement. Beispielsweise seien ETFs inzwischen mitunter kostengünstiger und liquider als Terminkontrakte, meint der Vermögensverwalter BlackRock. Zudem ließen sie sich einfacher handhaben und bildeten die gewünschten Basiswerte genauer ab. Investoren, die beispielsweise ein diversifiziertes Anleiheportfolio aufbauen wollten, könnten am Sekundärmarkt zunächst entsprechende Bond-ETFs erwerben und diese dann über Designated Sponsors in die einzelnen Papiere umtauschen, beschreibt BlackRock die Eigenschaften der Produkte. Diese Vorgehensweise sei mitunter deutlich effizienter, als die einzelnen Emissionen direkt zu erwerben.

Privatanleger kommen

Neben institutionellen Investoren steigen mittlerweile immer mehr Privatanleger ein. Das zeigt beispielsweise der starke Anstieg bei den Sparplänen (siehe Grafik). Besonders seit dem zweiten Quartal 2020 ist zu beobachten, dass auch Privatkunden vermehrt ETFs kaufen. „Die Neobroker sind zu einem wichtigen Treiber geworden. Häuser wie Trade Republic tun viel für die weiter steigende Bekanntheit von ETFs. Auch die Möglichkeit, über das Handy anzulegen, macht für viele Anleger den Zugang zu ETFs attraktiv“, sagt Thomas Meyer zu Drewer, der sich schon Mitte der Neunziger als einer der wenigen bei der Commerzbank mit Indexfonds beschäftigte.

Heute ist Meyer zu Drewer bei der Société-Générale-Tochter Lyxor für ETFs zuständig. „Viele Direktbanken setzen zudem vehement auf das Produkt und verzichten auf Ordergebühren. Ob ein Sparplan ab einem Euro für Anleger Sinn ergibt, ist allerdings eine andere Frage.“ Der Hauptgrund für den enormen Zuspruch bei ETFs sei aus seiner Sicht wie eh und je die Effizienz der Produkte. „Die wenigsten aktiven Fonds sind langfristig konsistent besser als der Marktdurchschnitt“, fasst Meyer zu Drewer die Erkenntnisse zusammen.

Marktführer bei ETFs ist Black­Rock mit der Produktmarke iShares mit rund 40% Marktanteil. Peter Scharl, der das ETF-Geschäft mit deutschen Kunden leitet, betont auch die wachsende Bedeutung der Privatanleger. Dafür gebe es drei Gründe: Privatbanken würden im Private Banking zunehmend auf Flat-Fee-Modelle umstellen, die sich mit ETFs besonders effizient umsetzen ließen. Zweitens erleichtern ETFs den Vermögensverwaltern angesichts der erhöhten Dokumentationspflichten das Geschäft. Und schließlich hätten digitale Plattformen wie Broker einen neuen Vertriebskanal eröffnet.

Fast 10 Bill. Dollar

Das ETF-Geschäft ist mittlerweile gigantisch groß geworden und eilt von Rekord zu Rekord. Global betrachtet hat das Volumen auf fast 10 Bill. Dollar zugenommen – um genau zu sein 9,73 Bill. Dollar per Ende August. Das berichtete jüngst ETFGI, ein Forschungs- und Beratungsunternehmen. Einen Spitzenwert gab es bei Nettozuflüssen seit Anfang 2021 mit 834 Mrd. Dollar, der den vorherigen Rekord von 433 Mrd. Dollar aus dem Vergleichszeitraum 2017 in den Schatten stellte. Das zuletzt rasante Wachstum der ETFs ist aber nicht nur auf hohe Mittelzuflüsse, sondern auch auf den starken Anstieg der Aktienmärkte zurückzuführen.

Das globale ETF-Geschäft wird von den USA dominiert. So beträgt das Volumen dort 5,13 Bill. Dollar und macht damit immer noch mehr als die Hälfte des Kuchens aus. Der größte­ ETF überhaupt ist der SPDR S&P 500 von State Street Global Ad­visors mit dem Tickerkürzel „SPY“ und einem verwalteten Vermögen von 404 Mrd. Dollar. Nummer 2 ist der iShares Core S&P 500 ETF mit einem Volumen von rund 300 Mrd. Dollar.

„In den Vereinigten Staaten kann man von rund 40% passiven Investments ausgehen. Das sind aber nicht nur ETFs, sondern auch klassische Indexfonds“, beschreibt Meyer zu Drewer die Lage. Dennoch gebe es irgendwann Grenzen beim ETF-Wachstum. Aus seiner Sicht sei es kaum vorstellbar, dass aktive Fonds durch passive Produkte komplett verdrängt werden. „Es wird immer Märkte geben, in denen Research und der Mut von Investoren zu höherem Risiko belohnt werden.“

15 Prozent pro Jahr

Die ETF-Erfolgsstory wird auch mit dem Überschreiten der 10 Bill. Dollar weitergehen. BlackRock rechnet für Europa mit Wachstumsraten von ca. 15% pro Jahr. Besonders stark sei das Feld der grünen ETFs. „Wir gehen davon aus, dass das weltweit in nachhaltigen Indexfonds und ETFs verwaltete Vermögen bis 2030 um 1 Bill. Dollar auf 1,2 Bill. Dollar anwächst“, so BlackRock-Manager Scharl. Daran werden auch kritische Stimmen nichts ändern wie etwa vom Vermögensverwalter Bert Flossbach, der sagt: „ESG und passiv widersprechen sich von A bis Z“ und außerdem anmerkt, dass große passive Investoren zwangsläufig auch „massiv in jede Skandalbude“ investieren müssten.