London

Die Macht der Geschichten

Buchautoren und Assetmanager haben auf den ersten Blick nicht viel gemeinsam. Doch Storytelling wird immer wichtiger, wenn man sich von der Vielzahl gleichartiger Angebote abheben will.

Die Macht der Geschichten

Buchautoren und Assetmanager haben auf den ersten Blick nicht viel gemeinsam. Dabei sind beide darauf angewiesen, gute und überzeugende Geschichten zu erzählen. Das Storytelling wird immer wichtiger, wenn man sich von der Vielzahl gleichartiger Angebote abheben will, egal ob es sich dabei um Tausende von Printerzeugnissen handelt oder um Anlageprodukte. Es ist deshalb vielleicht nicht überraschend, dass der schottische Vermögensverwalter Baillie Gifford seit einigen Jahren den wichtigsten britischen Sachbuchpreis sponsert. Das bringt der Firma nicht nur eine größere Wahrnehmung der Marke. Sie lädt auch regelmäßig Autoren ein, um sich mit ihnen auszutauschen. Man kann schließlich immer voneinander lernen.

Für die Verfasser sind Buchpreise wichtig, um die Aufmerksamkeit von Rezensenten in den Medien zu gewinnen. Schließlich geht es am Ende darum, möglichst viele Exemplare zu verkaufen. Oft werden ausgezeichnete Werke in andere Sprachen übersetzt. Vielen potenziellen Lesern dienen bereits die Listen der in die engere Auswahl genommenen Bücher als Richtschnur dafür, welche Werke sie sich in einem Jahr näher ansehen wollen. Da ist es äußerst unerfreulich, dass es immer weniger Buchpreise gibt. Im vergangenen Jahr wurde der Costa Book Award letztmalig vergeben. Zuvor hatte Coca-Cola der britischen Whitbread den Starbucks-Rivalen Costa Coffee abgekauft. Seit 1971 wurde der Preis von der FTSE-100-Gesellschaft gesponsert. Vielleicht passte er dem neuen Besitzer der Kaffeehauskette nicht ins Konzept. Sachbuchpreise sind noch dünner gesät.

Der Baillie Gifford Prize for Non-Fiction wurde ursprünglich von einem anonymen Sponsor getragen und trug den Namen von Samuel Johnson, einem englischen Autor des 18. Jahrhunderts. Zwischenzeitlich drückte ihm die BBC ihr Logo auf, bis der Vermögensverwalter aus Edinburgh 2016 das Geld dafür zur Verfügung stellte. Das Preisgeld hat sich binnen eines Jahrzehnts auf 50 000 Pfund verdoppelt. Die Jury wechselt alljährlich. Dieses Jahr gehörte ihr unter anderem der BBC-Journalist Clive Myrie an. Auf der Shortlist fanden sich neben erwartbaren Titeln auch Überraschungen. Im vergangenen Jahr erstaunten die Juroren mit der Entscheidung, den Preis an Patrick Radden Keefe für das mittlerweile auch auf Deutsch erschienene Buch „Imperium der Schmerzen. Wie eine Familiendynastie die weltweite Opioid-Krise auslöste“ vergaben. Der US-Journalist­ erzählt darin die Geschichte der Familie Sackler, die in Großbritannien viel Geld für kulturelle Einrichtungen gestiftet hat – von der Royal Academy of Arts bis zur Tate Modern. Die von ihr gegründete Purdue Pharma brachte 1996 Oxycontin auf den Markt, ein semisynthetisches Opioid mit hohem Suchtpotenzial. Auch das Science Museum, in dem der Preis in diesem wie im vergangenen Jahr vergeben wurde, erhielt Geld von der Familie. Schon deshalb glaubten manche Feuilletonisten nicht daran, dass das Buch mit dem Preis ausgezeichnet werden könnte.

Dieses Jahr überraschten die Preisrichter mit der Entscheidung für Katherine Rundell, die in „Super-Infinite: The Transformations of John Donne“ einen metaphysischen Dichter des elisabethanischen Zeitalters besingt, der in seinem Leben unter anderem Priester, Politiker und Seefahrer war und vor allem mit seinen erotischen Gedichten Furore machte. Die Kinderbuchautorin entschuldigte sich kurz dafür, in ihrer Dankesrede vielleicht nicht ganz so eloquent zu sein. Sie habe getrunken, weil sie nicht davon ausgegangen sei, den Preis zu bekommen. Sie hat es geschafft, durch ihren herausragenden Stil viele Menschen an ein Thema heranzuführen, das sonst nur wenig Aufmerksamkeit gefunden hätte. Wäre es der Jury darum gegangen, die in der Kulturindustrie gerade angesagten Themen zu bedienen, hätte Caroline Elkins gewinnen müssen, eine Harvard-Professorin aus New Jersey, die sich in „Legacy of Vio­lence: A History of the British Empire“ auf fast 900 Seiten an der britischen Kolonial­geschichte abarbeitet. Auch dabei handelt es sich mit Sicherheit um ein lesenswertes Buch. Doch mit dem Witz, dem Geist und der Begeisterung von Rundell für ihr Thema konnte Elkins nicht mithalten.

                                            (Börsen-Zeitung,

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