Madrid

Die Stromkonzerne graben den Spaniern das Wasser ab

Die privaten Stromkonzerne haben dank geleerter Stauseen billigen Strom produziert. Aufgrund des komplexen Energiesystems profitieren davon aber nicht die Verbraucher. Der Protest ist laut – und wird gehört.

Die Stromkonzerne graben den Spaniern das Wasser ab

Im spanischen Inland sind die Sommer heiß und trocken und das Meer liegt in weiter Ferne. Manche Einwohner der Provinz Zamora in Nordkastilien suchen die Sommerfrische in den nahegelegenen Stauseen, wie dem von Ricobayo. Die Ufer des künstlichen Gewässers sind ein beliebtes Ziel für Familienausflüge mit Picknick, und es gibt sogar einen Bootsverleih. Doch diesen Sommer verwandelte sich die blaue Idylle in einen braunen, verkrusteten Krater, in dessen Mitte die Reste des Reservoirs dümpelten. Im Juli hatte der Energieversorger Iberdrola den Wasserspeicher binnen ein paar Wochen von 60% auf 11% seiner Kapazität geleert, um Strom aus Wasserkraft zu erzeugen. Der Protest der angrenzenden Gemeinden wurde schnell auch in Madrid gehört. Denn Ricobayo ist bei weitem nicht der einzige Fall. Auch in anderen Stauseen wurde der Wasserspiegel von den Betreibern wie Iberdrola oder Naturgy rasch abgesenkt, damit der verhältnismäßig günstige Strom fließen konnte. In Valdecañas, in der Extremadura, beklagten ein paar benachbarte Gemeinden gar eine kurzfristige Unterbrechung der Trinkwasserversorgung, da die Wasserpumpen über der Wasseroberfläche lagen.

Teresa Ribera, stellvertretende Ministerpräsidentin zuständig für den ökologischen Wandel, sprach vor Tagen unverblümt von einem „Skandal“ und leitete Untersuchungen gegen Iberdrola und Naturgy ein. Das hoch komplizierte Energiesystem ist in Spanien eines der Gesprächsthemen im August. Denn der Strompreis erreichte Höchststände aufgrund einer Reihe von Faktoren, allem voran der hohen Rohstoffpreise für Gas und Öl sowie der CO2-Zertifikate. Auch in Spanien gilt das europäische Modell der Preisfindung durch einen Pool, nach dem die jeweils teuerste Energiequelle den Preis für alle anderen vorgibt. Das machte es für die Energieversorger sehr interessant, den billigen Strom aus ihren Wasserkraftwerken auf den Markt zu bringen. Die Konzerne sind sich be­züglich der Mindestwasserstände ihrer Stauseen daher auch keiner Schuld bewusst. Man habe angesichts der hohen Kosten der Stromerzeugung günstigere Quellen fördern wollen, erklärte Iberdrola. Den spanischen Verbrauchern nützte die gesteigerte Wasserstromerzeugung herzlich wenig, da sie weiterhin den von fossilen Brennstoffen bestimmten hohen Tarif zahlen mussten. Wohl aber den Konzernen und ihren Aktionären, die sich über die üppig verbesserten Margen bei der Stromproduktion freuen können.

In Spanien ist daher nun eine Debatte über dieses Geschäftsmodell ausgebrochen, die Windfall Profits der Stromerzeuger, die von einem Allgemeingut wie den Wasserbeständen des Landes profitieren. Denn Spanien ist dank seines überwiegend gebirgigen Territoriums reich an Stauseen. Allein Iberdrola betreibt 164 davon. Die meisten stammen aus der Zeit der Franco-Diktatur, die in den fünfziger und sechziger Jahren massiv auf Wasserkraft setzte und dafür zahlreiche Dörfer und Monumente fluten ließ. Kritiker merken an, dass die Vorgänger von heutigen Großkonzernen wie Iberdrola, Naturgy oder Endesa, die den spanischen Strommarkt dominieren, oft bei der Vergabe von Lizenzen für Wasserkraftwerke von den guten Kontakten zum Regime des Generalísimo profitierten. Unidas Podemos, der kleine Koalitionspartner in der Regierung des Sozialisten Pedro Sánchez, fordert nun erneut die Gründung eines öffentlichen Stromversorgers, um dem angeblichen Machtmissbrauch der privaten, börsennotierten Konzerne Einhalt zu gebieten. Die Sozialisten zeigen sich offen für eine öffentliche Verwaltung der Wasserkraftwerke. Einige Lizenzen laufen bald aus, doch viele sind auf Jahre, gar Jahrzehnte vergeben. Umweltministerin Ribera will daher zunächst neue Regeln für den Umgang mit den Stauseen erarbeiten, die den beliebigen Umgang der Versorger mit den Wasservorräten beschränken sollen.

Am großen Stausee von Valdecañas hat der extrem niedrige Wasserstand derweil allerhand versunkene Kulturstätten wieder ans Licht gebracht, etwa eine 5000 Jahre alte Grabstätte, die als „spanisches Stonehenge“ gepriesen wird. Lange Zeit für Untersuchungen haben die Archäologen jedoch nicht. Iberdrola hat versprochen, den Wasserspiegel wieder anzuheben.