Tokio

Einen Lehman-Schock, bitte!

In einer Bar in Tokio gibt es nicht nur Cocktails mit Broker-Namen. Junge Japaner treffen hier aufeinander und fachsimpeln über die Entwicklungen an der Börse. Das ruft inzwischen selbst Profi-Investoren auf den Plan.

Einen Lehman-Schock, bitte!

Der Name der Bar „Stock Pickers“ im Tokioter Einkaufsviertel Ginza ist Programm: Dort tauschen japanische Privatanleger Aktientipps aus und fachsimpeln mit ihrem Idol Sato Uehara. Dem Aktienanalysten und Fondsmanager für Value-Titel folgen über 50000 Fans auf Twitter. Als er im Frühjahr per Crowd­funding Geld für eine eigene Bar sammelte, kamen umgerechnet 44000 Euro zusammen, über fünfmal mehr als gewünscht. Allerdings torpedierte der Corona-Notstand das Kerngeschäft mit Drinks, da der Alkoholausschank in Japan monatelang untersagt war.

Für einen Neustart sucht Uehara gerade einen Barmanager und ködert ihn mit dem Versprechen, quasi nebenher zu lernen, wie man Geld an der Börse verdient. Bücher über intelligentes Investieren, eine Kanone als „Bazooka“ der Notenbank, die Nachbildung der Tokioter Börsenglocke und ein TV-Monitor mit aktuellen Kursen sorgen für Atmosphäre. Ein Schild rät: „Bekämpfe niemals die Bank of Japan“.

Auf der Getränkekarte stehen Cocktails wie „Schwarzer Schwan“, „Black Monday“, „IT Bubble“, „Perfect Order“ und „Margin Call“. Dessen Mischung aus Wodka, Grenadine-Sirup und Campari soll so bitter schmecken wie der Brokeranruf bei der erzwungenen Liquidierung von verlustreichen Positionen. Barbesucher können sich nach einem misslungenen Trade auch mit dem starken Cocktail „Lehman-Schock“ trösten. Eine alkoholfreie Variante kommt als „Abenomics“ daher, wobei die Mischung aus Kirschblütensirup und Grapefruitsaft so wenig berauscht wie die gleichnamige Wirtschaftspolitik.

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Die Stockpicker-Bar symbolisiert einen Wandel im Anlegerverhalten. Vor einigen Jahren spekulierten Privatanleger am liebsten mit Auslandswährungen. Im Volumen des Forex-Marginhandels liegt Japan weltweit an der Spitze. Diese Anleger heißen traditionell „Frau Watanabe“, weil es sich oft um Hausfrauen handelt, die das Ersparte der Familie investieren. Dieser Anlegertyp neigt dazu, gegen den aktuellen Trend zu handeln, und greift oft an Extrempunkten ins Marktgeschehen ein. Aber der Yen ist nicht mehr so volatil wie noch vor einigen Jahren, so dass diese Trades nicht mehr lukrativ sind. In der Folge hat die Mittelschicht den Aktienhandel als neue Welt für sich entdeckt.

In den vergangenen zwölf Monaten eröffneten zwei Millionen Japaner ein Konto beim Online-Brokerhaus Rakuten Securities. Parallel stieg der Handelsanteil von Privatanlegern an der Tokioter Börse von 16% im Februar 2020 vor dem Ausbruch der Pandemie auf 23% in diesem Monat. Besonders die jüngere Generation, die sich für Geldanlage bisher nur wenig interessierte, hat die Börse für sich entdeckt: Zwei Drittel der Neukunden von Rakuten Securities zwischen Januar und März waren unter 30 Jahre alt. Mehrere Broker locken die Altersgruppe unter 25 Jahren mit dem Versprechen von kostenlosen Trades an. Die Börse selbst hatte den Trend vor knapp drei Jahren vorbereitet, als sie die Standardmenge für einen Aktienkauf von 1000 auf 100 Stück reduzierte. Aber erst die Möglichkeit, über eine Smartphone-App zu handeln, veränderte die Landschaft – bis dahin musste man seinen Broker anrufen oder eine Filiale aufsuchen. Dabei wurden Fonds bevorzugt.

Allerdings zeigen die Neuinvestoren weniger Risikobereitschaft als amerikanische Junganleger, obwohl das Glücksspiel in Japan weit verbreitet ist – so stehen nahe jedem Bahnhof meist mehrere Spielhallen mit flipperähnlichen Automaten. Offiziell handelt es sich um ein Unterhaltungsangebot, aber die Sachgewinne lassen sich außerhalb der Halle in Geld umtauschen. Auch Wetten auf Pferderennen, Keirin-Radrennfahrer und Motorboot-Wettbewerbe sind äußerst beliebt.

Dennoch hielt sich der Hype um Meme-Papiere wie Gamestop und AMC Entertainment in Japan in Grenzen, vermutlich auch aufgrund mangelnder Englischkenntnisse. Stattdessen greifen viele Junganleger eher nach Blue Chips mit hoher Volatilität wie Softbank Group und Nintendo. Der Wandel ist so auffällig, dass sich inzwischen auch Vertreter von institutionellen Investoren in die Stockpicker-Bar begeben, um die Stimmung der Neuanleger zu erkunden.