„Great Resignation“

Kündigungswelle am US-Arbeitsmarkt

Millionen Amerikaner sind seit der Pandemie ohne Job. Dennoch geben mehr Berufstätige als je zuvor freiwillig ihre Stelle auf. Für dieses Phänomen der „Great Resignation“ sehen Experten mehrere Gründe.

Kündigungswelle am US-Arbeitsmarkt

Von Peter De Thier, Washington

Seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie im März 2020 hat sich der US-Arbeitsmarkt eindrucksvoll er­holt. Die Gesamtbeschäftigung liegt um mehr als 18 Millionen Jobs über dem Stand vom April 2020, als 20,7 Millionen Menschen ihren Job verloren. Auch ist die Arbeitslosenquote von 14,7 auf 3,9% gesunken. Jene zuletzt im Monat vor der Coronakrise erreichten 3,5%, die von der Notenbank als Gradmesser für Vollbeschäftigung angesehen werden, sind nun wieder in greifbarer Nähe.

Gleichwohl kann der Aufschwung nicht darüber hinwegtäuschen, dass Millionen von Menschen weiter ohne Beschäftigung sind. Nach Angaben des Bureau of Labor Statistics (BLS) des Arbeitsministeriums lag die Zahl der Personen im erwerbsfähigen Alter, die eine Stelle haben, im Dezember um 3,6 Millionen unter dem Vorkrisenniveau. Auch scheint deren Vertrauen darin, einen Arbeitsplatz finden zu können, gesunken zu sein. Die Partizipationsrate schrumpfte nämlich im selben Zeitraum von 63,4 auf 61,9% und verharrt seit Monaten auf einem Stand, der im historischen Vergleich außerordentlich niedrig ist.

Angesichts der hohen Zahl von Personen im erwerbsfähigen Alter, die keinen Job haben, wundern sich Experten umso mehr über ein Phänomen, das Ökonomen als „The Great Resignation“ oder „The Big Quit“ („der große Rücktritt“) bezeichnen. Mehr als zu jedem anderen Zeitpunkt seit Beginn der Erhebungen durch das BLS geben berufstätige Menschen nämlich freiwillig ihre Stelle auf. So reichten allein in der zweiten Jahreshälfte vergangenen Jahres mehr als 20 Millionen Amerikaner ihre Kündigung ein.

Hohe Ersparnisbildung

Gerade in schlecht bezahlten Branchen, insbesondere dem Gastgewerbe und dem Einzelhandel, gelangten viele zu dem Schluss, dass sie von erweiterten staatlichen Zuschüssen genauso gut leben können wie von einem Job, in dem lediglich der gesetzliche Mindestlohn gezahlt wird. Auch spekulierten viele, dass sie mit den hohen Ersparnissen, die sie während der Pandemie gebildet haben, längere Zeit auskommen können. Doch die Ersparnisse sind be­grenzt, und jene erweiterte Arbeitslosenhilfe, die die US-Regierung während der Pandemie be­schloss, gehört seit September letzten Jahres der Vergangenheit an.

Doch die Welle freiwilliger Kündigungen rollt weiter, und zwar nicht nur in Sektoren, in denen die Bezahlung schlecht ist. Der Hauptgrund ist darin zu sehen, dass Arbeitnehmer mehr Alternativen haben als je zuvor. Nach Angaben der Federal Reserve Bank von St. Louis sind in den USA fast 11 Millionen Stellen unbesetzt (siehe Grafik). Im Gesundheitswesen sind 8% der Stellen unbesetzt und im Bildungssektor mehr als 4%. Ähnliches gilt für Tech-Unternehmen und insbesondere die Bauindustrie, wo Unternehmer an­gesichts der steigenden Immobilienpreise mehr investieren und folglich Stellen an­bieten, aber nicht annähernd genug Interessenten finden. Das wiederum treibt die Löhne und Gehälter hoch.

Eine weitere Erklärung für den „Big Quit“ hat Karin Kimbrough, Chefökonomin bei Linkedin, dem sozialen Netzwerk, über das geschäftliche Kontakte geknüpft und Jobs vermittelt werden. „Viele Menschen haben bis zum Ausbruch der Pandemie gelebt, um zu arbeiten“, sagt Kimbrough. Die Gesundheitskrise sowie Kontaktbeschränkungen und die wachsende Bedeutung des Homeoffice hätten aber Berufstätigen die Gelegenheit gegeben, nachzudenken und neue Prioritäten zu setzen, beispielsweise dem Familienleben und Privatleben Vorrang zu geben, sagt die Volkswirtin.

Als Grund führen Experten auch die hohe Mobilität an, durch die sich der US-Arbeitsmarkt auszeichnet. Durch die wachsende Bedeutung des Homeoffice habe die geografische Flexibilität der Arbeitnehmer weiter zugenommen. Diese können ohne großen logistischen Aufwand den Job und sogar die Branche wechseln, um eine besser bezahlte Stelle anzunehmen. Viele ziehen es daher vor, in Vororten oder kleineren Städten zu wohnen und zu arbeiten, wo größere Eigenheime erschwinglicher sind. Das schlug sich nicht zuletzt in dem kräftigen Anstieg der Häuserpreise nieder, die im vergangenen Jahr um fast 20% zulegten, gerade in Vororten von Ballungszentren.

Steigende Einkommen

Aber auch die höheren Einkommen tragen wesentlich zu den Millionen von Kündigungen bei. „Deren Entwicklung ist allerdings streng branchenspezifisch“, stellt Nela Richardson, Chefökonomin beim Arbeitsmarktdienstleister Automatic Data Processing (ADP), fest. So seien die Löhne im Gast- und Freizeitgewerbe kaum gestiegen. Im Tech-Bereich, bei Finanzdienstleistungsunternehmen und bei anderen Fachdienstleistern seien hingegen jährliche Zuwächse um mehr als 10% zu beobachten. Generell säßen bei Gehaltsverhandlungen nun Arbeitnehmer am längeren Hebel und seien angesichts der vielversprechenden Alternativen umso eher bereit, bestehende Jobs aufzugeben.

Da für die „Great Resignation“ vorläufig kein Ende in Sicht ist und Millionen von Stellen weiter unbesetzt sind, rechnen Ökonomen mit einem weiteren kräftigen Anstieg der Realeinkommen. Das könnte die ohnehin hohe Inflation noch anheizen und somit auch das Tempo beeinflussen, mit dem die US-Notenbank die Zinsen erhöht.

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