LeitartikelAktienrückkäufe

US-Konzerne setzen ihr Kapital falsch ein

Große US-Konzerne wie ExxonMobil und General Motors greifen im großen Stil zu Aktienrückkäufen. Aber damit denken sie viel zu kurzfristig.

US-Konzerne setzen ihr Kapital falsch ein

Aktienrückkäufe

Fehlgeleiteter Kapitaleinsatz

Von Alex Wehnert

US-Konzerne wie General Motors greifen im großen Stil zu Aktienrückkäufen. Damit denken sie viel zu kurzfristig.

US-Konzerne suchen sich bei Investoren einmal mehr mit großvolumigen Aktienrückkäufen lieb Kind zu machen – und rennen damit völlig in die falsche Richtung. Zwar sind Buybacks unbestritten eine wichtige Komponente des Total Shareholder Return in den Vereinigten Staaten. Doch die Unternehmen, die ihre Programme in den vergangenen Wochen stark aufgestockt haben, sind keine Wachstumstreiber der Technologiebranche, die auf gewaltigen Liquiditätsreserven sitzen und genügend Mittel übrig haben, um neben der Auszahlung von Anlegern problemlos ihre zentralen Zukunftsinvestitionen stemmen zu können. Vielmehr handelt es sich um Firmen, die vor massiven strukturellen Herausforderungen stehen und Rückkäufe als Spritzenkur nutzen, um die geschundenen Aktionärsnerven zu beruhigen. Das kann aber nur kurzfristig funktionieren.

Bestes Beispiel ist der Ölriese ExxonMobil, der am Abschluss seines größten Deals seit den 1990er Jahren arbeitet und seinen Investoren jetzt schon eine höhere Kapitalrückführung in Aussicht stellt. Finalisiere der Multi die Übernahme des Rohstoffförderers Pioneer wie geplant im ersten Halbjahr 2024, werde er sein Buyback-Programm bis Ende 2025 auf annualisierte 20 Mrd. Dollar aufstocken. Im laufenden Jahr kauft ExxonMobil insgesamt für 17,5 Mrd. Dollar Aktien zurück. Zugleich ringt der Konzern allerdings mit der Nachhaltigkeitswende. Einsparungen, Produktionsausweitungen und gesteigerte Verkäufe von Chemikalien und umweltfreundlicheren Treibstoffen, durch die ExxonMobil den Cashflow bis 2027 um 14 Mrd. Dollar ankurbeln will, sind Versprechen, die es erst noch einzulösen gilt. Doch die Aktie, zuvor seit September auf Talfahrt, hat sich seit der Buyback-Ankündigung kräftig erholt.

Die Liste der Transformationskandidaten, die mit Rückkäufen die Stimmung heben wollen, lässt sich nahezu beliebig fortsetzen. Da ist die durch ihre Komplexität niedergedrückte Großbank Citigroup, die in einer langwierigen Reorganisation steckt und künftig deutlich härtere Kapitalvorgaben erfüllen muss. Den erwarteten Einbruch seiner Trading-Erlöse im vierten Quartal übertünchte das Geldhaus zuletzt mit der Ankündigung, dass das Buyback-Volumen im Schlussviertel 500 Mill. Dollar betragen werde. Und da ist General Motors, die bei ihren Zukunftsprojekten zur E-Mobilität und dem autonomen Fahren 2023 schwere Rückschläge erlitten hat. Statt liquide Mittel unverzüglich in die Entwicklung soliderer Technologien zu stecken, verabreichte Konzernchefin Mary Barra Investoren mit einem beschleunigten Aktienrückkaufprogramm im Volumen von 10 Mrd. Dollar ein dickes Trostpflaster. Die GM-Aktie, im vorherigen Jahresverlauf mit über 20% im Minus, kann für 2023 plötzlich eine positive Entwicklung vorweisen.

Langfristig werden die Traditionskonzerne ihre Investoren mit den nun angekündigten Rückkäufen aber nicht ruhigstellen können. Die positiven Effekte, die Buybacks über die Ausradierung von Anteilen im Milliardenwert auf den Gewinn pro Aktie haben, stellen ein überwiegend mathematisches Phänomen dar und dürften damit schnell eingepreist sein. Unterdessen nehmen sich aber insbesondere ExxonMobil und GM durch ihren fehlgeleiteten Kapitaleinsatz Optionen, um den politisch angestrebten Wandel zu einer nachhaltigen Wirtschaft voranzutreiben – was letztlich wieder negativ auf sie zurückfallen wird.

Für Politiker in Washington stellt sich daher die Frage, wie sie die Konzerne zu ihrem langfristigen Glück zwingen können. Eine Steuer auf Buybacks, wie sie seit Anfang 2023 gilt, kann nicht die Lösung sein. Denn erstens fällt die Abgabe von 1% des Verkehrswerts der Wertpapiere nicht hoch genug aus, um CFOs vor Rückkäufen zurückschrecken zu lassen. Und zweitens würde selbst eine Vervierfachung der Steuer, wie US-Präsident Joe Biden sie ins Rennen geworfen hat, Unternehmen wohl kaum zu einem sinnvolleren Kapitaleinsatz bewegen. Denn im Zweifel dürften sie dann einfach mehr Dividenden ausschütten. Für Washington gilt es vielmehr, Bürokratie abzubauen, damit Milliardensubventionen aus Programmen wie dem Inflation Reduction Act oder dem Chips Act effizienter fließen können. Nur so lassen sich offenbar wirkungsvolle Anreize für Investitionen in Zukunftstechnologien setzen.