Sachverständigenrat

Wieland hört als Wirtschaftsweiser auf

Der Frankfurter Geldpolitikexperte Volker Wieland scheidet vorzeitig aus dem Sachverständigenrat für Wirtschaft aus. Damit gibt es nur noch drei statt eigentlich fünf „Wirtschaftsweise“. Der Druck auf die Ampel-Koalition steigt.

Wieland hört als Wirtschaftsweiser auf

Von Mark Schrörs, Frankfurt

Neun Jahresgutachten, drei Sondergutachten, drei Produktivitätsberichte und 20 Konjunkturprognosen: Wenn Volker Wieland über die vergangenen neun Jahre Arbeit im Sachverständigenrat für Wirtschaft spricht, schwingt auch ein wenig Stolz mit. Jetzt aber mag der 56-jährige Ökonom, der das Institute for Monetary and Financial Stability (IMFS) in Frankfurt leitet, nicht mehr: Zum Monatsende gibt er seinen Posten als „Wirtschaftsweiser“ der Bundesregierung vorzeitig auf, wie er am Wochenende mitteilte. Eigentlich wäre seine zweite Amtszeit bis Ende Februar 2023 gelaufen.

Wieland begründete seinen Schritt damit, dass er sich so „meiner Haupttätigkeit in der Forschung und Lehre und als Leiter eines Universitätszen­trums wieder intensiver widmen kann“. Wieland gilt als führender Experte für Geldpolitik in Deutschland und hat einst bei der US-Notenbank Fed gearbeitet sowie die Europäische Zentralbank (EZB) beraten. Zugleich verwies Wieland in einem Interview mit der „FAZ“ auf persönliche Gründe und die besondere Belastung der vergangenen beiden Corona-Jahre – mit Kindern im Kindergarten- und Grundschulalter sowie pflegebedürftigen Angehörigen.

Wieland ließ aber auch durchblicken, dass er unzufrieden ist mit der aktuellen Situation im Sachverständigenrat und der Personalpolitik der Bundesregierung mit Blick auf das Gremium. Bereits seit Anfang 2021 besteht der Rat nur noch aus vier statt fünf Mitgliedern, weil sich weder die alte noch die neue Bundesregierung auf eine Nachfolge für den damals ausgeschiedenen Ratsvorsitzenden Lars Feld einigen konnten. Das bedeutete nicht nur entsprechende Mehrarbeit für jedes einzelne Ratsmitglied, sondern vor allem auch eine Pattsituation – mit Wieland und Veronika Grimm auf der eher ordnungspolitisch orientierten Seite und Monika Schnitzer und Achim Truger auf der eher linken Seite des wirtschaftspolitischen Spektrums.

Die fehlende Nachbesetzung wiederum ist auch Folge eines zunehmenden politischen Gerangels um die Ausrichtung des Rats. Eine Wiederernennung des wirtschaftsliberalen Feld, die die CDU favorisiert hatte, war an der SPD gescheitert. Medienberichten zufolge hatten sich jetzt zuletzt SPD und Grüne auf den Düsseldorfer Ökonomen Jens Süde­kum für den Feld-Posten geeinigt – was aber der FDP missfiel. Südekum tritt für eine expansive Fiskalpolitik ein und hat sich mehrfach gegen die Schuldenbremse ausgesprochen.

Jetzt könnten beide Posten im Pa­ket besetzt werden – was die Chance erhöht, dass von beiden wirtschaftspolitischen Spektren jemand zum Zuge kommt. Das wiederum könnte den Rat weiter von seinen ordnungspolitischen Wurzeln entfernen. In jedem Fall drängt für die Ampel-Koalition nun die Zeit: Zu dritt ist die Ratsarbeit kaum lange zu stemmen.

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