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Energiepreise befördern Abwanderungsgedanken

Die Industrie schlägt Alarm: Fast jedes vierte Unternehmen sieht die steigenden Energiepreise als existenzielle Herausforderung und ungefähr genauso viele denken bereits über die Verlagerung von Produktion ins Ausland nach. Der Industrieverband BDI fordert rasche Entlastung.

Energiepreise befördern Abwanderungsgedanken

sp Berlin

Mehr als jedes vierte Unternehmen in Deutschland denkt wegen der hohen Energiepreise derzeit über eine Verlagerung von Teilen der Produktion ins Ausland nach oder ist bereits dabei, Arbeitsplätze über die Grenzen zu verlagern. Das hat eine Erhebung des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) unter mehr als 400 mittelständischen Unternehmen aus verschiedenen industriellen Branchen ergeben. Demnach trägt sich eines von 20 der befragten Unternehmen sogar mit dem Gedanken, mit der gesamten Produktion abzuwandern. „Die Lage ist so ernst, dass selbst standorttreue mittelständische Unternehmen aus diversen Branchen über eine Verlagerung ins Ausland nachdenken müssen“, kommentierte BDI-Präsident Siegfried Russwurm.

Die jüngsten Energiekostensteigerungen in Deutschland seien so hoch wie seit der Ölkrise der 70er Jahre nicht mehr und das Ende der Fahnenstange sei noch nicht erreicht, sagte der Industriepräsident am Montag in Berlin. „Rasches politisches Handeln ist gefordert“, forderte Russwurm. Die angekündigte vorgezogene Abschaffung der EEG-Umlage – der Stromkostenaufschlag zum Ausbau erneuerbarer Energien – zur Jahresmitte sei richtig, reiche aber nicht aus. „Die Bundesregierung muss bei nationalen Abgaben und Umlagen endlich Tabula rasa machen, etwa bei der Stromsteuer und den Netzentgelten“, betonte der BDI-Präsident. Andernfalls sei zu befürchten, dass der rasante Preisanstieg die Produktion immer stärker beeinträchtigen werde.

„Unternehmen entscheiden sich nur selten ad hoc zur Verlagerung von Standorten, sondern treffen solche Entscheidungen immer mit Blick auf längerfristige Entwicklungen“, erklärte Karsten Neuhoff, Leiter der Abteilung Klimapolitik im DIW Berlin auf Anfrage. Deswegen müsse jetzt eine glaubwürdige Perspektive geschaffen werden, dass langfristig ausreichend erneuerbare Energien zu international wettbewerbsfähigen Preisen zur Verfügung stehen werden. „Einen zentralen Beitrag dazu kann die Umstellung der Vergütung von Wind- und Solaranlagen auf staatliche auktionierte langfristige Differenzverträge leisten. So können regulatorische und andere Risiken für Investoren vermieden und Stromgestehungskosten aus Wind- und Solarenergie um bis zu 30% reduziert werden“, sagte Neuhoff.

Russwurm warnte vor zusätzlichen Kosten im Zuge des 2021 eingeführten nationalen CO2-Preises für die Sektoren Gebäude und Verkehr. „Schon jetzt ist die nationale CO2-Bepreisung eine existenzielle Bedrohung für viele kleine und mittelständische Unternehmen“, sagte der BDI-Präsident. Sie treibe die Strom- und Gaspreise in die Höhe. „Die Bundesregierung sollte die Industrie entlasten, um einen Exodus von Produktion und Arbeitsplätzen ins kostengünstigere Ausland zu verhindern.“

Existenzielle Herausforderung

Die Industrie beschäftigen die steigenden Energiepreise aktuell noch mehr als das Klima. Fast ein Viertel der Unternehmen gibt in der Umfrage des BDI an, dass die Preissteigerungen für sie eine existenzielle Herausforderung bedeuten, während knapp zwei Drittel sie als starke Herausforderung bewerten. 84% der Firmen sind der Ansicht, dass die Bundesregierung die weitere Erhöhung der CO2-Preise überdenken und mit flankierende Maßnahmen zur Entlastung der Industrie ergänzen sollte.