Creditreform-Analyse

Insolvenzzahlen wieder auf Vor-Pandemie-Niveau

Die Unternehmensinsolvenzen in Deutschland steigen nach zwei Jahren mit historisch niedrigen Fallzahlen wieder deutlich. Eine überdurchschnittlich hohe Insolvenzquote muss die Baubranche verkraften.

Insolvenzzahlen wieder auf Vor-Pandemie-Niveau

Insolvenzzahlen wieder auf Vor-Pandemie-Niveau

Creditreform verzeichnet deutlichen Anstieg um 23,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr – Baubranche besonders im Fokus

Die Unternehmensinsolvenzen in Deutschland steigen nach zwei Jahren mit historisch niedrigen Fallzahlen wieder deutlich an. Mit 18.100 Insolvenzen sieht die Auskunftei Creditreform das Niveau von 2019 annähernd erreicht. Eine überdurchschnittlich hohe Insolvenzquote muss die Baubranche verkraften.

sar Frankfurt

Im laufenden Jahr haben ähnlich viele Unternehmen Insolvenz angemeldet wie 2019. Mit 18.100 Insolvenzen ist das Niveau von vor der Pandemie annährend wieder erreicht, zeigen aktuelle Zahlen der Auskunftei Creditreform. Die Statistik beruht auf Erhebungen der Creditreform; die weiteren Verläufe bis zum Jahresende werden auf Basis des bisherigen Jahresverlaufs geschätzt. Da das Insolvenzgeschehen zuletzt an Dynamik zugenommen hat, könnten die tatsächlichen Werte sogar noch etwas höher liegen.

Der Anstieg auf 18.100 Insolvenzen bedeutet eine Zunahme von 23,5% im Vergleich zum Vorjahr. Während der Corona-Pandemie hatten umfassende staatliche Hilfsmaßnahmen dazu geführt, dass die Insolvenzzahlen auf historisch niedrigem Niveau lagen. Diese Effekte seien inzwischen weitgehend verpufft, erklärte Patrik-Ludwig Hantzsch, Leiter der Creditreform Wirtschaftsforschung, bei Vorstellung der Ergebnisse am Montag vor Journalisten.

Nachholeffekte nach Corona

Eine Insolvenzwelle sei dies jedoch nicht, vielmehr eine Normalisierung. Allerdings sei der Neustart für kriselnde Betriebe derzeit herausfordernder als vor der Pandemie. „Im Vergleich zu 2019 haben sich die Rahmenbedingungen für die Unternehmen signifikant verschlechtert.“ Hantzsch spricht nach den Jahren mit massiver staatlicher Unterstützung von einem „Corona-Boomerang“. Einige Unternehmen hätten die Pandemie zwar überlebt, ihre Geschäftsmodelle aber nicht weiterentwickelt und wichtige Strukturreformen verschleppt. Sie müssten nun in einem schwierigen Marktumfeld mit hohen Energiekosten und steigenden Zinsen zurechtkommen.

Betroffen sind alle Wirtschaftsbereiche: Im verarbeitenden Gewerbe wird die Zahl der Insolvenzen nach Creditreform-Schätzungen Ende 2023 um 30,2% über dem Vorjahreswert liegen, im Handel wird ein Plus der Insolvenzen von 26% erwartet. Im Bereich Dienstleistungen erwartet die Auskunftei einen Anstieg um 22,5% und im Handel von 20,8%.

Druck auf Baubranche steigt

Das veränderte Zinsumfeld und steigende Kosten führten insbesondere in der Baubranche zu einem Nachfrageeinbruch. Die Zahlen aus der Creditreform-Datenbank deuteten auf „eine heraufziehende Krise im Bausektor“ hin, heißt es bei der Auskunftei. Während Creditreform für die Gesamtheit der Hauptwirtschaftsbereiche in Deutschland eine Insolvenzquote von 60 Insolvenzen je 10.000 Unternehmen erwartet, liegt das Baugewerbe deutlich darüber. Hier wird die Insolvenzquote voraussichtlich bei 81 Pleitefällen je 10.000 Betrieben liegen.

Dabei haben Krisen großer Bauunternehmen, wie derzeit bei der insolventen Signa-Holding, auch Auswirkungen auf Lieferanten und Geschäftspartner. Kreditgeber und Lieferanten bescheinigten der Bauwirtschaft bereits eine Verschlechterung der Zahlungsmoral, heißt es in der Analyse der Creditreform.

Schuldner aus dem Baugewerbe zahlen ihre Rechnungen immer häufiger erst verspätet. Laut Daten aus dem Debitorenregister Deutschland lag die Forderungslaufzeit im ersten Halbjahr 2023 im Durchschnitt bei 43,58 Tagen, ein Anstieg von anderthalb Tagen im Vergleich zur Vorjahreszeit.

Dass manchen Unternehmen aus der Branche die Liquidität fehlt, um Rechnungen zügig zu begleichen, liegt wohl auch daran, dass sich auch das Zahlungsverhalten unter den Kunden der Bauunternehmen eingetrübt hat. In einer Creditreform-Umfrage gaben 14,9% der Teilnehmer an, dass sie Forderungsverluste im Wert von mehr als 1% ihres Umsatzes verkraften mussten. Im Vorjahr hatten nur 8,5% der Teilnehmer derart hohe Forderungsverluste verzeichnet.

Höhere Gläubigerschäden

Über alle Branchen hinweg prognostiziert Creditreform für das laufende Jahr Gläubigerschäden aufgrund von Unternehmensinsolvenzen im Gesamtvolumen von 34 Mrd. Euro, erklärte Hauptgeschäftsführer Bernd Bütow. 2022 hatte der Wert bei 32,7 Mrd. Euro gelegen. Die durchschnittliche Schadensumme je Insolvenzfall liegt bei 1,9 Mill. Euro.

Für das nächste Jahr rechnet Hantzsch mit weiter steigenden Insolvenzzahlen; eine Zahl um 20.000 Unternehmensinsolvenzen sei durchaus realistisch. Ein gesamtwirtschaftlich bedenkliches Niveau werde aber wohl auch im kommenden Jahr nicht erreicht. Auch die Auskunftei Crif hatte vor wenigen Tagen bis zu 20.000 Firmeninsolvenzen für 2024 prognostiziert.

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