Rohstoffmärkte

Neue Sanktionen treiben Ölpreis an

Die neuen Sanktionen auf russisches Öl – nämlich ein Einfuhrverbot der EU und eine zwangsweise Preisobergrenze von EU und G7 – dürften den Ölpreis weiter nach oben treiben.

Neue Sanktionen treiben Ölpreis an

Von Dieter Kuckelkorn, Frankfurt

Der Preis der wichtigsten Sorte Brent Crude ist kürzlich wieder auf rund 90 Dollar je Barrel gesunken, hat sich seither aber erneut auf rund 95 Dollar erholt. Der Ölpreis erleidet derzeit öfter Schwächeanfälle, wenn die Sorgen wegen der drohenden weltweiten Rezession wieder größer werden. Zuletzt haben allerdings Hinweise auf rekordhohe amerikanische Ölexporte diese Ängste gedämpft.

Ab dem 5. Dezember könnte es zu einem kräftigen Anstieg des Ölpreises kommen, wenn nämlich das Ölembargo und die Preisobergrenze für russisches Öl seitens der Europäischen Union in Kraft treten. Dabei will die EU durchsetzen, das weltweit kein russisches Öl per Tankschiff mehr transportiert werden darf, das zu einem über dem von den USA und der EU festgelegten Preis gehandelt worden ist. Erreicht werden soll das durch ein beispielsweise für die umfangreiche griechische Tankerflotte gültiges Verbot sowie durch die Untersagung von Versicherungs- und anderen Dienstleistungen für Tanker aus Drittländern. Diese Sanktionen fallen so harsch aus, dass ein Schiff, das nur einmal russisches Öl zu einem für die EU zu hohen Preis transportiert, nie wieder die entsprechenden Dienstleistungen aus der EU heraus in Anspruch nehmen kann.

Derzeit ist noch nicht absehbar, wie wirksam diese Sanktionen sein werden und wie hoch der zu erwartende Anstieg des Ölpreises ausfällt. Würden die gesamten derzeit rund 4,5 Mill. Barrel pro Tag, die Russland per Tankschiff exportiert, dem Markt entzogen, wäre ohne Zweifel mit einem Ölpreis von 150 Dollar oder mehr zu rechnen, zumal die russische Regierung mehrfach darauf hingewiesen hat, dass Länder, die sich dem zwangsweisen Preisregime anschließen, nicht mehr beliefert würden.

Aktuell sieht es allerdings nicht danach aus, als würde die Preisobergrenze aus EU-Sicht zu einem großen Erfolg. Auf Basis einer erwogenen Preisobergrenze zwischen 40 und 60 Dollar je Barrel haben bislang lediglich die G7-Länder sowie Australien ihre Bereitschaft erkennen lassen, sich der Preisobergrenze anzuschließen. Bedeutende Nachfrageländer wie China und Indien haben bislang kein Interesse an einer Mitwirkung durchblicken lassen.

Aber wie es scheint, hat auch das Interesse der US-Regierung an der Durchsetzung der Preisobergrenze, die die Energiepreise auch in den USA weiter anheizen dürfte, nachgelassen – zumindest bis zu den Mid-Term-Wahlen am 8. November. So meldete das „Wall Street Journal“, dass die Biden-Administration die genaue Höhe der Preisobergrenze, der sich dann auch die EU anschließen dürfte, erst nach den Wahlen bekannt geben wird. Eigentlich war geplant, die Obergrenze bereits Mitte Oktober zu beziffern, um dem Ölmarkt Gelegenheit zu geben, sich bis zum 5. Dezember darauf vorzubereiten.

Zusätzliche Probleme

Die Verzögerung dürfte der Branche nun zusätzliche Probleme bereiten, denn zwischen dem 8. November und dem 5. Dezember liegen weniger als 30 Tage. Da allerdings Öllieferungen aus Russland per Tankschiff oftmals zwischen 45 und 60 Tagen unterwegs sind, bedeutet dies, dass dann auch Tankschiffe und Ladungen betroffen sind, die vor der Bekanntgabe der Höhe der Preisobergrenze auf den Weg gebracht worden sind. Dies könnte Käufer und Reeder bereits jetzt zu Zurückhaltung bewegen, was den Preis weiter nach oben treiben könnte.

Zudem hat sich gezeigt, dass die Opec unter Führung Saudi-Arabiens dem Plan eines Käuferkartells, das die Kontrolle über den Ölmarkt übernimmt und die Preise diktiert, sehr ablehnend gegenübersteht. So befürchtet die saudische Führung, dass das Land nach Russland als nächstes ins Visier der US-Regierung geraten könnte. Somit ist die jüngste Senkung der Förderquoten der Opec plus um 2 Mill. Barrel pro Tag (bpd) primär als eine Gegenmaßnahme gegen den Versuch der Etablierung einer Preisobergrenze zu verstehen.

Auf der anderen Seite spricht einiges wie erwähnt dafür, dass die Preisobergrenze zum Flop wird, was gegen einen allzu starken Anstieg des Ölpreises sprechen würde. So ist selbst die US-Regierung nicht von einem durchschlagenden Erfolg der Preisobergrenze überzeugt, die von der US-Finanzministerin Janet Yellen ins Spiel gebracht worden war. So sagte jetzt ein hoher Beamter des US-Finanzministeriums der Nachrichtenagentur Reuters, rund 80 bis 90% des Öls würden wohl an dem Preissetzungsmechanismus vorbeifließen. Es würden Tanker umgeflaggt, und auch Firmen würden in andere geografische Regionen umziehen. Zudem bietet nun auch Russland Versicherungsdienstleistungen an, und russisches Öl lässt sich mit chinesischen und indischen Schiffen transportieren. Mit Blick darauf, dass die Sanktionen eine gewisse, aber keine durchschlagende Wirkung entfalten werden, ist mit einer deutlichen Verteuerung von Öl zu rechnen, aber wohl nicht mit einer Preisexplosion. Die Analysten von Goldman Sachs gehen derzeit für das erste Quartal 2023 von einem Brent-Ölpreis von 115 Dollar aus.

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