Rückversicherer

Renaissance der Elefanten

Wie der Klimawandel und andere Krisen für eine Neuordnung im Rückversicherungsmarkt sorgen.

Renaissance der Elefanten

Es wird noch Jahre dauern, bis an der Westküste von Florida alle Verwüstungen beseitigt sind. Als Hurrikan „Ian“ sich Ende September auf den US-Sunshine-Staat zubewegte, war bereits klar, dass da ein Monster im Anmarsch war. Während die Metropole Miami verschont blieb, traf es die Gegend um Fort Myers an der Westküste Floridas umso härter. Später richtete der Sturm auch in South Carolina schwere Schäden an. Es wurde eine der teuersten Naturkatastrophen aller Zeiten. Auch wenn die genaue Scha­denhöhe nach drei Monaten immer noch nicht klar ist, gehen die meisten Schätzungen von versicherten Schäden von mindestens 60 Mrd. Dollar aus.

„Ian“ ist jedoch nur ein weiterer Beweis dafür, dass die Rückversicherer sich auf unruhige Zeiten einstellen müssen. Der Hurrikan hat einem ohnehin schwierigen Jahr noch die Krone aufgesetzt. Die Erneuerungsrunde für die jährlich neu abzuschließenden Verträge gestaltete sich Ende 2022 ausgesprochen zäh, ist von vielen Marktteilnehmern zu hören. Viele Verträge waren, anders als sonst, im Dezember noch nicht in trockenen Tüchern. Denn die zunehmenden Naturkatastrophen als Auswirkung der Klimakrise, die Inflation und die schwachen Ergebnisse der Rückversicherer in den zurückliegenden Jahren bildeten für die Kunden der Branche einen „toxischen Cocktail“, wie es der Rückversicherungseinkäufer eines deutschen Erstversicherers ausdrückt.

Vor allem bei den Deckungen von Naturkatastrophenrisiken – einem Kernmarkt für Rückversicherung – ist der Markt in Bewegung. Eine hohe Nachfrage trifft auf ein verknapptes Angebot. Diverse Marktteilnehmer haben aufgrund herber Verluste ihre Kapazitäten reduziert oder sind sogar ganz aus dem Markt ausgeschieden.

Reihe von Marktaustritten

Die Liste der Rückzügler ist namhaft: Axa XL Re hat in den vergangenen Quartalen schon vor „Ian“ das Naturkatastrophengeschäft stark abgebremst. In den ersten neun Monaten des Jahres 2022 sanken die Beitragseinnahmen des Rückversicherungszweigs des größten französischen Versicherers um satte 20% auf 2,9 Mrd. Euro. Ohne die deutlichen Preiserhöhungen wäre der Rückgang noch stärker ausgefallen. Auch die Scor sei nicht mehr bereit, die Rolle zu spielen, die sie früher einmal hatte, klagen Kunden über den zuletzt ergebnisschwachen und sogar defizitären großen französischen Rückversicherer.

Ganz aus der Sachrückversicherung hat sich Axis Capital schon im Sommer zurückgezogen. Konzernchef Albert Benchimol hatte die Entscheidung mit den „signifikanten und zunehmenden Effekten des Klimawandels“ begründet. Sein Unternehmen ziele auf stabilere Ergebnisse und wolle die Volatilität aus den Erträgen rausnehmen. Ein Schlag vor allem auch für deutsche Versicherer, die auf der Suche nach Naturkatastrophen- (Nat-Cat)-Deckungen sind, soll die Aufgabe von Sirius Point sein. Der im Rückversicherer-Paradies Bermuda beheimatete Versicherer und Rückversicherer hatte Anfang November bekannt gegeben, mehrere der weltweiten Büros zu schließen, darunter auch das in Hamburg. Grund sind die hohen Verluste im Nat-Cat-Buch, die den Konzern in die roten Zahlen getrieben haben.

Nach Angaben von Axel Flöring vom Rückversicherungsmakler Guy Carpenter stehen dem Ausfall etablierter Kapazitäten kaum Markteintritte gegenüber. In der Vergangenheit war es in der Regel so, dass in einen sich verhärtenden Markt neue Kapazität floss, da der Markt zum Beispiel für Private Equity interessant wurde. Doch davon ist wenig zu sehen, wohl auch, weil die Zinswende andere Opportunitäten für renditesuchendes Geld geschaffen hat. Große Anteile aus früheren Jahren müssten derzeit sehr kleinteilig ersetzt und auf mehrere Anbieter aufgeteilt werden.

Neue Machtverhältnisse

„Die Anbieter von Kapazität verfügen aktuell über eine starke Position“, sagt Flöring. Sie könnten sowohl bei den Versicherungsbedingungen als auch bei den Preisen ihre Vorstellungen selbstbewusst vertreten. Die Preissprünge sind hoch. Am extremsten ist wohl die Situation in den USA. Dort kosten Naturkatastrophen-Deckungen der Sachrückversicherer laut Analysten von Goldman Sachs teilweise über 50% mehr als zuvor. Dazu kommt, dass sehr wahrscheinliche Schäden kaum mehr versichert werden. Für Ereignisse, die statistisch einmal in fünf Jahren auftreten, finden sich oft keine Deckungen mehr.

Flöring ist der Meinung, dass der gesamte Markt entlang der Wertschöpfungskette zu einem neuen Gleichgewicht finden müsse. „Das betrifft die ganze Linie vom Versicherungsnehmer über den Versicherer, Rückversicherer, Retrozession bis hin zum Staat und möglichen Public Private Partnerships.“ Denn die Risikolandschaft, so ist Flöring überzeugt, habe sich grundlegend und nachhaltig geändert. Zu einer höheren Frequenz von klimabedingten Katastrophen kommen höhere Schadenvolumina.

Wer als potenzieller Gewinner aus der aktuellen Neuordnung hervorgeht, darauf haben Investoren längst gewettet: Der Aktienkurs von Marktführerin Munich Re ist im Herbst nach oben geschossen und hat dem Dax-Konzern ein 20-Jahres-Hoch beschert. Trotz roter Zahlen im dritten Quartal durch „Ian“ rechnen die Münchener im Gesamtjahr mit einer Gewinnsteigerung. 2023 soll es – auch mit Unterstützung durch den neuen IFRS-Standard – weiter steil aufwärts gehen mit dem Konzernergebnis.

„Größe ist per se nicht schlecht, denn damit geht meist eine breite Diversifikation im Portfolio einher“, sagt Flöring. Auch die Serviceleistungen wie Risikoberatung oder Portfoliobewertung, die vor allem die Großen anbieten, sind gefragt.

Bilanzstärke gefragt

Ein weiterer Aspekt ist die Bilanzstärke. Wer Retrozession zwar zur Kapitalallokation nutzt, aber nicht zwingend darauf angewiesen ist, hat derzeit bessere Karten. Denn auch im Retrozessionsmarkt – der Rückversicherung für Rückversicherer – sind die Kapazitäten knapp. Ein kleinerer Rückversicherer drückte es so aus: „Wir könnten enorm wachsen und eine Menge Geschäft schreiben. Aber wir bekommen die Retrozession nicht.“

Und so sehen vor allem die Marktführer in dem herausfordernden Umfeld eine Menge Chancen für sich. Der Underwriting-Chef der Swiss Re, Thierry Léger, hatte auf dem traditionellen Rückversicherer-Branchentreffen im September in Monte Carlo bereits verkündet, dass der Risikoappetit des Konzerns hoch bleibe. „Wir wollen unser Naturkatastrophen-Portfolio ausweiten und diversifizieren.“ Marktteilnehmer bestätigen, dass die Schweizer offensiv im Markt auftreten.

Lange Verhandlungen

Dennoch: Die Erneuerungsrunde zum Jahreswechsel wird sich voraussichtlich bis in den Januar hineinziehen. Es wird noch eine Weile dauern, bis sich der Rückversicherungsmarkt neu sortiert hat. Es sieht jedoch ganz so aus, als würden die finanzstarken Elefanten der Branche als Sieger aus der Neuordnung hervorgehen.

Weltweit größte Rückversicherer
Bruttobeiträge 2021 in Mrd. Dollar
Munich Re46,8
Swiss Re39,2
Hannover Rück31,4
Canada Life Re*23,5
Scor19,9
Berkshire Hathaway19,9
Lloyd’s19,3
China Re17,8
Reinsurance Group of America13,3
Everest Re9,1
*) nur Leben-RückversicherungBörsen-Zeitung
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