Dieter Zimmermann, Kreissparkasse Ahrweiler

„Wir haben ein Auf und Ab erlebt“

Gut ein Jahr nach der Flut im Ahrtal stehen die Kreissparkasse Ahrweiler und ihre Kunden nach Ansicht des Vorstandschefs robust da. Die Stimmung der Bürger verdüstere sich dennoch – ihnen gehe der Wiederaufbau zu schleppend voran.

„Wir haben ein Auf und Ab erlebt“

Von Tobias Fischer, z.Zt. Bad Neuenahr-Ahrweiler

Die Kreissparkasse Ahrweiler hat mehr als ein Jahr, nachdem die verheerende Flut im Ahrtal über ein Drittel ihres Geschäftsgebietes hereinbrach, die schlimmsten Folgen der Katastrophe hinter sich gelassen. Auch wenn es noch Jahre dauern könnte, bis betroffene Mitarbeiter die Tragödie verarbeitet haben und das Institut noch längst nicht allerorten im Normalzustand arbeiten kann, so zeugen die Zahlen für 2021 und ein selbst angestoßener Stresstest von der robusten Verfassung der Sparkasse.

„Wir sind die im Jahr 2021 am stärksten gewachsene Sparkasse Deutschlands“, sagt Vorstandsvorsitzender Dieter Zimmermann, der die Flutkatastrophe, die in der Nacht vom 14. auf den 15. Juli 2021 große Teile des Ahrtals verwüstete, hautnah vom Hauptsitz der Sparkasse in Ahrweiler aus miterleben musste (s. Artikel auf dieser Seite). „Ein zweifelhafter Titel, den wir da errungen haben, aber es ist so.“ Um ein ganzes Fünftel auf 2,7 Mrd. Euro stieg die Bilanzsumme zumindest vorübergehend, weil Spenden, Versicherungsleistungen und Wiederaufbaumittel auf die Konten der Kunden flossen und so die Bilanz aufblähten. Damit liegt das Institut nun nach Größe exakt im Mittelfeld der rund 370 Sparkassen. Der Effekt dürfte nach Einschätzung des Instituts nur vorübergehend anhalten, da Gelder wieder abfließen, um Rechnungen für den Wiederaufbau zu bezahlen.

Verzicht auf Risikovorsorge

Dass der Nettogewinn im vergangenen Jahr gegenüber 2020 auf 0,9 Mill. Euro von 3,2 Mill. abnahm, ist auf höhere Zinsaufwendungen zurückzuführen.  „Bedarf an Kreditrisikovorsorge sehen wir zurzeit keinen“, sagt Zimmermann. „Das ist sicher etwas, das man nicht unbedingt erwarten konnte.“ Eine alles in allem finanziell stabile Situation der Kundschaft führt er auf mehrere Gründe zurück: zuvorderst auf den staatlichen Wiederaufbaufonds, aus dem der Großteil der für Rheinland-Pfalz vorgesehenen rund 15 Mrd. Euro dem Kreis Ahrweiler zugutekomme, auf Spenden und Versicherungsleistungen. Die etablierten An­bieter, darunter auch die sparkasseneigene Provinzial, hätten flexibel und großzügig agiert, befindet Zimmermann. Die Elementarversicherungsquote beziffert er mit durchschnittlich 40% als ausbaufähig, aber höher als befürchtet, wobei die Quote unter Gewerbetreibenden deutlich besser als unter Privatleuten gewesen sei. Zum Vergleich: Laut Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft ist bundesweit im Schnitt die Hälfte der Häuser gegen Naturgefahren wie Starkregen und Hochwasser versichert. Und schließlich, erläutert Zimmermann, hätten die meisten Be­triebe im Kreis in den Jahren vor der Flut Eigenkapital und Liquidität ge­stärkt. Nicht zuletzt helfe auch sein Haus, indem es von der Flut geschädigten Kunden vorübergehend er­laubt, Kreditzahlungen auszusetzen.

Stresstest angestoßen

Nachdem er nach der Flut sogleich mit der Finanzaufsicht BaFin, mit der Deutschen Bundesbank und mit der Sparkassenaufsicht im Austausch ge­standen habe, um sie der Funktionstüchtigkeit der Schlüsselprozesse zu versichern, hat Zimmermann nach ei­genen Angaben noch binnen einer Woche einen sogenannten anlassbezogenen Stresstest initiiert. Dabei seien alle möglichen Risiken, von der Wahrscheinlichkeit von Versicherungsleistungen über die Beständigkeit der Kreditsicherheiten bis hin zur Bonität der gesamten Bank, in verschiedenen Szenarien beleuchtet worden. „Das Ergebnis konnten wir bereits Mitte August, also rund vier Wochen nach der Flut, der Aufsicht vorlegen. Daraus wurde klar, dass der Fortbestand der Kreissparkasse Ahrweiler nicht gefährdet ist. Somit haben sich auch keine Bedenken oder Sonderprüfungen vonseiten der Aufsicht ergeben.“

Um herauszufinden, inwieweit von der Sparkasse beliehene Immobilien in Mitleidenschaft gezogen wurden und welche möglichen Risiken daraus erwachsen, wurden ihm zufolge Mitarbeiter vor Ort geschickt und Geodaten analysiert. Die Er­kenntnis: Naturgemäß seien die Schäden umso größer, je näher die Ge­bäude an der Ahr liegen. Und je näher am Fluss, desto eher handele es sich um ältere Häuser, die in der Regel abbezahlt sind, erklärt Zimmermann. „Wir haben alle erdenklichen Risiken beleuchtet und bewertet und können heute sagen: Es gibt keine Betroffenheit auf unserer Seite, die uns Kopfzerbrechen bereiten muss.“

Dafür bot vielmehr die Europäische Zentralbank (EZB) Anlass. Wegen des starken Einlagenzuflusses hatte die Kreissparkasse auch mehr überschüssige Liquidität bei der Notenbank zu parken. Ende des Jahres standen 1,8 Mrd. Euro an Krediten (plus 8,6 %) insgesamt 2,2 Mrd. Euro Einlagen gegenüber, gut 8% mehr als 2020. Ab einem Freibetrag fielen dafür bekanntlich bis zur Zinsanhebung durch die EZB im vergangenen Monat 0,5% Negativzinsen an.

Strafzinsen für Einlagen, die auf Spenden und Versicherungszahlungen zurückgingen, habe man verständlicherweise nicht an die Kunden weitergeben wollen und sich deshalb an die europäische Notenbank gewendet, um eine einvernehmliche Lösung in der Ausnahmesituation zu finden, erzählt der Sparkassenchef. „Wir haben versucht, bei der EZB eine Ausnahmeregelung zu bekommen, aber die Präsidentin höchstpersönlich hat uns einen Brief geschrieben, dass sich das zweistufige System der Mindestreserve nicht für spezifische Kalibrierungen eignet, um die Auswirkungen von Na­tur­katastrophen in bestimmten Ge­bieten des Euroraums abzumildern.“ Deshalb könne sie leider nicht helfen, resümierte Christine Lagarde. „Wir waren, auch wenn mit einer solchen Antwort zu rechnen war, enttäuscht“, sagt Zimmermann. Insgesamt sei von der Kreissparkasse im vergangenen Jahr ein „namhafter“ sechsstelliger Betrag an Strafzinsen berappt worden. Das Thema hat sich mit dem Ende der Negativzinspolitik aber mittlerweile erledigt.

Inflation schlaucht Kunden

Unmittelbar mit der Flut zusammenhängende Fragen zu Versicherungen oder Krediten seien mittlerweile in den Hintergrund getreten, beobachtet Zimmermann. „Aktuell treiben die Menschen die extrem gestiegenen Lebenshaltungskosten und die inflationären Entwicklungen bei den Baupreisen um.“ Abgesehen von der Verfügbarkeit von Handwerkern seien dies mit die größten Sorgen. Zwar werde weiterhin kräftig in Gebäudeertüchtigung und regenerative Maßnahmen investiert, doch warteten viele Menschen erst einmal ab. Diese Haltung hat Zimmermann zufolge weniger mit der Flut zu tun als mit Ukraine-Krieg und Inflationsschüben sowie den damit verbundenen Unsicherheiten. Auch steigende Zinsen spielten eine Rolle. „Die Zinswende bedeutet für normale Häuslebauer, dass die Finanzierung 300, 400 Euro im Monat teurer wird. Das kann im einen oder anderen Fall darüber entscheiden, ob sie sich das noch leisten können.“

Von Bürgern und Medien erhobene Vorwürfe, die Bürokratie arbeite zu schwerfällig und mit dem Wiederaufbau gehe es zu langsam voran, will er so nicht stehen lassen. Angesichts der beispiellosen Dimension der Katastrophe, auf die niemand hätte vorbereitet sein können, plädiert er dafür, mildernde Umstände walten zu lassen. Dass in den ersten Tagen nach der Flut viele Menschen mit dem Notwendigsten versorgt wurden und überlebten, ist ihm zu­folge allerdings vielerorts insbesondere den Akteuren vor Ort, den Bürgermeistern, Ortsvorstehern und Ver­einsmitgliedern, zu verdanken, da es einer gewissen Zeit bedurft habe, bis staatliche Strukturen einsatzbereit waren. Doch die Gründe, warum es an der einen oder anderen Stelle nicht vorangehe, beschreibt er als vielschichtig. Auch Förderinstitute hätten mit einer solchen Situation erst einmal umzugehen lernen müssen. Knappe Ressourcen, bei Gutachtern wie Handwerkern etwa und Unklarheit, wie es mit der eigenen Immobilie und mit Infrastruktur wie Brücken und Straßen weitergeht, täten ein Übriges. Hier spielten hochwasserrechtliche Fragen eine Rolle, die noch nicht final geklärt seien. Zimmermann plädiert deshalb für Geduld. „Was die Bevölkerung braucht, ist ein Orientierungsrahmen, eine Art Masterplan.“ So sollte ihm zufolge festgelegt werden, bis wann ungefähr mit Lösungen für drängende Themen zu rechnen ist und wer sich darum kümmert. „Auch wenn die Zeiträume nicht immer er­freulich sein mögen, so gibt es zumindest eine gewisse Orientierung.“

Stimmung im Kreis kippt

Die Stimmung ist seines Erachtens zuletzt zum Negativen hin gekippt. „Wir haben ein Auf und Ab erlebt: Auf Schockstarre folgte eine Anpackphase, auch wegen der riesigen Solidarität. Zigtausende von Helfern waren hier und haben die Menschen mitgerissen. Dann kam ein langer, düsterer Winter, der an den Nerven gezehrt hat. Im Frühjahr kam wieder Aufbruchstimmung auf. Aber jetzt erleben wir wieder kritische Töne, weil es gefühlt für die Gewerbetreibenden und Hausbauer nicht schnell genug weitergeht.“ Als essenziell bezeichnet er die Rückkehr der Touristen. Daran und am Einzelhandel hänge einiges. Zwar finde schon eine Reihe von Veranstaltungen statt, die ersten Häuser öffneten und Besucher kämen wieder, doch müsse mehr passieren. „Auch wenn sich vieles tut, herrscht in der Bevölkerung Unsicherheit. Im Moment ist deshalb eine kritische Phase.“

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