Minenbetreiberaktien

Bergbau­titeln geht die Puste aus

Nach Kursgewinnen in den ersten Monaten stehen Bergbauaktien seit dem Frühjahr unter Druck. Unter anderem setzen ihnen gesunkene Industriemetallpreise, steigende Kosten und Rezessionsbefürchtungen zu.

Bergbau­titeln geht die Puste aus

Von Christopher Kalbhenn,

Frankfurt

Rohstoffe waren in den ersten Monaten eines der wenigen Marktsegmente, in denen Anleger nicht nur Verluste vermeiden, sondern zum Teil sogar deutliche Gewinne erzielen konnten. An den Aktienmärkten galt dies auch für Rohstofftitel. Der Stoxx-Sektorindex Basic Resources, der Bergbau- sowie auch Stahltitel enthält, legte um bis zu 26,2% zu, der Index der Öl- und Gasförderer um bis zu 30,6%.

Mittlerweile haben sich die Wege der beiden Segmente getrennt. Während der Index der Öl- und Gasförderer dank der sehr hohen Energiepreise im Vergleich zu Ende 2021 mit 16% im Plus liegt, ist den Bergbautiteln seit dem Frühjahr die Puste ausgegangen. Der Basic Resources hat seit seinem Hoch von 758 Zählern 23% verloren und weist nun für dieses Jahr ein Minus von 2,8% auf.

Ursache des Rückschlags ist ein deutlich eingetrübtes makroökonomisches Umfeld, das den Industriemetallpreisen zusetzt. Deutlich zutage trat dies in der zurückliegenden Woche, als der britisch-australische Bergbaukonzern Rio Tinto für das erste Halbjahr einen im Vorjahresvergleich um nahezu 30% gesunkenen Gewinn von 8,6 Mrd. Dollar vorlegte. Zudem schockte das Unternehmen die zuvor von hohen Ausschüttungen der Bergbaubranche verwöhnten Anleger mit einer Ausschüttung für das Halbjahr von insgesamt 4,3 Mrd. Dollar, was in Vergleich zu 2021 mehr als eine Halbierung bedeutete. Die Aktie, die in diesem Jahr Höhen um 6200 Pence erreichte, liegt bei nur noch 4865 Pence.

Geldpolitik belastet

Die Deutsche Bank glaubt, dass die Dividendenkürzung unter anderem mit einem konservativen makroökonomischen Ausblick zu erklären ist. Ähnlich beurteilt der Markt die Aussichten. Sich stetig verstärkende Abschwungsbefürchtungen drücken seit dem Frühjahr auf die Aktien des Sektors. Die Anleger treibt die Sorge um, dass die unter Druck stehenden Zentralbanken zur Bekämpfung der grassierenden Inflation so stark mit Leitzinserhöhungen gegensteuern werden, dass die Weltwirtschaft in die Rezession gestoßen werden könnte. Die USA befinden sich mittlerweile nach zwei Quartalen in Folge mit rückläufiger Wirtschaftsleistung definitionsgemäß in der Rezession, auch wenn Washington eine Rezession negiert.

Sorgen bereitet auch die Möglichkeit, dass die Drosselung der Gaszufuhren Russlands Europa in eine schwere Wirtschaftskrise stürzt, mit ebenfalls negativen Folgen für die Metallnachfrage. Vor allem aber richten sich die Befürchtungen auf China, das die globale Nachfrage dominiert und dessen Wachstum unter anderem wegen Corona-Lockdowns und der Krise des gerade auch für die Metallnachfrage wichtigen Immobiliensektors schwächelt.

Die hohe Inflation belastet die Branche nicht nur über ihre geldpolitischen und konjunkturellen Implikationen. Laut der Berenberg Bank birgt sie neben anziehenden Kosten und Margendruck die Gefahr stark steigender Lohnforderungen, vor allem in den Schwellenländern. Der starke Anstieg der Energie- und Weizenpreise werde sich in Ländern mit niedrigen Einkommen am stärksten bemerkbar machen, insbesondere in denjenigen, die immer noch von der Pandemie beeinträchtigt werden. Diese Inflation werde sich durch eine Erhöhung der Preise für Grundnahrungsmittel, darunter Ölsaaten, Mais und Weizen, bei denen die Ukraine ein bedeutender Exporteur sei, verschlimmern. Das werde für eine verstärkte Unruhe in der Branche sorgen, wenn Angestellte auf Lohnerhöhungen zum Inflationsausgleich dringen, und in verwundbareren Ländern möglicherweise zu größeren sozialen Unruhen führen.

Angesichts dieser Gemengelage hat die Berenberg Bank, die in einer Branchenstudie von einem grausamen Sommer für Minenbetreiber spricht, Rio Tinto bereits vor der Zahlenvorlage mit einem von 6500 auf 4200 reduzierten Kursziel von „Hold“ auf „Sell“ zurückgestuft. Favorit der Bank unter den diversifizierten Bergbaubetreibern ist Anglo American, für die das Institut kürzlich sein Kursziel mit beibehaltener Kaufempfehlung von 4000 auf 3200 (aktueller Kurs: 2985 Pence) gesenkt hat. Allerdings hat auch dieser britische Konzern im ersten Halbjahr Federn lassen müssen. Aufgrund steigender Kosten, gesunkener Nachfrage unter anderem nach Eisenerz und Kupfer sowie sinkender Metallpreise sind der Erlös und der Gewinn im Vorjahresvergleich um 17% auf 18,1 Mrd. Dollar und um 29% auf 3,7 Mrd. Dollar gesunken. Die Ausschüttung für das Halbjahr wurde auf 1,5 Mrd. nach im Vorjahr 4,1 Mrd. Dollar reduziert. BHP wird mit einem Kursziel von 2100 (derzeit 2209 Pence) mit „Hold“ eingestuft. Hier erwartet die Bank für das erste Halbjahr einen Erlös vom 65,7 Mrd. nach im Vorjahr 66,7 Mrd. Dollar und ein Ebitda (Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen) von 40,3 Mrd. nach 41,8 Mrd. Dollar.

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