Luftfahrt

Boeing weist erhebliche Risiken auf

Die Ereignisse der Jahre 2019 und 2020 waren für den amerikanischen Flugzeughersteller und Rüstungskonzern Boeing ein Alptraum. Das Desaster um das Volumenmodell Boeing 737 Max und dann noch der massive Einbruch des weltweiten Flugverkehrs durch die...

Boeing weist erhebliche Risiken auf

Von Dieter Kuckelkorn, Frankfurt

Die Ereignisse der Jahre 2019 und 2020 waren für den amerikanischen Flugzeughersteller und Rüstungskonzern Boeing ein Alptraum. Das Desaster um das Volumenmodell Boeing 737 Max und dann noch der massive Einbruch des weltweiten Flugverkehrs durch die Coronakrise stellten nach Ansicht viele Beobachter sogar die Überlebensfähigkeit des Konzerns in Frage – zumindest, wenn man die notfalls zu erwartenden staatlichen Hilfen für den für die US-Regierung extrem wichtigen Rüstungskonzern einmal ausklammert. Mittlerweile hat sich das Blatt bei Boeing aber zumindest teilweise gewendet. Die Aktie hat im bisherigen Jahresverlauf bereits 13% hinzugewonnen, auf Sicht von einem Jahr sogar 26%. Damit schneidet sie in etwa so gut ab wie der amerikanische Benchmark-Index S&P500, der 2021 bislang 12,5% zulegte und binnen zwölf Monaten knapp 36%.

Man kann auch nicht davon sprechen, dass die Analysten Boeing abgeschrieben hätten. Im Gegenteil: Es gibt immerhin zwölf Kaufempfehlungen und zwei Einstufungen mit „Overweight“, bei zehn Anlageurteilen „Hold“ und lediglich drei Verkaufsempfehlungen. Das durchschnittliche Kurspotenzial, das die Analysten der Aktie voraussagen, ist allerdings begrenzt. Das aggregierte Kursziel der Analystengemeinde für die kommenden zwölf Monate liegt bei 265,43 Dollar, was bezogen auf den aktuellen Kurs einem Anstieg von lediglich knapp 8% entspricht.

Halbwegs überstanden ist inzwischen das Desaster mit dem vom Anteil an den Gesamtauslieferungen her essenziell wichtigen Modell 737 Max. Praktisch alle Luftaufsichtsbehörden der Welt hatten 2019 nach zwei verheerenden Abstürzen ein Flugverbot verhängt. Am 18. November 2020 teilte die US-Behörde Federal Aviation Administration (FAA) mit, dass das Flugzeugmodell wieder fliegen darf. Ende Januar dieses Jahres erteilten dann Transport Canada und die European Union Aviation Safety Agency (EASA) im Gefolge der Führungsmacht ebenfalls wieder die Flugerlaubnis.

Warten auf die Chinesen

Es bleibt allerdings noch China, deren Luftaufsichtsbehörde Unabhängigkeit demonstriert. Wie die Nachrichtenagentur Bloomberg aktuell meldet, übt die Biden-Administration derzeit erheblichen Druck auf die chinesische Staatsführung aus, die 737 Max wieder zuzulassen. „Wir arbeiten mit Nachdruck daran“, sagte die amerikanische Handelsministerin Gina Raimondo kürzlich. Allerdings hat die neue US-Regierung bislang noch nicht einmal die Handelsgespräche mit China offiziell wiederaufgenommen. Auf dem Markt für die Boeing 737 ist China das mit Abstand wichtigste Abnehmerland. Es ist denkbar, dass Peking die Frage der Wiederzulassung der 737 Max als Faustpfand gegen die immer weiter um sich greifenden amerikanischen Sanktionen einsetzt. Außerdem hat China ein Interesse daran, die eigene Flugzeugindustrie voranzubringen – gerade in diesem wichtigen Marktsegment. Konkurrenten gibt es mehr als genug: Neben der enorm erfolgreichen Familie der A320 neo von Airbus drängt auch Russland mit der Irkut MC-21, die jüngst neue Triebwerke erhalten hat, in den Weltmarkt. Vor zehn Jahren hatte Boeing in dem Marktsegment einen Anteil von 50%, derzeit sind es gerade noch 35%. Im April gab es schon wieder Probleme mit der Elektrik des Flugzeugmodells, die die FAA wieder auf den Plan riefen.

Noch immer ist nicht klar, wann die 737 Max, die auch nur die Weiterentwicklung eines sehr alten Modells ist, durch eine komplette Neukonstruktion ersetzt werden kann. Die Entwicklung eines neuen Modells verschlingt etwa 15 Mrd. Dollar. Dies ist für Boeing ein großer Brocken angesichts der auf 63,6 Mrd. Dollar gestiegenen Verschuldung und rund 20 Mrd. Dollar Cash, die in der Krise verbrannt wurden. J.P. Morgan rechnet für 2021 mit weiteren Cash-Abflüssen von 4 Mrd. Dollar.

Anhaltende Probleme gibt es aber nicht nur bei der 737 Max. Vor zwei Jahren baute Boeing noch pro Monat 14 Flugzeuge des Modells 787 Dreamliner, was einen Rekord für ein Wide-body-Modell darstellte. Die Coronakrise sorgte dann dafür, dass nur noch fünf Flugzeuge pro Monat gefertigt wurden. Nun hat Boeing-CEO Dave Calhoun auf einer Pressekonferenz davon gesprochen, dass Boeing wieder zu den Produktionszahlen für das Modell von vor der Krise zurückkehren könnte. Eine Rückkehr zu 14 Flugzeugen pro Monat wäre auch eine deutliche Expansion gegenüber dem langjährigen Durchschnitt der Auslieferungen – und das zu einer Zeit, in der aus Umweltschutzgründen der Gegenwind für den Langstreckenflugverkehr erheblich zugenommen hat.

In den ersten fünf Monaten des Jahres har Boeing immerhin 111 Flugzeuge ausgeliefert. Im Mai gingen zehn 737 Max an die Kunden sowie zwei Flugzeuge des Typs 787. Ausgeliefert wurden im vergangenen Monat zudem eine 747-8, zwei 767 und eine 777. Vergleiche zu den Vorjahren sagen nicht viel aus, da es sich um ein ganz anderes Umfeld gehandelt hat. Brutto gab es im Mai 73 Neubestellungen, netto – das heißt unter Verrechnung mit Abbestellungen – waren es immerhin 20 Neuaufträge. In den ersten fünf Monaten gab es netto immerhin schon wieder 177 Neubestellungen. Damit läuft das Geschäft wieder, wenn auch noch längst nicht so schnell wie vor der Krise. Der Auftragsbestand beträgt per Ende Mai 4121 Flugzeuge.

Für das erste Quartal hat Boeing den sechsten Verlust in Folge gemeldet, und zwar von 1,53 Dollar je Aktie auf adjustierter Basis, gegenüber –1,70 Dollar vor einem Jahr. Immerhin war der Umsatz mit 15,2 Mrd Dollar etwas höher als von den Analysten mit 15 Mrd. Dollar erwartet. Bei den Verkehrsflugzeugen gaben die Erlöse um 31% auf 4,3 Mrd Dollar nach. Gegenüber dem volatilen Zivilflugzeuggeschäft ist das Rüstungsgeschäft von Boeing sehr stabil, da es auf langfristigen Aufträgen beruht. Für das laufende Jahr wird der Wendepunkt, also die Rückkehr in die Gewinnzone, erwartet.

Trotz der positiven Einschätzung durch das Management und die Analysten sollten sich Anleger darüber klar sein, dass es für Boeing erhebliche Risiken gibt. Diese bestehen nicht nur in dem globalen Kampf Amerikas gegen China, sondern auch darin, dass Boeing, wie die jüngsten Ereignisse rund um die 737 gezeigt haben, die eigene Technik immer noch nicht wieder im Griff hat.