Krypto-Plattform

Coinbase-Hype droht als Stroh­feuer zu enden

Das Direktlisting der Kryptowährungshandelsplattform Coinbase ist ein Ereignis der Superlative gewesen. Nach Einschätzung vieler Marktbeobachter hat das den Preis der Kryptowährung Bitcoin auf ein Rekordhoch von mehr als 64000 Dollar gehoben.

Coinbase-Hype droht als Stroh­feuer zu enden

Von Dieter Kuckelkorn, Frankfurt

Das Direktlisting der Kryptowährungshandelsplattform Coinbase Mitte des Monats ist ein Ereignis der Superlative gewesen. Nach Einschätzung vieler Marktbeobachter war es dieser Börsengang, der den Preis der Kryptowährung Bitcoin auf ein Rekordhoch von mehr als 64000 Dollar hob. Und das Unternehmen, das 2020 auf Umsätze von lediglich 1,3 Mrd. Dollar kam und einen Gewinn von 108 Mill. Dollar zeigte, ist derzeit an der Börse mehr als 60 Mrd. Dollar wert. Damit ist Coinbase fast so schwer wie der größte US-Börsenbetreiber Intercontinental Exchange, der aktuell eine Marktkapitalisierung von 68,2 Mrd. Dollar erreicht. Weit hinter sich gelassen hat Coinbase die Nasdaq, an der die Kryptobörse selbst notiert ist. Die Nasdaq kommt auf eine Marktkapitalisierung von 26,5 Mrd. Dollar.

Zugleich ist Coinbase sehr hoch bewertet: Das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) beträgt auf Basis der Ergebnisse der zurückliegenden zwölf Monate schwindelerregende 205. Nimmt man die Erwartungen der Analysten für die kommenden zwölf Monate zum Maßstab, beträgt das KGV immerhin noch rund 58. Anleger, die über die Börse zukauften, haben allerdings bislang wenig Freude an der Aktie. Aktuell notiert sie auf weniger als 300 Dollar, gegenüber dem Schlusskurs des ersten Handelstags ist dies ein Rückgang von fast 10%. Aber auch bei Bitcoin hat sich seit dem Börsengang so etwas wie eine Normalisierung zugetragen – wenn man bei einem derart volatilen Asset überhaupt von Normalisierung sprechen kann. Mit aktuell 54400 Dollar notiert die Kryptowährung deutlich unter dem kurz vor dem Coinbase-Börsengang erreichten Allzeithoch von 64829 Dollar.

Analysten sind gleichwohl angetan von der Coinbase-Aktie. Von acht Instituten, die den Titel auf ihrem Radarschirm haben, raten laut Bloomberg sechs zum Kauf. Zwei vergeben als Anlageurteil „Hold“. Verkaufsempfehlungen gibt es gar keine.

Bitcoin und auch Coinbase reflektieren damit die Lage an den Finanzmärkten, die wegen der enormen Liquiditätszuflüsse durch die großen Notenbanken so stark aufgepumpt sind wie noch niemals in der Geschichte. In der gegenwärtigen Situation kann es wegen des Anlagenotstands der Investoren bei jedem Asset kurzfristig zu einer enormen Hausse kommen – selbst bei der Aktie des ums Überleben kämpfenden Computerspielehändlers Gamestop war dies bekanntlich kürzlich der Fall.

Wenn es nach der Konsensschätzung der Analysten geht, hat Coinbase aber eine große Zukunft vor sich. Das durchschnittliche Kursziel liegt bei 448,63 Dollar, gegenüber dem aktuellen Kurs wäre das ein Anstieg von knapp 50%. Dabei sind sich die Analysten bemerkenswert uneinig hinsichtlich der Ergebnisse, die das Unternehmen erreichen soll. Die Bandbreite der Analysten für den Gewinn je Aktie des Jahres 2021 reicht von 2,71 Dollar bis 11,22 Dollar. Zum Vergleich: Im abgelaufenen Turnus kam Coinbase auf einen Gewinn von 0,54 Dollar, 2019 stand noch ein Verlust von 0,15 Dollar zu Buche. Das bereits vor rund zehn Jahren gegründete Unternehmen hat damit gerade die Gewinnschwelle erreicht. Immerhin erreichte Coinbase im vergangenen Quartal bereits einen Gewinn je Aktie von 3,01 Dollar. Im ersten Quartal hat sich der Umsatz gegenüber dem gleichen Vorjahreszeitraum auf rund 1,8 Mrd. Dollar verneunfacht. Coinbase profitiert damit ohne Zweifel von dem Hype rund um den Börsengang und der Preisrally bei Bitcoin, in deren Folge die Handelsumsätze und somit auch die Gebühreneinnahmen kräftig anzogen. Inzwischen hat die Plattform 56 Millionen Kunden. Gegründet wurde sie 2012 von dem früheren Programmierer Brian Armstrong (38), der aktuell auch CEO ist und Fred Ehrsam, einem ehemaligen Devisenhändler von Goldman Sachs. Durch den Börsengang, bei dem nur die Altaktionäre Kasse machten, das Unternehmen jedoch keine Mittel erhielt, ist Armstrongs persönliches Vermögen gemäß externer Schätzungen inzwischen auf 6,5 Mrd. Dollar angewachsen.

Sehr positiv zu der Aktie äußert sich die Investmentbank BTIG. Sie rät zum Kauf, bei einem Kursziel von 500 Dollar. CEO Armstrong weise darauf hin, dass in den nächsten fünf bis zehn Jahren 50% oder mehr der Erlöse außerhalb des Handels erzielt werden können. Dieser Bereich sowie der Kryptowährungshandel für institutionelle Investoren biete Chancen, die anderen Investoren noch nicht bewusst seien, wie man in Gesprächen herausgefunden habe. Diese Investoren befürchteten, dass das Privatkundengeschäft aufgrund des zunehmenden Wettbewerbs Einbußen erfahren könne. Mit Blick auf die institutionelle Kundschaft macht man sich bei BTIG keine Sorgen. Große Hoffnung setzt das Wertpapierhaus auch in die im Januar erfolgte Übernahme von Bison Trails, einem Anbieter von Blockchain-Infrastruktur für Finanzinstitutionen, durch Coinbase.

Die Analysten von Mizuho Securities halten hingegen nur ein Kursziel von 285 Dollar für realistisch, sie stufen daher die Aktie mit „Neutral“ ein. Sie verweisen darauf, dass mehr als 80% der Einnahmen des Unternehmens von Transaktionsgebühren im Retailgeschäft abhängig seien, wobei sich die Nutzer hinsichtlich der Gebühren hochsensibel zeigten. Im Zeitverlauf könne es Abwärtsdruck durch konkurrierende Handelsplattformen geben, wobei die Analysten auf den Trend zum kommissionsfreien Aktienhandel verweisen. Coinbase habe zwar aufgrund des hervorragenden Kundenservice umfangreiche Marktanteile hinzugewonnen. Ein Risiko bestehe aber auch darin, dass bei den Nutzern eine Überschneidung von rund 40% zu Paypal und der Cash App von Square bestehe, über deren Plattformen Bitcoin ebenfalls handelbar sei. Das Risiko, dass der Bitcoin-Handel bald kostenfrei werde, sei groß.

Sollte es so kommen, könnten sich die Aussichten für Plattformen, die auf Handelsgebühren angewiesen sind, rasch verschlechtern. Der Hype um Coinbase könnte sich dann schnell als ein Strohfeuer erweisen – insbesondere dann, wenn das institutionelle Geschäft nicht das bringt, was es verspricht.

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