Silke Weiss

„ESG entwickelt sich zu einem etablierten, reifen Markt“

Der Europäische Stabilitätsmechanismus (ESM) hat das Thema Green und Sustainable Finance klar im Blick. Für Silke Weiss, Head of Funding, entwickelt sich ESG zu einem etablierten und reifen Markt.

„ESG entwickelt sich zu einem etablierten, reifen Markt“

Kai Johannsen.

Frau Weiss, wir befinden uns nun im dritten Jahr in der Covid-19-Pandemie. Was sind die bisherigen Lehren aus dieser Krise für den ESM?

Als Institution ist die größte Erkenntnis, dass wir trotz der schwierigen Umstände in der Lage waren, unser Mandat weiterhin zu erfüllen und uns auf zusätzliche Verantwortlichkeiten vorzubereiten, wenn der ESM-Vertrag reformiert ist. Seit dem Beginn der Pandemie waren auch wir gezwungen, einige Abläufe und Aufgaben aus dem Homeoffice heraus zu erledigen. Das hat sehr gut geklappt und ist mittlerweile Routine. Wir haben unsere Rolle als Finanzierungsinstitution und als Investor konsequent aufrechterhalten und auch weiterhin dafür gesorgt, dass Umwelt, Soziales und Governance gewahrt werden. ESG-Überlegungen werden zunehmend berücksichtigt in allen unseren Aktivitäten. Wir haben die Pandemie-Krisenunterstützung geschaffen, eine besondere Kreditlinie, die darauf zielt, die Auswirkungen der Pandemie abzumildern, indem die Gesundheitskosten der Mitgliedstaaten des Euroraums finanziert werden. Der vorsorgliche Charakter dieser Kreditlinie hat sich als sehr effektiv erwiesen, um die Märkte zu beruhigen. Diese neue Kreditmöglichkeit steht unseren Mitgliedstaaten noch bis Ende Dezember 2022 zur Verfügung.

Im Juni 2020 hat der ESM ein Rahmenwerk für Social Bonds implementiert. Der ESM hat also den Status eines Social-Bond-Emittenten. Wie war die bisherige Resonanz der Investoren, und wie ist der aktuelle Stand?

Für den Fall, dass wir Mittel aufbringen müssen, um die Länder der Eurozone bei ihrer Refinanzierung der Gesundheitskosten zu unterstützen, haben wir dieses Rahmenwerk für Social Bonds eingerichtet. Es wurde geschaffen, um die Kreditlinie Pandemic Crisis Support zu finanzieren. Die Implementierung des Social Bond Framework ermöglicht uns ein tieferes Verständnis der Anlegerbedürfnisse in Bezug auf den ESG-Markt, das heißt etwa Kredite, Produkte, Regulierung et cetera. In diesem Sinne entwickeln wir unser allgemeines ESG-Rahmenwerk weiter, um die Wahrnehmung der Anleger des ESM als ESG-Institution zu verbessern. Bemerkenswert ist auch, dass wir unsere ESG-Investitionen seit 2018 verzehnfacht haben.

Und was sind Ihre Pläne für die Emission von Social Bonds in diesem Jahr?

Da die Begebung eines Social Bond an die Anfrage nach der Pandemie-Krisenunterstützung gekoppelt ist, ist eine Aussage über unsere zukünftige Begebung von Social Bonds schwierig. Wenn eine Anfrage zur Nutzung der PCS-Kreditlinie ausgelöst wird, sind wir bereit, unser Social Bond Framework zu aktivieren.

Glauben Sie, dass Green und Sustainable Finance in diesem Jahr durch die Covid-19-Pandemie einen weiteren Schub bekommen wird?

Der Green- und Social-Finance-Markt ist in den vergangenen Jahren sehr stark gewachsen. Ich glaube, dass sich dieser Trend fortsetzen wird und dass sich ESG zu einem etablierten, reifen Markt weiterentwickeln wird. In Bezug auf Regeln, Definitionen und Harmonisierung steht noch viel Arbeit an, so dass sich das Angebot an ESG-Anleihen weiterhin an das sich entwickelnde Umfeld anpassen wird, um den steigenden Appetit der Anleger zu be­friedigen. Darüber hinaus wird die Europäische Kommission weiterhin Mittel im Rahmen ihrer Umwelt- und Sozialprogramme aufnehmen, was diesen Trend weiter unterstützen wird.

Werfen wir einen Blick auf die Funding-Aussichten für dieses Jahr. Wie hoch wird das Refinanzierungsvolumen für ESM und EFSF 2022 sein, und wo stehen Sie aktuell mit Ihrem Funding-Fortschritt – insgesamt und getrennt für die beiden Institutionen?

Das kombinierte Funding-Programm für 2022 beläuft sich auf 27,5 Mrd. Euro, davon 19,5 Mrd. Euro für die EFSF und 8 Mrd. Euro für den ESM. Trotz der volatileren Marktbedingungen hatten wir einen sehr erfolgreichen Start in das Jahr 2022. Nach einigen Monaten der Abwesenheit vom Markt startete die EFSF ihr Emissionsprogramm dieses Jahr mit einer sehr erfolgreichen Doppeltranche in Höhe von 5,5 Mrd. Euro – 3 Mrd. Euro mit einer Laufzeit von acht Jahren und 2,5 Mrd. Euro mit einer Laufzeit von 31 Jahren –, die Orders für insgesamt 30 Mrd. Euro generierte. Darüber hinaus wird die ESM-Finanzierungsstrategie durch kurzfristige Geldmarktpapiere – so­genannte Bills – ergänzt. Diese Papiere haben sich als sehr wirksames Ins­trument erwiesen, um die von uns benötigte Liquidität und Flexibilität zu erreichen und die Kreditkosten für die Mitgliedstaaten niedrig zu halten. Tatsächlich war der ESM viele Jahre lang der einzige nichtstaatliche Emittent, der Gelder mittels Bills aufnahm. In jüngerer Zeit wurde auch ein Programm für die Emission von Geldmarktpapieren von der EU aufgelegt.

Wie sieht das im Vergleich zu 2021 aus? Was ist das tatsächlich ausstehende Volumen und die Anzahl der Anleihen sowohl vom ESM als auch von der EFSF?

Das Funding-Programm für dieses Jahr wird dem des Vorjahres sehr ähnlich sein – nur 3 Mrd. Euro mehr müssen für die EFSF aufgebracht werden. Die Volumina sind in den vorigen Jahren recht stabil geblieben. Das tatsächlich ausstehende Volumen für die EFSF beträgt 196,8 Mrd. Euro verteilt auf 49 Anleihen und 111,7 Mrd. Euro für den ESM mit 26 Anleihen. Das Gesamtemissionsvolumen erzählt aber nur einen Teil unserer Geschichte. Die Institution hat sich im Laufe der Zeit im Zusammenhang mit den Änderungen in unserem Mandat verändert und weiterentwickelt. In Zeiten großer Emissionsvolumina erforderte unsere Funding-Strategie ein hohes Maß an Transparenz. Daher haben wir einen Kalender mit detaillierten Planungen eingeführt und die Wochen, in denen Anleihetransaktionen anstehen, angekündigt. Wir haben unseren vierteljährlichen Finanzierungsbedarf bekannt gegeben und eine sehr offene Kommunikation mit unseren Investoren ge­führt. Dies war nötig und wirkte beruhigend in schwierigen Zeiten in Europa während der Staatsschuldenkrise.

Gibt es weitere Punkte?

Durch die Einführung eines neuen ESM-Mandats und den derzeit niedrigeren Finanzierungsbedarf erfordert die Finanzierungsstrategie mehr Flexibilität. Unsere kontinuierliche Marktpräsenz bleibt bestehen und ist wichtig, insbesondere da der ESM nach dem reformierten ESM-Vertrag zum Backstop-Mechanismus für den Single Resolution Fund – kurz SRF – werden wird. Daher haben wir unsere Finanzierungsstrategie weiterentwickelt und beschlossen, die Veröffentlichung von Emissionsfenstern ab 2022 einzustellen – eine Entscheidung, die getroffen wurde, um dem Bedarf an größerer Flexibilität für eine eventuelle Krisenfinanzierung gerecht zu werden. Der ESM braucht die Fähigkeit, schnell zu sein, falls er sein Finanzierungsprogramm im Falle einer Backstop-Anfrage anpassen muss.

Voriges Jahr wurde Ihre Finanzierung für die beiden Einheiten ESM/EFSF bereits Ende September komplett abgeschlossen. Das war also sehr früh und, denke ich, ein Meilenstein in der Finanzierungsstrategie von ESM/EFSF. Was war der Grund für diesen vorzeitigen Abschluss? Glauben Sie, dass Sie Ihr Funding 2022 früher abschließen werden als im Vorjahr?

Im Fall der EFSF haben wir die Finanzierung für 2021 ja sogar noch früher abgeschlossen, schon im Juli. Aber das war nichts Einzigartiges für die Institution. Vergangenes Jahr sahen wir einen allgemein positiven Ton an den Märkten mit guter Investorennachfrage, was viele Emittenten im Sektor der supranationalen und halbstaatlichen Stellen sowie der Gebietskörperschaften – der sogenannte SSA-Bereich – dazu veranlasste, die Vorteile zu nutzen und ihre Finanzierungsprogramme früher in das Jahr vorzuziehen. Darüber hinaus stützte das allgemeine Vertrauen in Europa nach der Reaktion in der Pandemiepolitik das Umfeld am Kapitalmarkt. Wir konnten deshalb unser jährliches Fin­anzierungsziel für den ESM im September erfolgreich abschließen. Für das laufende Jahr konnten wir bereits erfolgreich und kostengünstig für die EFSF Darlehensnehmer refinanzieren. Weitere Refinanzierungsaktivitäten hängen von einer Reihe von Faktoren ab, die der ESM nicht beeinflussen kann, wie die allgemeinen Marktbedingungen, das Interesse der Anleger und das An­gebot an Anleihen anderer Emit­tenten.

Wo stehen Sie aktuell mit dem Aufbau Ihrer Zinskurve im US-Dollar? Was ist für 2022 geplant, gibt es Sonderwünsche – zum Beispiel bestimmte Laufzeiten – von Investorenseite?

Unser Dollar-Programm startete 2017, und seitdem haben wir jedes Jahr eine auf Dollar denominierte ESM-Anleihe emittiert. Diese Anleihen werden ausschließlich vom ESM begeben, nicht von der EFSF. Bis 2021 haben wir fünf Benchmarks im kurzen bis mittleren Laufzeitenbereich, das heißt mit zwei und fünf Jahren Fälligkeit begeben. Das derzeit ausstehende Volumen liegt bei 10 Mrd. Dollar. Der ESM trägt kein Währungsrisiko, da alle Erlöse in Euro geswappt werden. Die Strategie besteht weiterhin darin, dass der ESM in diesem Markt mindestens mit einer Anleiheemission pro Jahr präsent ist. Der Dollar-Markt bleibt für uns ein wichtiges Segment.

Wie ist der aktuelle Stand des Programms der Namensschuldverschreibungen? Welche Pläne haben Sie in diesem Anleihesegment für 2022 zum Beispiel hinsichtlich des Volumens?

Es ist extrem wichtig für den ESM, eine Vielzahl an Refinanzierungsinstrumenten zur Verfügung zu haben, um im Falle eines erhöhten Refinanzierungsbedarfs unterschiedliche Produkte nutzen zu können. Namensschuldverschreibungen, bei uns als N-Bonds benutzt, können für die EFSF und den ESM begeben werden. Beide Emittenten haben weiterhin diese Möglichkeit, jedes Jahr ein kleines Volumen an privat platzierten N-Bonds zu emittieren. Wir reagieren mit Emissionen von solchen Anleihen bei entsprechenden Anfragen seitens der Investoren. Interesse an solchen Papieren können Anleger jederzeit über eine Mitgliedsbank unserer Marktgruppe an uns richten.

Erkunden Sie 2022 Opportunitäten für neue Schuldinstrumente oder Währungen?

Ein wesentlicher Bestandteil der bevorstehenden Reform des ESM-Vertrags besteht darin, dass wir den Backstop für den SRF bereitstellen werden. Der SRF wird vom Single Resolution Board betrieben, das von der Europäischen Union als integraler Bestandteil der Bankenunion eingerichtet wurde. Der SRF finanziert sich aus Beiträgen des Bankensektors, nicht aus Steuergeldern. Für den Fall, dass die Mittel des SRF erschöpft sind, könnte der ESM als Auffangstation fungieren und dem SRF die erforderlichen Mittel zur Finanzierung einer Abwicklung leihen. Für diesen Fall werden wir unsere bestehenden Refinanzierungsins­trumente verwenden.

Das bedeutet konkret?

Der ESM würde eine revolvierende Kreditlinie bereitstellen. Die nominale Obergrenze für ESM-Darlehen an den SRF ist auf 68 Mrd. Euro festgelegt. Mit dem Wirksamwerden des Backstop wird das Instrument der direkten Bankenrekapitalisierung des ESM eingestellt. Das Instrument der direkten Bankenrekapitalisierung wurde vor der Umsetzung der Bankenunion konzipiert. Die Pandemie-Krisenunterstützung, die im Jahr 2020 bereitgestellt wurde zur Finanzierung der Gesundheitskosten der Mitgliedstaaten im Zusammenhang mit der Pandemie, wird bis Ende 2022 verfügbar bleiben. In Bezug auf Währungen hat der ESM die Möglichkeit, Anleihen in anderen Währungen als Euro und Dollar zu begeben. Wir refinanzieren uns derzeit nur in zwei Währungen.

Wie werden sich Ihre Investor-Relations-Aktivitäten in diesem Jahr entwickeln?

Unsere Investor-Relations-Aktivitäten waren verständlicherweise auch im vergangenen Jahr von der Pandemie betroffen. Wir haben uns an die Situation angepasst und ein virtuelles, digitales Format für unsere Interaktionen mit unseren Investoren aufgesetzt. Als sich jedoch die Pandemiesituation im September verbesserte und die Reisebeschränkungen in Europa gelockert wurden, haben wir dieses Fenster erfolgreich genutzt, um eine Reihe von Roadshows in Europa durchgeführt. Diese Besuche, die in Paris begannen, wurden von der Investoren-Community sehr geschätzt. Wir haben gespürt, dass virtuelle Meetings allgemein ermüden, und die Anleger wollten wirklich wieder zum persönlichen Kontakt zurückkehren, mit den nötigen Sicherheitsvorkehrungen selbstverständlich. Wir verbrachten auch einen Tag in Frankfurt, wo wir – im Einklang mit unseren Umweltzielen – zu allen unseren Meetings zu Fuß gingen. Leider änderte sich dies mit der neuen Coronavirus-Variante und steigenden Fallzahlen vor Jahresende. Wir werden die Situation aufmerksam beobachten und hoffen, unsere Anleger bald wieder persönlich treffen zu können.

Das Interview führte

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