Aktiencheck

Nachfolge­regelung der Post beruhigt Analysten

Die zu Ende gehende Woche hat Marktteilnehmern, die sich mit der Deutschen Post beschäftigen, einiges geboten. So hat kein Unternehmen im deutschen Leitindex seine Prognosen im laufenden Jahr so oft angehoben wie der Gelbe Riese.

Nachfolge­regelung der Post beruhigt Analysten

Von Martin Dunzendorfer,

Frankfurt

Die zu Ende gehende Woche hat Marktteilnehmern, die sich mit der Deutschen Post beschäftigen, einiges geboten. Nicht, dass der Dax-Konzern seine Aktionäre, Analysten oder Medienvertreter 2021 gelangweilt hätte. So hat kein Unternehmen im deutschen Leitindex seine Prognosen im laufenden Jahr so oft angehoben wie der Gelbe Riese.

Investoren trieben, animiert durch die Rekordergebnisse, den Kurs bis Mitte September auf das historische Hoch von 61,38 Euro, bevor eine Konsolidierung einsetzte. Doch mehr Unmut, als der Kursrückgang auf zuletzt 53,51 Euro verursachte, lösten Berichte zu Beginn dieser Woche aus, wonach Vorstandschef Frank Appel Favorit für die Nachfolge von Ulrich Lehner als Aufsichtsratsvorsitzender der Deutschen Telekom sei. Dieser wird nach der Hauptversammlung im nächsten April sein Amt abgeben.

Kritik der Aktionärsschützer

Aktionärsschützer kritisierten scharf, dass Appels Vertrag bei der Post – so der Kenntnisstand in der ersten Wochenhälfte – noch bis Oktober 2022 läuft und eine Vertragsverlängerung für den 60-Jährigen um bis zu fünf Jahre durchaus möglich schien. Die gleichzeitige Wahrnehmung von zwei so herausgehobenen Positionen, die jede für sich schon viel Zeit in Anspruch nimmt, sei aber seriös nicht zu bewältigen, lautete zusammengefasst die Kritik, zumal Appel bereits ein Aufsichtsratsmandat hat.

Am Mittwoch teilte die Post dann mit, der Vertrag Appels, der seit Februar 2008 den Bonner Konzern leitet und damit der dienstälteste CEO im Kreis der Dax-Unternehmen ist, werde um ein halbes Jahr bis zur Hauptversammlung im Mai 2023 verlängert. Sein Nachfolger wird Tobias Meyer, derzeit Leiter des Geschäftsbereichs Post&Paket Deutschland.

Einerseits hätte Appel, sofern er tatsächlich zum Chefkontrolleur der Telekom berufen wird, eine Doppelfunktion bei Post und Telekom nur etwa ein Jahr inne, was den Ärger der Aktionärsschützer dämpfen dürfte, andererseits ist damit frühzeitig seine Nachfolge bei der Post geregelt – wobei Meyer nicht der Wunschkandidat des Kapitalmarktes war. Dies wäre Melanie Kreis, seit fünf Jahren CFO der Gruppe, gewesen. Doch nach Angaben aus Unternehmenskreisen habe sie kein Interesse an der Position des CEO gehabt.

Analysten zeigten sich mit der Nachfolgeregelung bei der Post zufrieden. Christian Obst von der Baader Bank meinte, die Übergabe des Staffelstabs von Appel an Meyer im Mai 2023 sei eine gute Entscheidung. Damit werde ein reibungsloser Übergang ermöglicht. Eine deutliche strategische Neuausrichtung sei wohl nicht zu erwarten. Obst bestätigte seine Empfehlung „Add“ und das Kursziel von 60 Euro.

Auch Alexia Dogani von Barclays nahm angesichts der jüngsten Personalentscheidung keine Änderung an ihrer Empfehlung („Übergewichten“, Kursziel: 72 Euro) vor. Sie erwartet einen geräuschlosen Führungswechsel. Größere Änderungen an der mittelfristigen Unternehmensstrategie erwarte sie nicht.

Die positive Haltung von Obst und Dogani zur Deutsche-Post-Aktie entspricht der Mehrheitsmeinung: Nach Daten von Bloomberg beobachten 29 Research-Häuser den Wert: 25 (86%) raten in unterschiedlicher Stärke zum Kauf und drei bewerten das Papier neutral. Nur ein Analyst von Morningstar rät zum Verkauf. Das aus den Empfehlungen von Bloomberg ermittelte Konsensrating von 4,6 besagt so viel wie „Kaufen, am besten sofort“.

27 Prozent Kurspotenzial

Das durchschnittliche Kursziel der erfassten Analysten liegt bei 67,80 Euro. Das entspricht gemessen am aktuellen Aktienpreis einem Aufwärtspotenzial von 27%. Die höchsten Kursziele setzen die russische Investmentfirma Finam (80 Euro), Deutsche Bank (77 Euro), Stifel (75 Euro) sowie das Bankhaus Metzler (74,50 Euro), die niedrigsten kommen von Morningstar (43 Euro) und der französischen Alphavalue (56 Euro).

Auf Basis der Gewinnschätzungen im Markt hat Bloomberg Durchschnittswerte für das erwartete Kurs-Gewinn-Verhältnis in diesem und dem nächsten Jahr ermittelt. Demnach liegt das KGV der Post für 2021 bei 12,9 und für 2022 bei 12,8. Das sind im Vergleich zu Wettbewerbern niedrige Werte. So kommen Fedex auf 17,0, United Parcel Service (UPS) auf 18,0, Kühne&Nagel auf 20,7 und DSV auf 33,5 (jeweils für 2021). Auch mit anderen Finanzkennzahlen – etwa den Quoten von Kurs zu Umsatz (3,8), zum Cash-flow (7,3) oder zum Buchwert (3,8) – muss sich die Post nicht verstecken.

Der Vergleich mit Transport- und Logistikunternehmen ist sinnvoller als der mit traditionellen Post- und Paketverteilern, da das einstige Kerngeschäft der Post – das in etwa der Division Post&Paket Deutschland entspricht – in den ersten neun Monaten 2021 nur noch 22% zum Umsatz und 20% zum operativen Ergebnis (Ebit) der Gruppe beisteuerte. Der große Rest wird in den vier DHL-Divisionen generiert: Ex­presszustellung, Lieferkettenmanagement, Frachttransport und E-Commerce-Lösungen.

Es ist das strategische Glanzstück der Post, dass sie im Jahr 2000 – also im Jahr des Börsengangs (Emissionspreis: 21 Euro) – den US-Expressdienstleister DHL zunächst mehrheitlich und Ende 2002 komplett übernommen hat. Durch das IPO und den Ausbau der internationalen DHL-Aktivitäten wurde aus dem ehemals verschlafenen Staatskonzern der weltweit führende Logistikanbieter. Das ist der Grund, warum die Gruppe Deutsche Post DHL zu einem großen Nutznießer der Pandemie wurde.

Die Gruppe befand sich bereits auf einem langfristigen Aufwärtspfad, als die Lockdowns, Reise- und Kontaktbeschränkungen infolge der Coronakrise zu einem Boom im Online-Handel führten. Das daraus resultierende Rekordaufkommen an Paketsendungen sorgte für einen Extraschub. Nach allgemeiner Einschätzung wird der Zuwachs an Sendungen auch nach Ende der Krise nicht mehr verschwinden, womit viele Analysten ihre positiven Meinungen zur Post-Aktie begründen.

Einziger Großaktionär der Post ist der Bund, der über die KfW noch 20,5% hält. Dieses Paket stellt gegenwärtig einen Wert von 13,6 Mrd. Euro dar. Da der Staat heute mehr denn je Geld braucht, scheint ein Verkauf zumindest nicht ausgeschlossen. Auf die Dividende – zuletzt 1,35 Euro pro Aktie, was zum aktuellen Kurs einer Rendite von 2,5% entspricht – müsste Berlin dann freilich verzichten.

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