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Auftragsbücher sind prall gefüllt wie noch nie

Das Siemens-Zahlenwerk offenbart allerlei Volumenrekorde. Im vergangenen Geschäftsjahr hat sich jedoch die operative Profitabilität nicht verbessert. Nun ist eine Aufholjagd geplant.

Auftragsbücher sind prall gefüllt wie noch nie

mic München

„Das ist ein historisches Ergebnis“: Dem Siemens-Vorstandsvorsitzenden Roland Busch war der Stolz anzumerken, als er auf der Bilanzpressekonferenz verkünden konnte, dass die vier operativen Sparten und Gesellschaften des Konzerns eine Bestmarke erzielten. Die Sparten Digital Industries, Smart Infra­structure und Mobility sowie das Unternehmen Siemens Healthineers haben erstmals ein operatives Ergebnis von mehr als 10 Mrd. Euro erwirtschaftet.

Tatsächlich hagelte es Rekorde bei der Vorlage der Ergebnisse des Geschäftsjahres 2021/2022. Ein Rekordauftragsbestand von 102 Mrd. Euro (plus 20%), erstmals mehr als 3 Mrd. Euro Quartalsgewinn der industriellen Geschäfte (viertes Quartal 3,2 Mrd. Euro) und ein freier Mittelzufluss minimal unter dem Höchststand des Vorjahres (8,2 Mrd. Euro).

Bemerkenswert war auch der Auftragseingang. Er lag 24% höher als der Umsatz. Diese Book-to-Bill-Ratio von 1,24 ist ein Hinweis auf die Wachstumschancen. Letztmals hatte Siemens im Jahr 2008 – und damit allerdings kurz vor der Finanzkrise – mit 1,21 einen Wert über 1,2 erreicht. Im laufenden Turnus peilt der Vorstand mehr als 1,0 an. Zudem stiegen im vergangenen Geschäftsjahr die vergleichbaren Umsätze um 8,2% und damit stärker, als mit 6 bis 8% prognostiziert worden war. Dies gelang, obwohl sie im Vorjahr schon 11% zugelegt hatten.

Allerdings glänzten vor allem die Volumengrößen – die operative Rendite konnte nicht mithalten. So stieg zwar das industrielle Ergebnis wie von Busch herausgestrichen um 17% auf den Rekordwert von 10,3 Mrd. Euro, die Marge legte aber nur um 0,1 Punkte auf 15,1% zu. Drei der vier Einheiten schrumpften die Margen, lediglich Smart Infrastructure legte zu. Busch verwies auf die Herausforderungen des Geschäftsjahres: die Pandemie, Probleme in den Lieferketten, Knappheit auf dem Arbeitsmarkt, steigende Kosten und geopolitische Verwerfungen.

Diese Faktoren schlugen samt hausgemachten Wertberichtigungen noch viel deutlicher auf den Nettogewinn durch. Er sank um 34% auf 4,4 Mrd. Euro (siehe Tabelle). Der dominierende Einfluss ist die Wertminderung auf die 35-Prozent-Beteiligung an Siemens Energy in Höhe von 2,7 Mrd. Euro. Darüber hinaus kostet der Ausstieg aus dem Russlandgeschäft laut Finanzvorstand Ralf Thomas 1,3 Mrd. Euro nach Steuern, die teils auf das Finanzergebnis durchschlugen, weil es Abschreibungen auf Leasingforderungen waren. Im vierten Quartal kosteten Rubel-Sicherungsgeschäfte 267 Mill. Euro.

Zwar realisierte der Konzern Sondergewinne infolge von Verkäufen von Unternehmensteilen – alleine im vierten Quartal brachte der Verkauf des Brief- und Paketabwicklungsgeschäfts von Siemens Logistics 1,1 Mrd. Euro. Diese M&A-Gewinne hätten die Russland-Belastungen um 0,8 Mrd. Euro nach Steuern übertroffen, sagte Thomas. Sie konnten aber den Gewinneinbruch nicht verhindern.

Operativ unter Zugzwang

M&A-Sondergewinne erwartet Thomas im laufenden Geschäftsjahr nicht, daher muss die operative Ergebnismarge kräftig steigen. Die Vorgaben für die drei operativen Sparten – Siemens Healthineers hat seine Prognose schon eine Woche zuvor veröffentlicht – sehen kräftige Gewinnsprünge vor.

Digital Industries soll ein Umsatzwachstum auf vergleichbarer Basis zwischen 10 und 13% gelingen, nach 13% im vorigen Geschäftsjahr. Dabei soll die Ergebnismarge ausgehend von 19,9% in der Spanne zwischen 19 und 22% landen. Warnend wies Thomas darauf hin, dass die Sparte im ersten Quartal (31. Dezember) zwar wie geplant wachsen werde, aber die Marge am unteren Ende der Jahresprognose lande. Der Grund sei ein zurückhaltender Start im Softwaregeschäft: Die Umstellung auf ein Abo-Modell führe zu einer Stagnation im PLM-Geschäft, während die Erlöse im EDA-Geschäft wegen weniger Großaufträgen sänken.

Von Smart Infrastructure erwartet der Vorstand ein Umsatzplus zwischen 8 und 11% (2021/2022: 10%) und einen Anstieg der Ergebnismarge von 12,8% auf 13 bis 14%. Die Profitabilität kommt auch hier erst langsam ins Laufen. Die Marge werde auf dem Niveau des Vorjahresquartals liegen, sagte Thomas. Dies waren 12,6% gewesen. Der Umsatz soll sich dagegen am oberen Ende des Zielkorridors für das gesamte Geschäftsjahr bewegen.

Im Geschäftsjahr soll auch Mobility besser abschneiden. Die Bahntechnik-Sparte wird demnach den Umsatz um 6 bis 9% (2021/2022: 3%) steigern und eine Ergebnismarge zwischen 8 und 10% vermelden, nachdem sie zuletzt 8,2% erreicht hatte. Thomas rechnet im ersten Quartal mit einer Marge von 8% und einem Umsatzwachstum im mittleren einstelligen Bereich.

Abomodell kommt ins Laufen

Busch strich die Performance des Automatisierungsgeschäfts von Digital Industries im vergangenen Geschäftsjahr heraus. Darauf sei er besonders stolz, sagte er. Der Umsatz sei um 23% gestiegen: „Erneut haben wir beachtliche Marktanteile gewonnen.“ Er strich auch den freien Mittelzufluss des Konzerns heraus. Dieser sei exzellent gerade auch im Vergleich zu den Wettbewerbern.

Der Umstieg auf Software-as-a-Service (SaaS) bei Digital Industries laufe planmäßig, sagte Busch. Im ersten Jahr der Umstellung hätten sich 3100 Kunden dafür entschieden. Darunter seien fast 60% Neukunden: „Wir sind also damit erfolgreich, unseren bestehenden Kundenstamm zu erweitern.“ Rund 74% der SaaS-Kunden seien kleine und mittlere Unternehmen – Siemens will in dem Segment den Marktanteil erhöhen. Bei Vertragsverlängerungen setzten mehr als 80% der Kunden auf SaaS.

Der jährlich wiederkehrende Umsatz (ARR) sei im vierten Quartal um 14% gewachsen, so Busch. Der ARR in der Cloud habe sich gegenüber dem Vorjahr auf mehr als 500 Mill. Euro nahezu vervierfacht und mache 15% des ARR insgesamt aus.

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