Hochqualifizierte Fachkräfte

„Braindrain in Richtung Kontinental­europa“

Hochqualifizierte Fachkräfte gelten in der Wissensgesellschaft als Treiber des Wirtschaftswachstums. Entsprechend sind sie umworben. Im Wettbewerb der Weltregionen deutet sich eine Verschiebung an.

„Braindrain in Richtung Kontinental­europa“

Michael Flämig, München

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Eigentlich sollte es in einer Diskussionsrunde des Wirtschaftsbeirats der Union um ein eng gefasstes Thema gehen. „Gründerszene, Forschungslandschaft, Vernetzung von Forschung und Wirtschaft und die Perspektiven Münchens als Hightech-Standort“, lautete der Titel der Veranstaltung Mitte Dezember, und die Podiumsteilnehmer in der Münchner Zentrale des Medizintechnikspezialisten Brainlab waren dafür auch prädestiniert: Markus Blume als Bayerns Staatsminister für Wissenschaft und Kunst, der Präsident der Technischen Universität (TU) München, Thomas Hofmann, und Brainlab-CEO Stefan Vilsmeier.

Doch Forschungslandschaft und Gründerszene sind eben ohne innovative und kluge Köpfe nicht zu haben, darin ist sich das Trio schnell einig. „Wir befinden uns im weltweiten Wettbewerb um Talente und Technik“, stellt Blume fest – und München kann als Magnet für qualifizierte Beschäftigte nur reüssieren, wenn auch Europa attraktiv ist. Während vor ein bis zwei Jahrzehnten bei derlei Gelegenheiten noch das Hohelied des IT-Giganten USA und des aufstrebenden China gesungen worden ist, lautet 2022/2023 die Dia­gnose völlig anders: Europa kann es gelingen, die begabten Spezialisten auch der IT-Szene anzuziehen.

USA und China abgeschlagen

Warum? Klar, sagt Vilsmeier: „Wir müssen noch besser werden im Kampf um die schlauen Köpfe.“ Aber Europa sei schon gut positioniert. Als er aufgewachsen sei, berichtet der 1967 Geborene, habe er immer in die USA gewollt. Nun sei er gerade von einer Reise dorthin zurückgekehrt. „Wie sich das Wertesystem gewandelt hat, da läuft es einem kalt den Rücken herunter“, lautet die Erkenntnis des extrem erfolgreichen Unternehmensgründers. China kann Vilsmeier ebenfalls nicht empfehlen – obwohl er, wie er sich erinnert, vor 20 Jahren seinem Neffen noch gesagt habe, er müsse nach Schanghai, dort spiele die Musik. Das Fazit von Vilsmeier: „Wenn man heute wirklich etwas bewegen möchte, dann bleibt eigentlich nur Europa.“

TU-Präsident Hofmann macht die gleiche Beobachtung. China sei allen zu anders, und die USA seien nicht mehr der Top-Standort, stellt er fest. Der Brexit habe auch Großbritannien zunehmend unattraktiv gemacht. In England kriegten die Universitäten sogar keine Doktoranden mehr: „Es gibt einen Braindrain in Richtung Kontinentaleuropa.“ Das Fazit des Managers der Universität, die sich im Ranking von „Times Higher Education“ den Spitzenplatz in Europa erobert hat und im weltweiten Vergleich auf Rang 30 liegt: „Ich glaube, dass Europa, wenn wir es richtig gestalten, genügend Zustrom an Talent bekommen wird.“

Was ist trotzdem zu verbessern? Bürokratie, dies macht die Frage-Antwort-Runde nach der Podiumsdiskussion deutlich, ist ein Hemmschuh. Zu häufig müssten sich die talentierten Bewerber einem zeitraubenden Genehmigungsprozess unterwerfen, bevor sie arbeiten könnten. „Einwanderung neu denken“, lautet auch das Motto von Vilsmeier. So müssten ausländische Studenten beispielsweise nach ihrer Ausbildung im Land bleiben könnten, wenn sie denn wollten. China habe ähnliche Programme aufgelegt.

Hofmann fordert spezielle Tools, um das Wachstum zu beschleunigen. Er könne zahlreiche Start-ups aus Bayern nennen, die eine tolle Technologie gehabt hätten – wenig später habe es ein Unternehmen in den USA mit einer schlechteren Technologie gegeben, doch es habe letztlich dominiert, weil es schneller skaliert habe. Um diese Schranken aus dem Weg zu räumen, müsse Europa beispielsweise ein wettbewerbsfähiges Finanzsystem schaffen. Heutzutage holten Venture-Capital-Gesellschaften die jungen Unternehmen in die USA herüber: „Das kann es doch nicht sein.“

Mehr Migration erforderlich

Hendrik Brandis, Mitgründer und Partner des Wagniskapitalgebers Earlybird, sieht ebenfalls den Bedarf, die Migration von Fachkräften zu unterstützen. „Alles, was gezielte Zuwanderung von Intelligenz fördert, würde uns guttun“, erklärt er im Gespräch mit der Börsen-Zeitung. Beispielsweise müssten ausländische Schulen gefördert werden. Brandis sieht allerdings auch die Universitäten in der Pflicht. So wünscht er sich von diesen Ausbildungsstätten das Know-how, mit dem an den Unis entstandenen „Intellectual Property“ kommerziell sinnvoll umzugehen. Die Unis müssten weniger an Gewinnabführungsverträge und mehr an Beteiligungen denken, lautet seine Forderung.

Blume nennt drei Erfolgsfaktoren zur Förderung von Hightech, die in München erfüllt seien: Exzellenz im wissenschaftlichen Umfeld, die wirtschaftliche Potenz mit einer hohen Dichte etwa an Dax-Konzernen und weiche Standortfaktoren wie Lebensqualität und Rückhalt durch die Politik der Landesregierung: „Wir richten uns nicht gemütlich ein, sondern fragen, was braucht es als Nächstes.“

So habe  der Freistaat Bayern vor drei Jahren die Hightech Agenda Bayern gestartet. Es würden 3,5 Mrd. Euro in diese Technologieoffensive investiert. „Sie können europaweit schauen und werden nichts Vergleichbares finden“, stellt Blume fest. Unter anderem schaffe man 1 000 neue Professuren.

Ist also alles Sonnenschein? „Natürlich nicht“, beantwortet Blume die selbstgestellte Frage. München kämpfe mit den Schattenseiten des Erfolgs. Alles sei sehr teuer, die Mieten seien extrem hoch, und es werde schwierig, Fachkräfte zu finden. „Wir laufen Gefahr, dass der Coolness-Faktor verloren geht“, lautet die Warnung des Ministers. Dieser spiele bei den Weltstandorten eine große Rolle. Es müsse hinzugefügt werden, was eine Metropole ausmache, die sich nicht darin erschöpfe, schöne Gartenstädte zu haben. München brauche beispielsweise auch architektonisch etwas mehr Mut.

Wertberichtigt Seite 2

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