Ukraine-Krieg

Kriegsgewinnler werden Krisenhelfer

Seit Russlands Angriff auf die Ukraine hat sich auch Deutschlands Umgang mit Rüstungsunternehmen dramatisch verändert. Die Krisenzeiten gehen mit einer erhöhten Wertschätzung für die Branche einher, und das Image hat sich verbessert.

Kriegsgewinnler werden Krisenhelfer

„Wir erleben eine Zeitenwende“, sagte Kanzler Olaf Scholz am 27. Februar 2022 im Bundestag. „Und das bedeutet: Die Welt danach ist nicht mehr dieselbe wie die Welt davor.“ Anlass für den Auftritt war Russlands Angriff auf die Ukraine drei Tage zuvor. Seither hat sich auch Deutschlands Umgang mit Rüstungsunternehmen dramatisch verändert. Die Krisenzeiten gehen mit einer erhöhten Wertschätzung für die Branche einher, und das Image hat sich verbessert.

Die Wehrtechnik hat einen höheren Stellenwert bekommen – ohne schlechtes Gewissen. Waffenexporte in Kriegsgebiete waren einmal tabu, aber jetzt wird an die Ukraine geliefert. Hätte eine Firma wie Rheinmetall noch vor wenig mehr als einem Jahr als „Kriegsgewinnler“ gegolten, so bezeichnet Rheinmetall-Chef Armin Papperger seinen Konzern nun beharrlich als „Krisenhelfer“.

„Natürlich spüren wir eine deutlich veränderte Wahrnehmung unserer Rolle als wichtiger militärischer Ausrüster der Bundesrepublik Deutschland sowie anderer – vor allem westlich-demokratischer Staaten“, be­schreibt ein Sprecher des Düsseldorfer Rüstungskonzerns Rheinmetall, dessen Börsenwert sich seit Kriegsbeginn auf 10,6 Mrd. Euro verdoppelt und der gute Chancen auf den Aufstieg in den Dax hat, die Wende. „Wir befähigen Regierungen, ihre Bürger gegen Angriffe zu schützen, und mit unseren Technologien und Systemen schaffen wir die unverzichtbare Grundlage für Frieden, Freiheit und nachhaltige Entwicklung: Sicherheit.“ Diese Einsicht werde nun verstärkt reflektiert – sowohl seitens der Politik, der Medien wie auch insgesamt in der Gesellschaft. „So nehmen wir beispielsweise in den sozialen Medien zur Kenntnis, wie wichtig das Thema Sicherheit für die Öffentlichkeit geworden ist, und erkennen, dass ein großes Interesse an unserer Rolle und unseren Produkten besteht“, sagt der Rheinmetall-Sprecher. „Auch das Interesse an unseren eigenen Kommunikationsformaten, sei es unser Twitter-Kanal oder unsere Konzernpublikation ‚Dimensions‘, ist spürbar gewachsen.“

Ähnlich äußert sich Thomas Müller, Chef des Rüstungselektronikherstellers Hensoldt, dessen Kurs sich ebenfalls seit Kriegsbeginn verdoppelt hat und an dem der Bund beteiligt ist: „Durch den russischen Überfall auf die Ukraine und die damit einhergehende Zeitenwende der deutschen Sicherheitspolitik kommt uns als Verteidigungsindustrie eine neue Rolle und besondere Verantwortung zu.“ Die Streitkräfte Deutschlands und die seiner Partner müssten umfassend, zuverlässig und deutlich schneller beliefert werden.

Als Erfolg führt der Manager das TRML-4D-Radar an, das Hensoldt „in Rekordzeit für die Luftverteidigung der Ukraine“ ausgeliefert habe. Mit der Digitalisierung der Sensorik und der Integration künstlicher Intelligenz biete Hensoldt Technologien an, auf die es mehr denn je für die Verteidigung der Freiheit ankomme. Laut Stellenanzeigen-Datenbank Index Research haben sich die von der Rüstungsindustrie ausgeschriebenen Stellen 2022 nahezu verdoppelt auf 4540. Am meisten Jobs schrieb Rheinmetall aus – gefolgt vom Munitionshersteller Ruag Ammotec, Diehl Defence, dem Panzerbauer Krauss-Maffei Wegmann und Waffenhersteller Blaser Group.

Am 27. Februar 2022 kündigte Kanzler Scholz einen 100-Mrd.-Euro Sondertopf für die bessere Ausstattung der Bundeswehr an und sagte: „Wir werden von nun an Jahr für Jahr mehr als 2% des Bruttoinlandsprodukts in unsere Verteidigung investieren.“ Seither hat sich die Debatte gedreht: Durch den Krieg gelten Sicherheitsausgaben nun als richtig und wichtig. Kritik gibt es nun daran, dass das Umsteuern zu langsam geht.

Der Einkauf von Rüstungsgütern läuft schleppend. Im ersten Quartal 2023 wolle man immerhin die Verhandlungen über Landfahrzeuge für die Bundeswehr abschließen, sagte Rheinmetall-Chef Papperger. Derweil baut der Konzern im westlichen Ungarn drei neue Fabriken zur Produktion von Panzern, Munition und Sprengstoff. Sie gehen auf Aufträge zur Modernisierung des magyarischen Militärs zurück, die vor dem russischen Einmarsch in der Ukraine erteilt wurden. Aber in der neuen Lage, die durch den Krieg entstanden ist, bilden sie auch den Grundstein für eine aufkeimende ungarische Verteidigungsindustrie, auf deren Exportpotenzial die Regierung in Budapest große Hoffnungen setzt.

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