Gefangenendilemma

Strategiespiel Klimaschutz

Der Klimawandel kann nur grenzüberschreitend aufgehalten werden. Mit dem Gefangenendilemma aus der ökonomischen Spieltheorie lässt sich erklären, warum das so schwierig ist – und wie eine Lösung aussehen könnte.

Strategiespiel Klimaschutz

Der Klimawandel ist das drängendste Thema unserer Zeit – und zugleich eines der komplexesten Probleme, die es zu lösen gilt. Dass die Erderwärmung nur international miteinander aufgehalten werden kann, ist inzwischen nahezu Konsens. Doch die Konfliktlinien sind vielfältig. Während die Industrieländer seit der Zeit der Industrialisierung ihren Wohlstand auf Kosten von Umwelt und Natur vergrößerten, sehen sich die Entwicklungsländer wegen Klimaschutz-Auflagen in ihrem Fortschritt gebremst. Sie sind aufgrund ihres Aufholprozesses weniger bereit oder in der Lage, sich an teuren Klimaschutzmaßnahmen zu beteiligen, zumal deren Rendite in der Zukunft liegt. Nach wie vor suchen Wissenschaftler und Politiker rund um den Globus nach einer Formel, wie Klimaschutz und Wohlstandswachstum vereinbart werden können. Ein bekanntes ökonomisches Modell könnte helfen: das Gefangenendilemma aus der Spieltheorie.

Im einfachsten Fall geht das Modell von zwei Spielern, also zwei Gefangenen aus. Beide befinden sich nach einer gemeinsam verübten Straftat in Haft und werden getrennt verhört. Den größten Nutzen hat jeder Spieler, wenn er als Kronzeuge gesteht und der andere leugnet: Er kommt frei, der andere erhält die Höchststrafe. Wenn beide gestehen, müssen beide die höchste Strafe verbüßen. Den insgesamt geringsten Schaden erleiden die Gefangenen, wenn beide leugnen. Dann werden sie zu einer geringeren Haft verurteilt. Um auf diese am wenigsten schädliche Lösung zu kommen, wäre es hilfreich, könnten sich die beiden Gefangenen abstimmen, was aufgrund der getrennten Verhöre nicht möglich ist. Doch selbst dann wäre der Anreiz, von der Abmachung – gemeinsam zu leugnen – abzuweichen und als straffreier Kronzeuge zu gestehen für beide groß. Daher werden am Ende beide hart bestraft, obwohl es für sie zusammen besser gewesen wäre, gemeinsam zu schweigen.

Gefahr der Trittbrettfahrer

Die Quintessenz des Modells ist, dass in ähnlich gelagerten Situationen, etwa in der internationalen Politik, Kooperationen notwendig sind, um unerwünschte Ergebnisse zu vermeiden. Dort sind freilich deutlich mehr Akteure involviert, die das Modell entsprechend komplexer machen. Auch sind die Optionen vielfältiger: Ein Staat kann beim Klimaschutz mitmachen oder nicht – oder aber in graduellen Abstufungen.

Dennoch kann das Pariser Abkommen vereinfacht als eine solche spieltheoretische Kooperation be­zeichnet werden. Dieses wurde 2015 von 196 Staaten unterzeichnet, trat ein Jahr später in Kraft und wurde inzwischen bis auf wenige Ausnahmen von den meisten ratifiziert. Mit unterschiedlichen Beiträgen zum Klimaschutz wollen die Unterzeichner die Erderwärmung auf 1,5 Grad gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter begrenzen. Mit Blick auf das Gefangenendilemma aber wird deutlich, warum nach dem Abkommen der Anreiz für einzelne Staaten groß ist, die getroffene Vereinbarung zu missachten – und warum genau das auch geschehen ist.

Jedes Land steht vor der Wahl, ob es tatsächlich mit anderen kooperiert oder ob es nur ein Lippenbekenntnis abgibt. Entschließt sich ein Staat, dem Abkommen doch nicht zu folgen und keine Investitionen in den Klimaschutz und die Vermeidung klimaschädlicher Treibhausgase zu tätigen, stellt es sich gegenüber den anderen immer besser. Denn es profitiert als Trittbrettfahrer vom Umweltschutz der anderen Länder, ohne finanziell beitragen zu müssen. Diese Strategie funktioniert allerdings nur, solange nicht auch alle anderen Länder ihrerseits ebenfalls verzichten – in der Annahme, dass die Vertragspartner es richten.

Die Trittbrettfahrer-Strategie wird im Klimaschutz immer wieder Ländern wie China oder Indien vorgeworfen. Diese berufen sich darauf, dass sie in den vergangenen rund 150 Jahren insgesamt weniger CO2-Emissionen verursacht haben als die entwickelten westlichen Staaten und ihnen daher noch ein CO2-Budget zur Verfügung stehen müsse, um auf ein ähnliches Wohlstandslevel zu kommen. Würde ihnen das jedoch ohne Ausgleich zugestanden, könnte die Erderwärmung kaum begrenzt werden, – auch weil es sich bei zwei der Staaten um die bevölkerungsreichsten Länder der Erde mit den höchsten Emissionen handelt. So war China 2020 für 30,65% des weltweiten CO2-Ausstoßes verantwortlich und Indien für 7,02%.

Um die Entwicklungsländer zu mehr Klimaschutz anzuhalten, ohne ihren Wohlstand zu gefährden, haben die Industrieländer bereits 2009 auf der Weltklimakonferenz in Kopenhagen versprochen, jährlich 100 Mrd. Dollar zur Verfügung zu stellen. Bis heute haben sie diesen Betrag aber noch kein einziges Mal erreicht – und werden das voraussichtlich auch erst 2023 schaffen.

Lösung Klimaklub

Eine Lösung für das Trittbrettfahrer-Problem bietet ein Klimaklub. Die Idee geht auf den amerikanischen Ökonomen William D. Nordhaus zurück, der dafür mit dem Wirtschaftsnobelpreis ausgezeichnet wurde. Demnach sollten die Staaten ein Handelsabkommen schließen, die sich dem Klimaschutz verpflichtet fühlen. Sie würden innerhalb ihres Klubs politische Rahmenbedingungen definieren, um ihren Handel klimafreundlich zu gestalten und den Klimawandel aufzuhalten. Zudem sollten sich diese Staaten gegenseitig wirtschaftlich bei der grünen Transformation unterstützen. Die Klub-Mitglieder vereinbaren Nordhaus zufolge im Idealfall Mindeststandards zur Einhaltung der Klimaziele und reduzieren Handelsbeschränkungen untereinander. Um mehr Staaten zum Beitritt zu bewegen, werden Strafzölle für Nichtmitglieder erhoben. Dadurch entstünden den Teilnehmern an Nordhaus’ Klimaklub Vorteile – und dem Ausscheren einzelner Akteure könnte so vorgebeugt werden. Für Nichtmitglieder ergeben sich Anreize zum Beitritt, da sie nur dann von der gegenseitigen Förderung beim Klimaschutz und von Handelsfreiheit profitieren.

Die fehlenden Sanktionsmöglichkeiten bei Nichteinhaltung der Abmachung wird häufig an Klimaabkommen wie dem von Paris kritisiert. Einige Staaten versäumten bis zur Weltklimakonferenz in Glasgow, also sechs Jahre lang, ihre Klimaziele an das Abkommen anzupassen. Bestraft werden konnten sie dafür nicht. Und auch der Anreiz zum Bruch der Abmachung – wie im Gefangenendilemma – wurde rasch deutlich: Die USA etwa zogen sich unter der Administration von Ex-Präsident Donald Trump kurz nach der Unterzeichnung wieder zurück. Damit verlor das Abkommen – zumindest temporär, da sein Nachfolger Joe Biden wieder eintrat – einen der größten Klimasünder.

Der Vorteil am Klimaklub von Nordhaus ist, dass die Staaten schon heute profitieren können und die Kosten des Klimaschutzes gemeinsam schultern. Bislang – und das zeigte sich insbesondere auch während der Corona-Pandemie – wurde der Klimaschutz zwar als sehr wichtiges politisches Ziel angesehen. Da die Folgen der Erderwärmung jedoch erst die kommenden Generationen zu spüren bekommen werden, wurde er auf der politischen Agenda immer wieder nach hinten geschoben. Wenn wie bei Nordhaus mit Anreizen in der Gegenwart statt mit Sanktionen für Fehlverhalten gearbeitet wird, sind die Erfolgsaussichten deutlich besser.

Von Anna Steiner, Frankfurt

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