Konjunktur

Tariflohn­entwicklung mit gemischten Signalen

Wie stark steigen die Löhne? Das ist aktuell für viele Ökonomen und Notenbanker eine zentrale Frage. Antworten für das laufende Jahr liefert die vorläufige Jahresbilanz der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung.

Tariflohn­entwicklung mit gemischten Signalen

ms Frankfurt

Die Tariflöhne in Deutschland werden im laufenden Jahr nur um 1,7% steigen – was noch einmal etwas weniger ist als im Coronakrisenjahr 2020 mit 2,0% und merklich weniger als in den Boom-Jahren 2018 und 2019 mit 3,0% und 2,9%. Vor allem aber liegt das Plus deutlich unterhalb der Inflationsrate von geschätzt 3,1% – womit sich ein Reallohnverlust von 1,4% ergibt. Allerdings wird das teilweise durch Coronaprämien kompensiert. Das sind zentrale Aussagen der vorläufigen Jahresbilanz der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung.

Die Lohnentwicklung steht aktuell gleich doppelt im Fokus: einerseits wegen einer möglichen Lohn-Preis-Spirale angesichts der hohen Inflation. Nicht zuletzt die Europäische Zentralbank (EZB) verfolgt das mit Argusaugen. Und andererseits we­gen der Folgen für den Konsum. Er gilt als großer Hoffnungsträger der Konjunktur. Die am Donnerstag veröffentlichten Zahlen dämpfen nun Sorgen vor einer Lohn-Preis-Spirale. Zugleich schüren sie Konsumsorgen.

Laut dem Tarifarchiv des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böck­ler-Stiftung wurden 2021 für mehr als 12 Millionen Beschäftigte neue Tarifverträge abgeschlossen. Hinzu kommen für weitere 6 Millionen Be­schäftigte Tarifsteigerungen, die be­reits 2020 oder früher vereinbart wurden. Die älteren Tarifverträge se­hen dabei mit durchschnittlich 2,0% etwas höhere Tarifsteigerungen vor als die 2021 getätigten Neuabschlüsse mit 1,5%. Eine Lohn-Preis-Spirale zeichnet sich damit noch nicht ab. Perspektivisch erwarten aber einige Volkswirte mehr Lohndruck.

Den Reallohnverlust von 1,4% be­zeichnen die WSI-Tarifexperten als „außergewöhnlich stark“. Tatsächlich liegt er deutlich höher als in den vergangenen Jahren (siehe Grafik). Das ist für sich kein gutes Signal für den privaten Verbrauch. Die Experten verweisen aber darauf, dass in vielen Tarifbranchen der Kaufkraftverlust durch die Zahlung einer steuer- und abgabenfreien Coronaprämie abgemildert werde. Diese Prämien lägen zwischen 90 Euro in der Süßwarenindustrie und 1300 Euro im öffentlichen Dienst bei den Ländern. Davon profitierten vor allem die unteren Einkommen.