Volatile Kurse

Auf Achter­bahn­fahrt mit Fußball­aktien

Aktien von Fußballvereinen sind eher etwas für Fans und spekulativ orientierte Anleger. Als dritter deutscher Club strebt Türkgücü München an die Börse.

Auf Achter­bahn­fahrt mit Fußball­aktien

Von Joachim Herr, München

Wenn alles klappt, wird Türkgücü München der dritte deutsche Fußballverein an der Börse sein. Am vergangenen Freitag endete die Zeichnungsfrist für eine vorbörsliche Kapitalerhöhung. Wie die Resonanz ausfiel, will der Drittligaclub in zwei bis drei Wochen bekannt geben – nach Ablauf der Widerrufsfrist. „Ziel ist weiterhin ein Börsengang in diesem Jahr“, bekräftigte ein Sprecher des Vereins am Dienstag. Türkgücü München könnte dann Borussia Dortmund und der Spielvereinigung Unterhaching folgen. In ganz Europa sind etwa zwei Dutzend Fußballclubs an der Börse.

Anlageexperten, die sich mit dieser Kategorie beschäftigen, empfehlen Fußballaktien nur Fans und Börsenakteuren mit Freude am Spekulieren. Denn die Kurse entwickeln sich sehr volatil – oft als Spiegelbild von Siegen und Niederlagen. Zudem können Transfers und Verletzungen von Spielern das Auf und Ab an der Börse stark beeinflussen.

Ein Paradebeispiel bot in diesem Sommer der Wechsel des portugiesischen Superstars Cristiano Ronaldo von Juventus Turin zu Manchester United. Am 27. August, als der Coup bekannt wurde, legten die in New York gehandelten Aktien des englischen Vereins um knapp 6 % zu. Einen Monat später betrug das Kursplus sogar mehr als 18 %. Und das obwohl der sportliche Auftakt in die Saison gemischt ausfiel: In der Premier League gelangen bis dahin zwar vier Siege, begleitet von einem Unentschieden und einer Niederlage. Das erste Spiel in der Champions League ging jedoch überraschend gegen Young Boys Bern verloren, und im Ligapokal war in der dritten Runde West Ham die Endstation.

Mehr Follower und Trikots

Grund für den Kursanstieg war also eher der 36 Jahre alte Ronaldo, der in seiner Karriere schon einmal für Manchester United gespielt hatte. Er bringt jedenfalls der Aufmerksamkeit und dem Merchandising einen Schub. Seit der Bekanntgabe seines Wechsels stieg die Zahl der Follower des Vereins auf Instagram von 43,1 Millionen auf 50,5 Millionen. Zudem sind Trikots von CR7 ein Verkaufsrenner. Sie seien stark gefragt, berichtet eine Sprecherin von Adidas, dem Ausrüster von Manchester United. Ronaldos Wechsel brachte am Tag der Bekanntgabe sogar dem deutschen Sponsor Teamviewer, sichtbar als Schriftzug auf der Spielerbrust, einen nachbörslichen Kursgewinn von mehr als 2 %.

Das kleine Kursfeuerwerk von Manchester United ist allerdings schon abgebrannt. Seit Ende September verlor die Aktie ein Fünftel an Wert. Auf den guten Start in der Liga folgten ein Unentschieden gegen Everton und am vergangenen Samstag ein 2:4 in Leicester. Der aktuell sechste Tabellenplatz wäre am Ende zu wenig, um sich für die Champions League in der nächsten Saison zu qualifizieren. Das wiegt schwerer als ein Ronaldo im Team.

Welchen Einfluss die lukrative Champions League hat, bekamen die Aktionäre von Ajax Amsterdam 2019 zu spüren. Im Halbfinale gewannen die Niederländer das Hinspiel bei den Tottenham Hotspurs mit 1:0. Die Hoffnung auf das Erreichen des Endspiels war groß. Doch nach der Heimniederlage mit 2:3 zogen die Londoner ins Finale ein (0:2 gegen den FC Liverpool). Der Aktienkurs von Ajax stürzte am Tag nach dem Ausscheiden zeitweise um ein Drittel ab. Damit war der Gewinn von 26 % aus den Tagen nach dem Hinspielerfolg mehr als perdu.

Der damals erreichte Höchststand ist für Ajax in weiter Ferne: Aktuell liegt der Kurs etwa 40 % darunter. Ähnlich sehen die Charts anderer Vereine aus: Manchester United, mit einer Marktkapitalisierung von 2,3 Mrd. Euro der an der Börse am höchsten bewertete Fußballclub, erreichte die bisherige Spitze im August 2018. Aktueller Rückstand: 37 %.

Noch weiter ist der Kurs von Borussia Dortmund entfernt: 4,95 Euro, die eine Marktkapitalisierung von 547 Mill. Euro bedeuten, liegen klar unter dem im Jahr 2000 erzielten Emissionspreis von 11 Euro. Diese Höhe erreichte der Kurs nicht einmal in den Jahren 2011 und 2012, als die Borussia deutscher Meister wurde – ehe der FC Bayern München seitdem immer ganz oben stand. Für die Bayern ist ein Börsengang bisher kein Thema. Der Verein, dem Uli Hoeneß als Manager solides Wirtschaften beigebracht hatte, wies Mitte 2020 ein Eigenkapital von 473 Mill. Euro aus, was eine Quote von gut 72 % bedeutete.

Hinter Buchbach

Im Juli 2019 war die Spielvereinigung Unterhaching als zweiter deutscher Fußballverein an die Börse gegangen. Der Start verlief verheißungsvoll: Die für 8,10 Euro ausgegebenen Aktien stiegen zeitweise auf knapp 13 Euro. Doch danach häuften sich die negativen Nachrichten: Der Jahresverlust wegen der Corona-Pandemie zehrte mehr als die Hälfte des Grundkapitals auf, und am Ende der vergangenen Saison stieg der Münchner Vorstadtclub als Letzter aus der dritten Liga ab. In der Regionalliga Bayern liegt er diese Saison nach 15 Spielen als Zehnter schon weit hinter dem Aufstiegsplatz ­ – und hinter Vereinen wie dem TSV Buchbach und FV Illertissen. Der Aktienkurs steht derzeit bei 5,75 Euro.

Dabei lautet der Plan von Unterhaching, mittelfristig in die zweite Liga aufzusteigen, wo die TV-Einnahmen mehr als zehnmal so hoch sind wie in der dritten. Dieses Ziel steckt sich auch Türkgücü München für 2023. Schon in der laufenden Saison erscheint das nicht aussichtslos: Nach knapp einem Drittel der Spiele liegt der Club zwar auf Platz zehn, aber nur zwei Punkte hinter dem Zweiten, der auch direkt aufsteigt.

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