Börsengänge

Das Eis ist ungebrochen

Der Börsengang von Porsche ist riesengroß. Die IPO-Flaute beendet er jedoch nicht. Erst müssen Bewertungen deflationiert werden.

Das Eis ist ungebrochen

­Wenn am kommenden Donnerstag (29. September) die Porsche AG in den Prime Standard der Frankfurter Wertpapierbörse kommt, dann ist das mit mehr als 9 Mrd. Euro Emissionserlös der größte Börsengang seit der Deutschen Telekom vor einem Vierteljahrhundert. Das IPO ist bereits mehrfach überzeichnet, und die meisten Banken verdienen prächtig an der Emission. Es wird auch schön gefeiert werden mit einem Fototermin mit Bulle und Bär sowie mehreren festlichen Ansprachen – unter anderem von Oliver Blume, Vorstandschef der Porsche AG und des Mutterkonzerns VW in Personalunion. Dann wird um 9.15 Uhr der aktuelle Preis ausgerufen und anschließend die Börsenglocke geläutet. Alles schön, alles gut.

Ein Eisbrecher für den europäischen Markt für Aktienemissionen, der in der ersten Hälfte so schwach war wie seit 27 Jahren nicht mehr, wird das Porsche-IPO aber ziemlich sicher nicht werden. Die Schwalbe mag noch so füllig und wohlgenährt daherkommen, sie macht noch keinen Sommer. Das Gelingen des Porsche-IPO wurde auch durch arabische Ankeraktionäre und durch die VW-Eigentümerfamilien sichergestellt. Beide schauen weniger scharf auf angemessene Bewertung als der Durchschnitt der Investoren.

Deshalb wird die Porsche-Börsenglocke die Kassen bei den Banken klingeln lassen, aber sie wird nicht das Ende der IPO-Flaute einläuten. Dafür sind die Preisvorstellungen von Unternehmensgründern oder Finanzinvestoren als Eigentümern von Unternehmen auf der einen Seite und den IPO-Investoren auf der anderen Seite noch immer viel zu weit voneinander entfernt. Beide sind noch an die Zeiten billigen Geldes mit Nullzinsen gewöhnt. Die neue Realität der Zinswende hat sich noch nicht Bahn gebrochen.

In letzter Zeit gab es nicht viele Verstecke, in denen Anleger Zuflucht vor der Krise suchen konnten. Nur 20 % des Stoxx 600 und nur drei Sektoren – Öl und Gas, Energie und Telekommunikation – konnten sich seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine über Wasser halten. Im ersten Halbjahr sind 13 Bill. Dollar Marktkapitalisierung an den globalen Aktienmärkten verdampft. Die Rotation von Wachstumsaktien zu Substanztiteln hat sich beschleunigt und den Nasdaq im Jahresvergleich um 29 % fallen lassen. Die Kurse der europäischen Börsenneulinge des Jahres 2021 sind laut Bank Berenberg im Durchschnitt um 24 % gefallen.

In den 1980er Jahren, als es das letzte Mal eine Inflation dieses Ausmaßes gab, entwickelte Jim Moltz – in den 90er Jahren Chief Investment Officer der Deutsche Bank Securities – die „Zwanzigerregel“. Danach ist der Markt fair bewertet, wenn das Kurs-Gewinn-Verhältnis 20 abzüglich der Inflationsrate beträgt. Bei einer europäischen Inflationsrate von derzeit etwa 8 % und einem Kurs-Gewinn-Verhältnis des Stoxx 600 von etwa 12 sind Aktien grob gesagt fair bewertet. Wenn aber die Inflation weiter ansteigen sollte, wie von vielen Investoren befürchtet, dann müssten auch die Kurse weiter herunterkommen, um als Einstiegsgelegenheit angesehen werden zu können.

Der Anteil Europas am globalen Volumen der Aktienemissionen war in der ersten Hälfte des Jahres 2022 mit 17 % so niedrig wie noch nie in einem halben Jahr zuvor. Da der Volatilitätsindex Vix – das „Angstbarometer“ – mit einem Wert von fast 28 immer noch deutlich über der für Börsengänge als entscheidend geltenden Marke von 20 liegt, ist der Anteil der IPOs am gesamten europäischen Aktienemissionsvolumen von 35 % im ersten Halbjahr 2021 auf nur noch 10 % in diesem Jahr zurückgegangen. Sekundärplatzierungen trugen 74 % zum europäischen Volumen bei, da eine Verlagerung zu Value-Aktien den Beteiligten die Möglichkeit bot, aus einigen Unternehmen in Sektoren wie Energie, Verteidigung und Banken auszusteigen, die seit Jahren nicht mehr so hohe Bewertungen aufwiesen.

Trotz der IPO-Flaute in der ersten Jahreshälfte war der Markt nicht für alle verschlossen. Der italienische Wasserstoff-Konzern und Thyssenkrupp-Partner Industrie De Nora wagte sich an die Euronext in Mailand und hat mit einem Emissionserlös von 455 Mill. Euro im Juni gezeigt, dass es immer noch eine Nachfrage nach sehr vorsichtig bewerteten, durch Cornerstone-Investoren gesicherten Börsengängen in den richtigen Sektoren gibt. Vom Emissionspreis von 13,50 Euro stieg der Kurs seither auf 14,84 Euro. Wenn sich das Fenster für Börsengänge im kommenden Jahr öffnen soll, dann wird der Markt weitere Ermutigung durch ein erfolgreiches Porsche-IPO sowie starke Gewinnausweise benötigen, um wieder in Schwung zu kommen.

BZ+
Jetzt weiterlesen mit BZ+
4 Wochen für nur 1 € testen
Zugang zu allen Premium-Artikeln
Flexible Laufzeit, monatlich kündbar.