KommentarWirecard-Prozess

Die Posse des Jan Marsalek

Der jüngste Brief des Tatverdächtigen Jan Marsalek an die Justiz hat im Wirecard-Betrugsprozess einen heftigen Streit der Beteiligten ausgelöst. Das Schriftstück des früheren Konzern-Vertriebsvorstands erweist sich als Gerichtsposse.

Die Posse des Jan Marsalek

Wirecard-Prozess

Die Gerichtsposse des Jan Marsalek

Von Stefan Kroneck
Von Stefan Kroneck

Der Betrugsprozess um die juristische Aufarbeitung des Zusammenbruchs von Wirecard ist um ein kurioses Kapitel reicher geworden. Vor dem Landgericht München wurde ein mit Haftbefehl gesuchter Tatverdächtiger plötzlich zur Hauptfigur. Der frühere Vertriebsvorstand Jan Marsalek löste mit einem Brief über seinen Anwalt an die Justiz am 53. Verhandlungstag ein heftiges Wortgefecht zwischen dem Vorsitzenden Richter Markus Födisch und den Verteidigern des Hauptangeklagten, Ex-Vorstandschef Markus Braun, aus. Brauns Rechtsbeistand Alfred Dierlamm sieht in dem Schriftstück einen Beleg dafür, dass sein Mandant unschuldig sei. Denn Marsalek soll in dem Schriftsatz erklärt haben, dass es das dubiose Drittpartnergeschäft in Asien doch gegeben habe. Dierlamms Strategie ist es, Braun als Opfer krimineller Machenschaften darzustellen.

Födisch stellte zu Recht Dierlamms Antrag, den Brief als Beweismittel in die Hauptverhandlung mit aufzunehmen, zurück. Dierlamms Vorwurf der Befangenheit des Richters, der den Prozess mit Bedacht und sorgsam führt, fängt nicht. Die Frage ist, wie das Schriftstück für den Verlauf des Prozesses einzuordnen ist. Brauns ehemaliger Vertrauter trägt nicht zur Aufklärung der Sachlage bei. Hätte Marsalek ein ernsthaftes Interesse daran, bei der Wahrheitsfindung entscheidend zu helfen, müsste er sich den zuständigen Strafverfolgungsbehörden stellen, um vor Gericht Rede und Antwort zu stehen. Stattdessen hält er sich seit mehr als drei Jahren versteckt. Zur Erinnerung: Wirecard kollabierte im Juni 2020, als sich das Drittpartnergeschäft als Luftnummer erwies. Marsalek ergriff seinerzeit die Flucht.

Angesichts dieser Fakten wird der Brief keineswegs für eine Wende sorgen, sollte er sich weiterhin der Justiz entziehen und keine überzeugenden Belege vorweisen. Die Beweislage ist nach bisherigem Stand erdrückend. Das Drittpartnergeschäft hat es mit hoher Wahrscheinlichkeit nie gegeben. Es erwies sich als fulminante Bilanzfälschung, die einen Schaden von mehr als 3 Mrd. Euro angerichtet hat. Das belegen die Aussagen des Kronzeugen, des Wirtschaftsprüfers KPMG und die Gutachten des Wirecard-Insolvenzverwalters. Die Verantwortung für den Schaden trägt Braun kraft seiner früheren Rolle als CEO. Der Frage, ob er dabei wie ein bandenmäßig organisierter Betrüger agierte, wie die Staatsanwaltschaft München ihm vorwirft, wird das Gericht in den folgenden Verhandlungstagen geduldig nachgehen. Bis zum Urteil gilt die Unschuldsvermutung. Marsaleks Brief entpuppt sich als Gerichtsposse.

Der Brief des flüchtigen Tatverdächtigen Jan Marsalek trägt nicht zur Aufklärung des Wirecard-Betrugs bei.